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Frankfurter Anthologie : Friederike Mayröcker: „Dreizeiler am 21.2.1978“

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Bild: Jacqueline Godany

Friederike Mayröcker kann mit wenigen Worten einen enormen Spannungsbogen aufbauen. In drei Versen verhandelt sie das Schreiben und den Tod, das Vergängliche und das Wiederkehrende.

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          Beim Lesen von Gedichten verdient die Zahl der Verse Aufmerksamkeit, je geringer sie ist. Dies um so mehr, wenn wie hier noch der Titel einen „Dreizeiler“ ankündigt. Als selbständige Form ist er kaum etabliert, wenn auch als Terzine oder Terzett im größeren Zusammenhang, – der hier nun gerade nicht gegeben wird. Und auch die Datierung ist so ungewöhnlich wie aufschlussreich, wird doch immer wieder eine Diskussion darüber geführt, wie „entschieden historisch“ große Lyrik sei, so Goethe in einer Anmerkung über Pindar, oder dass das Gedicht den „Akut des Heutigen“ trage, wie es Paul Celan formuliert. Der Dreizeiler Friederike Mayröckers entbehrt wohl einer symbolischen Datierung, wie sie etwa aus den Ereignissen des Kalenders vorgegeben wäre, sein Titel könnte auch in einem Tagebuch stehen.

          Aber es ist den wenigen Versen dennoch ein großer Spannungsbogen eingeschrieben, – die Natur, in einer rhythmisch plausiblen Steigerung von der Blume bis zum Wald, erscheint nicht als bloßer Naturraum, sondern als Teil eines Kreislaufs, einer Fortdauer des Vergänglichen. Ganz anders als der aggressive Einstieg in T. S. Eliots „Waste Land“ – „April ist der grausamste Monat, er treibt / Flieder aus toter Erde“ (in der Übersetzung von Ernst Robert Curtius) –, sind hier gerade „die sanften Toten“ die Spender des Lebendigen, das im „immerfort“ einen zuversichtlichen Ausdruck findet.

          Anklänge an Goethes zweites Nachtlied

          Auffallend ist die rhythmische Gestalt des mittleren Verses, die mit dem einzigen Daktylus elegisch beginnt und mit einer harten Fügung endet, die sowohl durch den Binnenreim „Wald/bald“ wie auch durch das Zeichen eines (Vers-)Bruchs, die Virgel, markiert ist. Liest man das kleine Gedicht als Echo einer lyrischen Selbstvergewisserung aus der Konfrontation, aus dem Sich-Einlassen auf den Tod, dann ist der Anklang unüberhörbar: Goethes zweites Nachtlied des Wanderers, unter der Überschrift „Ein Gleiches“ das vielleicht meistvertonte Gedicht deutscher Sprache, beruft mit dem berühmten „Die Vögelein schweigen im Walde./Warte nur, balde,/Ruhest du auch“ den hier inszenierten Reim, der den Umschwung aus der immerfort lebendigen Natur in die Zeitlichkeit vermittelt, vom Wald zur baldigen Nähe des Todes. Überdies hat Mayröckers Lebensgefährte Ernst Jandl gerade dieses Goethe-Gedicht einer höchst virtuosen akustischen Dekonstruktion unterzogen, die auch auf Tonträger dokumentiert ist.

          Vom Tod spricht der dritte Vers explizit. Die Ankündigung „bald“ betrifft das lyrische Ich und seine eigene Begrenztheit. Der Schatten, den ein Fliederbaum wirft, ist der Schatten des Todes, ein Motiv, das aus der antiken Unterweltsvorstellung bis zu Mayröckers Hörspiel „So ein Schatten ist der Mensch“ reicht. Aber das kleine Gedicht bleibt nicht auf die schlichte Aussicht des eigenen Todes beschränkt. Es ist ein Fliederbaum, von dem zuletzt die Rede ist (wie bei Eliot). Er nimmt im Bilderhaushalt dieser großen Dichterin eine besondere Rolle ein, denn mit ihm verbindet sich eine prägende Kindheitserinnerung wie auch die Privatmythologie der dichterischen Berufung. „Ich wanderte dann umher und sah viele Fliederbüsche“, heißt es in einem kleinen Prosastück, das im ersten Band der „Magischen Blätter“ aus dem Jahr 1983 zu finden ist.

          An einem Pfingsttag – dem Kalenderdatum des Sprachwunders – sah das Kind einen kahlen Strauch, der zu brennen begonnen hatte. „Ich wanderte dann umher und kauerte nieder und schrieb im Anblick des brennenden Busches mein erstes Gedicht“. Der Flieder wird somit als Erinnerungszeichen greifbar, indem er das Schreiben – und in nichts anderem besteht das Leben der Autorin – und den Tod, das Vergängliche und das Wiederkehrende, wie auch das Dauerhafte, in einer Formulierung gekonnter Knappheit miteinander verbindet.

          Friederike Mayröcker: „Dreizeiler am 21.2.1978“

          es sprieszen immerfort die sanften
          Toten aus Blume Baum Gebüsch und Wald / bald
          meinen Schatten wirft ein Fliederbaum

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