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Frankfurter Anthologie : Robert Frost: „Die unverschlossene Tür“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Auf Zehenspitzen durch den dunklen Flur – unheimlich ist die Atmosphäre dieser Zeilen eines der größten Dichter Amerikas, unheimlich und unvergesslich.

          3 Min.

          Robert Frost, der berühmteste amerikanische Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts, ist bei uns trotz seiner immer wieder gepriesenen Klarheit und Unverstelltheit nur wenig übersetzt worden. Die Spürnase Ezra Pound hat schon 1913 die ersten, in einem Privatdruck in England erschienenen Gedichte Frosts als eine „contribution to American literature“ über den grünen Klee gelobt; Robert Lowell, dreißig Jahre alt, schrieb 1947 an Frost: „Komplimente sind ein schmutziges Geschäft, aber ich muss Ihnen sagen, dass mich nichts, was in englischer Sprache geschrieben wird, so tief berührt wie Ihre Gedichte“; John F. Kennedy bat ihn, bei seiner Amtseinführung ein Gedicht vorzutragen (was natürlich viel Neid hervorrief); seine Auszeichnungen sind zahllos (allein viermal erhielt er den Pulitzer-Preis, für den Nobelpreis war er dreißigmal vorgeschlagen worden, hat ihn aber nicht erhalten, dafür haben viele Nobelpreisträger über ihn geschrieben, Joseph Brodsky, Derek Walcott und der stark von ihm beeinflusste Seamus Heaney); die Liste der Doktorhüte und Preise und Medaillen ist ellenlang. Und in der schönen neuen Werkausgabe von Thomas Kling kann man einen Aufsatz über den „Vergil aus New Hampshire“ nachlesen, geschrieben anlässlich der Veröffentlichung der Übersetzung von „Promises to keep“ durch Lars Vollert bei Langewiesche-Brandt im Jahr 2002. Kling weist auch auf die Nähe zu den Bildern Edward Hoppers hin, die zur selben Zeit entstanden wie die berühmtesten Gedichte Frosts. Kurz, der Dichter Robert Frost, der nach Joseph Brodsky „so amerikanisch ist wie apple pie“, ist mal wieder zu entdecken.

          Vorbereitungen für die Nacht

          Schaut man in elektronischen Antiquariatskatalogen nach, wird man immer wieder auf eine Ausgabe von Frosts Gedichten stoßen, die 1952 im Kessler Verlag in Mannheim erschienen ist (wo sonst eher Bücher des NS-Barden Gerhard Schumann publiziert wurden, Gründer des rechtsradikalen Hohenstaufen-Verlags): „Gesammelte Gedichte“. Übertragen von Alexander von Bernus, Hermann Claudius, Eva Hesse, Wilhelm Lehmann, Hans Leip, Kurt Erich Meurer, Dagmar Nick, Robert R. Schnorr, Hermann Stock und Georg von der Vring. Der Band enthält viele der berühmten Gedichte von Frost, unter anderem das in amerikanische Schulbücher eingegangene „Stopping by Woods on a Snowy Evening“ in von der Vrings Übersetzung, das zehn Jahre später noch einmal von Celan verdeutscht wurde. Von der Vring übersetzt die beiden letzten gleichlautenden Verse („And miles to go before I sleep“) mit: „Und fahr noch weit, bevor ich ruh, / Und fahr noch weit, bevor ich ruh.“ Celan variiert sie: „Und Meilen, Meilen noch vom Schlaf, / Und Meilen Wegs noch bis zum Schlaf.“

          Auch „Die unverschlossene Tür“ hat Georg von der Vring übersetzt, mehr noch: Er hat ein eigenes Gedicht daraus gemacht. Dieser leider nicht mehr gelesene Dichter, der sich 1968 in München das Leben nahm, hatte einen siebten Sinn für den Klang, seine liedhaften Gedichte sind Meisterwerke gereimter Poesie. Frosts Gedicht beginnt wie eine Gruselgeschichte von Edgar Allan Poe. Man stelle sich eines der leerstehenden Häuser in New Hampshire vor, wie sie Edward Hopper gemalt hat. Es wird dunkel, man bereitet sich auf die Nacht vor, kein Fernseher kann einen retten. Da klopft es. Wer kann das sein? Mir fällt die Zeile aus den „Schwarzen Ansichtskarten“ von Tomas Tranströmer ein: „Mitten im Leben geschieht’s, dass der Tod kommt / und am Menschen Mass nimmt. Diesen Besuch vergisst man, / und das Leben geht weiter. Doch im stillen wird der Anzug genäht.“

          Bei Frost geht der Erzähler auf Zehenspitzen durch den dunklen Flur zur Tür, die Hände ängstlich an die Wangen gepresst wie auf Munchs Bild „Der Schrei“. Keiner lässt sich blicken, vielleicht hat man sich auch verhört. Erst als man zurück ist im Zimmer, begreift man, dass das Klopfen in einem selber stattfand. Was tun? Etwas in einem meldet sich zu Wort, das lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Erst wenn man es annimmt und auffordert einzutreten, kann man es einschätzen. Für den Erzähler bedeutet es nichts anderes, als das Haus, das nun als Käfig erscheint, schleunigst zu verlassen, to hide in the world / And alter with age: Verbarg in der Welt mich / und ward, der ich bin. Es ist eines dieser Gedichte, die man nie mehr vergisst, gerade auch deshalb, weil manche Reime gewissermaßen verstolpert sind, wie das seltsame „zu dem, was das Pochen / Gewesen mag sein“, das ich auch beim fünften Mal zunächst richtig lese – und natürlich falschliege. Für Frost war reimloses Dichten wie Tennis ohne Netz, aber nichts ist langweiliger, als wenn der Ball immer wieder nur eine Flugbahn kennt.

          Frosts Personen, hat der schlaue Pound gesagt, seien unverkennbar echt, er habe sie gekannt. Dem kann ich nur zustimmen: Er hat nicht nur seine Personen gekannt, sondern auch mich, den Leser. Also auch Pound. Vielleicht hat der deshalb den Nachsatz angefügt: „Ich verspüre keine große Lust, ihnen zu begegnen.“ Aber das lässt sich nur vermeiden, indem man diese Gedichte nicht liest.

          Robert Frost: „Die unverschlossene Tür“ / „The Lockless Door“

          Es rannen die Jahre,
          Doch zuletzt kam ein Pochen,
          Und ich dacht: an der Tür,
          Und die Tür ist doch offen.

          Ich löschte das Licht,
          Schlich auf Zeh’n durch den Gang
          Und hob als Beschwörung
          Die Hände zur Wang.

          Doch das Pochen kam wieder.
          Die Tür stand weit auf;
          Ich trat auf die Schwelle
          Und ging hinaus.

          Und als ich zurückkam
          Da sagt ich „Tritt ein“
          Zu dem, was das Pochen
          Gewesen mag sein.

          Auf solch ein Pochen hin
          Entfloh ich dem Käfig,
          Verbarg in der Welt mich
          Und ward, der ich bin.

          Aus dem Amerikanischen von Georg von der Vring

          ***

          It went many years,
          But at last came a knock,
          And I thought of the door
          With no lock to lock.

          I blew out the light,
          I tip-toed the floor,
          And raised both hands
          In prayer to the door.

          But the knock came again
          My window was wide;
          I climbed on the sill
          And descended outside.

          Back over the sill
          I bade a "Come in"
          To whoever the knock
          At the door may have been.

          So at a knock
          I emptied my cage
          To hide in the world
          And alter with age. 

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