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Frankfurter Anthologie : Paul Celan: „Drüben“

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Der deutschsprachige Künstler aus Rumänien, Paul Celan (1920-1970), wurde durch seine Gedichtsammlung „Mohn und Gedächtnis“ bekannt. Bild: Picture-Alliance

Es ist vermutlich das früheste Gedicht des Dichters der "Todesfuge": ein meisterlicher Beginn, der wie viele der nachfolgende Werke kaum auszudeuten ist, sondern seine Rätsel bewahrt.

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          Paul Celan, der das bedeutendste lyrische Werk deutscher Sprache nach 1945 verfasst hat, wird unablässig mit der Frage einer Lyrik nach Auschwitz in Verbindung gebracht. Das engt den Blick auf seine Gedichte häufig ein. Selten wird daran erinnert, dass sein Schreiben schon vor Auschwitz begonnen hatte – noch unter dem Namen Paul Antschel in der versunkenen Welt von Czernowitz, der einstigen Hauptstadt des K.-u.-k.-Kronlandes Bukowina, das bei seiner Geburt schon zu Rumänien gehörte. Dennoch wurde im Hause der Familie Antschel unverändert Deutsch gesprochen, und Pauls literarische Bildungserlebnisse fanden in dieser Sprache statt, die ihn besonders mit der feinsinnigen Mutter verband. Dabei war die umfangreiche Privatbibliothek von Bedeutung, die Karl Horowitz gehörte, dem Vater von Pauls Jugendfreundin Edith Silbermann. Sie berichtet in ihren Memoiren, wie sie ihren Freund mit Schätzen aus den Bücherschränken ihres Vaters versorgte, mitunter heimlich, weil die Bücher nicht das Haus verlassen durften. Klassik, Romantik und Realismus fanden so ihren Weg zu dem angehenden Dichter, dazu Mörike, Hesse und Gedichte von Heym, Trakl und George, besonders um Rilke habe man einen wahren Kult betrieben.

          An Celans mutmaßlich frühestem Gedicht, „Drüben“, das um 1939/40 entstand und wohl auch im Hause Horowitz geschrieben worden ist, lässt sich ablesen, wie glücklich, unüberschattet und im Einklang mit den Vorbildern dieser Anfang war. Es ist – mustergültig für ein erstes Gedicht – eine Aufbruchsphantasie, kontrapunktiert aber durch ein Zögern, dem Fernweh nachzugeben, weil der Ort, den es zu verlassen gilt, kaum weniger reizvoll zu sein scheint als die Weite, in die derjenige gerufen wird, der noch auf der Schwelle verharrt. „Erst jenseits der Kastanien ist die Welt“ – schon mit dieser aus dem Block der ersten Strophe gelösten Auftaktzeile, die noch zweimal wiederkehrt in diesem an Anklängen und Refrains reichen Gedicht, ist ein Ton angeschlagen, ein Bild gesetzt, eine Situation eröffnet. Nur die Grenze zwischen heimischer Enge und zauberischer Weite wird benannt, und doch sieht man eine ganze Kindheitslandschaft.

          Eine Sache zwischen dem Wind und ihm selbst

          Es ist ein meisterlicher Beginn, wenn dieser Vers auch nicht nach Celan klingen will, den es zu diesem Zeitpunkt als Autor ja noch gar nicht gab. Aber bei Rilke könnte dieser Vers nicht stehen, eher bei Huchel, auch noch nach dem Krieg, als er für Celan selbst schon nicht mehr möglich war. Auf der Bühne des Gedichts vertreten die Kastanien die Erlen aus Goethes berühmter Ballade vom Erlkönig. Es ist eine ähnlich unheimliche nächtliche Stimme, die leise etwas verspricht, nur ein personifizierter Naturgeist tritt nicht auf, auch dessen Töchter und der den Knaben beschützende Vater fehlen. Bei Celan, dem Knabenalter eben entwachsen, ist es eine Sache zwischen dem Wind und ihm selbst, allerdings merkwürdig gespalten in ein Ich und ein Er. Die vom „Wind im Wolkenwagen“ geweckte Person ist noch „irgendwer“, dann aber tritt ein eher selbstgewisses Ich auf, das den Wind an die Kette legen will und doch nicht sicher ist, ob es sich von ihm forttragen oder ihn ziehen lassen soll.

          Dieses Zögern gibt Rätsel auf, und so ist bereits das erste Gedicht des Autors, zu dessen Auslegung sich später ganze Germanistengenerationen die Finger wundschrieben, voller ungelöster Fragen. Engelsüß und roter Fingerhut sind doch gewiss sehr schön, warum sollte man für ihren Besitz nicht die Enge aufgeben können? Und was hat es mit dem Geheimzeichen des zirpenden Heimchens auf sich, soll der Wind sich selbst einen Reim darauf machen? Der junge Paul Antschel hat hier eine hochmusikalische Partitur aufgesetzt, die schon von Beginn an jede einsinnige Lesart hintertreibt.

          Und er hat mit Lust Klänge der Dichter verwoben, die ihm frisch in die Hände gefallen waren. So schließt der Vers „Doch wenn die Nacht auch heut sich nicht erhellt“ nah an George-Verse aus dem „Jahr der Seele“ an, in denen ebenfalls der Wind sein Wesen treibt: „Denn wird das glück sich je uns offenbaren / Wenn jezt die nacht die lockende besternte / In grüner garten-au es nicht erspäht ? / Wenn es die bunte volle blumen-ernte / Wenn es der glutwind nicht verrät?“

          Dichten als Fortschreibung solcher Vorläufer war für Paul Celan nicht mehr möglich, nachdem die Deutschen seine Eltern deportiert und ermordet hatten. Die Nacht ihrer Verschleppung hatte er, von Ahnungen geängstigt, bei Edith verbracht, seine Eltern waren zu müde gewesen, um noch das Haus zu verlassen. Wie schwer es ihm gleichwohl fiel, sich vom Formenrepertoire und dem Wohlklang der deutschen Tradition ganz zu lösen, zeigt in gewisser Weise noch die „Todesfuge“. Deutlich spricht es das Gedicht „Nähe der Gräber“ aus, das er 1944 in der Nähe des Lagers Michailowka schrieb, in dem seine Mutter erschossen worden war: „Und duldest du, Mutter, wie einst, ach, daheim, / den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?“ Das schöne Gedicht „Drüben“ nahm er in die Sammlung „Mohn und Gedächtnis“ nicht mehr auf, mit der er dann 1952 berühmt wurde. Er las es aber später noch für den Rundfunk ein, weswegen es uns auch mit seiner Stimme überliefert ist.

          Paul Celan: „Drüben“

          Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.
          Von dort kommt nachts ein Wind im Wolkenwagen und irgendwer steht auf dahier...
          Den will er über die Kastanien tragen:
          „Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!
          Erst jenseits der Kastanien ist die Welt...“

          Dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun, dann halt ich ihn, dann muß er sich verwehren: ihm legt mein Ruf sich ums Gelenk!
          Den Wind hör ich in vielen Nächten wiederkehren:
          „Bei mir flammt Ferne, bei dir ist es eng ...“
          Dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun.

          Doch wenn die Nacht auch heut sich nicht erhellt und wiederkommt der Wind im Wolkenwagen:
          „Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!“
          Und will ihn über die Kastanien tragen – dann halt, dann halt ich ihn nicht hier...

          Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.

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