https://www.faz.net/-gr0-a6yw7

Frankfurter Anthologie : Christian Morgenstern: „Drei Hasen“

  • -Aktualisiert am

Bild: picture alliance / dpa

Seht, was er erfunden hat! Das neue Jahre beginnt mit Versen, in denen die Poesie im Spiel von Sinn und Klang zu sich selbst kommt: Hier wird mit Lust gedichtet.

          2 Min.

          Manchem Gedicht ist eine kleine Poetik, eine Dichtungslehre eingeschrieben. Bei den „Drei Hasen“ von Morgenstern ist sie ganz explizit, aber auch, wie bei diesem Dichter nicht anders zu erwarten, schräg und kurios. Es beginnt mit einer Szenerie, die das Vorstellungsvermögen sprengt: Drei Hasen beim nächtlichen Tanz, einer doch eher menschlichen Tätigkeit; Hasen, die uns zugleich als Tiere anderer Art präsentiert werden, als Löwe, Möwe, Reh. Das Verb „ist“ unterstreicht, dass es sich hier nicht um eine Verkleidung, eine Metapher oder eine Sinnestäuschung handelt. Der Dichter dekretiert Identität, mit einer quasi mathematischen Gleichung: Hase gleich Löwe, Möwe, Reh.

          Die Frage, wie das sein kann und was das überhaupt soll, drängt sich auf. Die zweite Strophe nimmt diese Frage auf und spricht den Leser direkt an, jenen Leser, der die Szenerie an seiner Vernunft, seinem Realitätssinn misst. Und der Dichter wird deutlich: Fragen und Kommentare sind nicht angebracht. Mit dem ironischen Griff zur philosophischen Fachsprache („an sich“) proklamiert er die Dichtung als Einrichtung eigenen Rechts. Wem das immer noch nicht genügt, den setzt er einem Wirbel mathematisch-naturwissenschaftlicher Verfahren aus, auf Quadrieren und Wurzelziehen folgt die Kernspaltung (Purzel – Baum), schließlich der chemische Prozess des Extrahierens. Der Dichter entzieht der Textinterpretation (also auch dem, was wir hier gerade und in dieser Rubrik ständig tun) freundlich, aber bestimmt die Berechtigung. Die Frage, wie Dichtung funktioniert, beantwortet er mit absurder Mathematik. Seine Poetik ist eine Anti-Poetik.

          Lasst uns Sinn- und Klangwesen sein!

          Nun dürfen wir zurück zur Dichtung selbst. In der dritten Strophe sind die Hasen – Löwe, Möwe, Reh – wieder da, und jetzt sieht man auch mehr Details: Sie drehen sich, „wunderlich“, auf silbernen Zehen. So etwas gibt es nur im Traum – oder eben, und das ist hier das Thema, in der Poesie. Damit sie entsteht, braucht es weder Mathematik noch Chemie oder gar Alchemie, sondern allein Vorstellungskraft – des Autors, der Leser – und Freude am Spiel mit Sinn und Klang, mit dem Doppelcharakter der Sprache. Denn die Möwe und das Reh sind Sinn- und Klangwesen. Sie verdanken ihre Existenz der lautlichen Nähe; sie tun es, wie das berühmte „ästhetische Wiesel“ auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel, „um des Reimes Willen“. Die Möwe braucht den Löwen, das Reh den See.

          Morgenstern hat gern neue Tierarten erfunden, das Mondschaf, das Nasobem. Darum geht es ihm hier nicht. Auch nicht um metaphorische Bedeutungsübertragung wie etwa „Hase mit Löwenmut“. Es geht ihm um die Verwandlung an sich, das Potential eines Dinges oder Wesens, das eine zu sein und zugleich etwas anderes. Was die klassische Mathematik (und die Weltvernunft) ausschließt, in der Dichtung ist es möglich, findet es statt. Und nur hier: Das zeigen die doch eher hilflosen Versuche, die „Drei Hasen“ zu bebildern (man kann sie sich tatsächlich als „Bio-T-Shirt“ bestellen, geschmückt mit Hasenköpfen auf Löwen-, Möwen-, Rehkörpern).

          „Drei Hasen“, vor mehr als hundert Jahren entstanden (der Dichter, sein Leben lang lungenkrank, starb 1914 in Meran, nur 42 Jahre alt) gehört nicht zu den berühmten Gedichten Morgensterns wie „Fisches Nachtgesang“ oder „Lattenzaun“, es ist nicht Bestandteil der „Galgenlieder“. Unpopulär ist es nicht, so trifft man es gelegentlich in Kindersammlungen oder -gärten an, allerdings wird da nur die erste Strophe genutzt und nachgespielt. Der ganze Text zeigt, wie wenig das Klischee vom „Humoristen“ oder „Nonsens-Dichter“ Morgenstern erfasst (von der ernsten Lyrik des Mystikers und Anthroposophen gar nicht zu reden). „Drei Hasen“ spielt mit der poetischen Phantasie und macht sich freundlich über den Versuch lustig, ihrer intellektuell habhaft zu werden. Zergrübelt nicht – lest einfach, sagt der Dichter, und ihr werdet mit eurem inneren Auge sehen, was ich erfunden habe.

           

          Christian Morgenstern: „Drei Hasen“

          Eine groteske Ballade

          Drei Hasen tanzen im Mondenschein
          im Wiesenwinkel am See:
          Der eine ist ein Löwe,
          der andre eine Möwe,
          der dritte ist ein Reh.

          Wer fragt, der ist gerichtet,
          hier wird nicht kommentiert,
          hier wird an sich gedichtet;
          doch fühlst du dich verpflichtet,
          erheb sie ins Geviert,
          und füge dazu den Purzel
          von einem Purzelbaum,
          und zieh aus dem Ganzen die Wurzel
          und träum den Extrakt als Traum.

          Dann wirst du die Hasen sehen
          im Wiesenwinkel am See,
          wie sie auf silbernen Zehen
          im Mondschein sich wunderlich drehen
          als Löwe, Möwe und Reh.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Januar 2017: Donald Trump und Steve Bannon im Weißen Haus

          Kurz vor Amtsübergabe : Donald Trump begnadigt früheren Chefstrategen Steve Bannon

          In den letzten Stunden seiner Präsidentschaft hat Donald Trump mit Steve Bannon einen seiner früheren engsten Vertrauten begnadigt. Auf der Liste stehen noch 72 weitere Personen – Mitglieder seiner Familie oder gar der Präsident selbst aber nicht. Dafür kassiert Trump noch ein frühes Wahlversprechen.
          Unser Autor: Jasper von Altenbockum

          F.A.Z.-Newsletter : Joe Bidens Tag

          Schon wieder spielt die Pfalz eine Rolle bei der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten. Und schon wieder ist über neue Corona-Maßnahmen zu reden. Das und mehr steht im Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.