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Frankfurter Anthologie : Arne Rautenberg: „du denkst“

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ

Der Schriftsteller und Künstler Arne Rautenberg interpretiert ein Kurzgedicht von sich selbst – und gibt Einblick in seinen lyrischen Schaffensprozess.

          Es gibt auch kurze Gedichte. Sehr kurze sogar. Dieses besteht nur aus einem Titel und einer Zeile. Also nenne ich diese Gedichtform Einzeiler.

          Ich schreibe meistens in der Nacht. Während Frau und Kinder um mich herum schlafen, sitze ich bei absoluter Ruhe im Arbeitszimmer vor meinem Laptop und warte darauf, dass etwas in meinem Kopf passiert. Mir etwas in den Sinn kommt. Es geht ums Zulassen. Ich schreibe stets ins Blaue hinein, möchte mich beim Schreiben von mir selbst überraschen lassen. Gedichteschreiben hat auch etwas mit Kontrollverlust zu tun, das ist mir in den letzten Jahren klargeworden. Und vielleicht trinke ich deshalb manchmal nach dem Bier einen Ouzo zu viel. Weil ich möchte, dass noch mehr kommt. Weil ich noch nicht genug habe. Meinen Hals nicht vollkriege. Weil ich gierig nach Worten und den mit ihnen im Kopf einherlaufenden Bildern bin.

          Und wenn ich nicht weiterkomme, gehe ich vor die Tür, rauche eine Zigarette und schaue in die Sterne. Wenn gar nichts geht, reflektiere ich mich selbst, oft ohne es recht zu merken. du denkst du hast etwas zu sagen. Plötzlich steht eine erste Zeile da. Der Cursor blinkt nach mehr, doch anstatt weiter voranzudenken, halte ich inne. Habe ich denn etwas zu sagen? Ich spüre, als ich über das fehlende Komma nachdenke, wie die Zeile in zwei Teile zerfällt. Der Graben zwischen den beiden Teilen gerät immer größer, wird mit einem Mal zum Thema. Schon gesellt sich das Kaum-fängt-es-an-ist-Schluss-Gefühl bei, und so teile ich zum prüfenden Betrachten die sieben Worte in Titel und Gedichtzeile. Der Schreibfluss stockt. Der banale Einzeiler gerät zur Bremse, wobei es ihm gelingt, eine meditative Reflexion über mich im Besonderen und das Schreiben im Allgemeinen in Gang zu setzen.

          Im Fegefeuer zwischen dem Wesentlichen und dem Belanglosen

          Denn genau da stehe ich beim Schreiben: im Fegefeuer zwischen dem Wesentlichen und dem Belanglosen. Mal glaube ich, dass sich kraft meiner Gedanken und meiner Schreiberfahrung die lyrische Selbstbehauptung rechtfertigen lässt – eben weil sie für Leserinnen und Leser im besten Fall Gewinn abwirft (so wie mir Gedichte von Tomas Tranströmer, Christine Lavant, Emily Dickinson oder Gottfried Benn dieses bis in die Knochen reichende, weiße Klingeln beigeben!) –, dann wieder glaube ich, dass ich nur denke, etwas zu sagen zu haben; denn was bitte soll ausgerechnet mich exponieren, im Chor der Zeitgenossenschaft meine Stimme zu heben und ein Solo anzustimmen? Dazu kommt, dass selbst wenn ich denke, etwas zu sagen zu haben, ich Teil einer Welt bin, in der alle anderen genau wie ich denken, dass sie etwas zu sagen haben. In welcher intellektuellen Höhe die Verlautbarungen vonstattengehen, spielt keine Rolle, denn eventuell ist das Praktisch-Alltägliche ja viel sinnfälliger und mitteilenswerter.

          Doch wovon sprechen alle weiter Denkenden? Vielleicht darüber, worüber man sprechen sollte, wenn alles der Endlich- und der Nichtigkeit anheimgegeben ist: die eigene Existenz, die Existenz der Nachkommen, die Veränderungen der Geschichten, der Umwelt, der Sprache. Alles nur eine Frage der Zeit, klar – doch der Mensch hat den Zeitraffer erfunden, um Zeitreisen wenigstens visualisieren zu können und gedanklich davonzuschießen.

          Ist der persönliche lyrische Ausdruck in letzter Konsequenz mehr denn eine Anmaßung als kurzatmige Überlebensstrategie? Eine originäre Form der tröstlichen oder betäubenden Selbstüberlistung, um als aufwachsendes Ich etwas besser mit seiner abstürzenden Existenz klarzukommen.

          Es ist weit nach Mitternacht. Noch immer blinkt der Cursor hinter dem letzten Wort der Zeile: „sagen“ ...Ich kann dieses Gedicht nicht weiterschreiben. Die metaphysische Tür scheint mir weit genug aufgestoßen.

          Das Gute an Gedichten ist, dass niemand genau sagen kann, wann ein Gedicht ein Gedicht ist und wann nicht. Wenn ich sage, dieser Einzeiler ist ein Gedicht, dann ist er eins. Und in dem Moment, in dem ich den Computer runterfahre, mich hinlege und das Licht lösche, verschwinde ich abermals im Graben zwischen Sagbarem und Unsagbarem.

          Arne Rautenberg: „du denkst“

          du hast etwas zu sagen

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