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Frankfurter Anthologie : August Stöber: „Die Tonleiter“

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Bild: Picture-Alliance

Ein Dichter verbindet Musik und Eros. Seine Verse werfen aber auch andere Fragen auf: Warum sind Frauenstimmen heute oft tiefer als früher?

          2 Min.

          Musikgedichte gibt es viele. Aber selten wird die Tonleiter – die Töneleiter, wie der Verfasser sie nennt – so eindrucksvoll poetisch verklärt wie hier. Uns Heutigen tritt die Skala des Tonsystems meist horizontal entgegen, aufgereiht auf den weißen und schwarzen Tasten eines Klaviers. In August Stöbers Gedicht jedoch spannt sich die Tonleiter – wie eine echte Leiter! – vertikal in die Höhe, vom „Schoos der Erde“ zu den Fernen des Himmels.

          Der Dichter verbindet die Musik mit dem Eros, die Aufeinanderfolge von Tönen mit den auf- und absteigenden Stimmen der Geschlechter. Eine solche Allianz zu beschreiben, sie als eine lebende Tonleiter zu entdecken und zu feiern – darauf muss man erst einmal kommen. Das hat nicht einmal Ovid in seiner Ars Amatoria geschafft. Stöbers anmutiges Poem ist gewiss kein lyrisches Nonplusultra; es kommt ganz alltäglich und selbstverständlich daher. Aber es ist eine geschickte Verbindung von Liebesgedicht und Musikgedicht, volkstümlich anheimelnd in schlichten, ein wenig altertümlich klingenden Worten – und Freunde der Musik beeindruckend mit der Kunst lyrischer Intonation.

          Hinauf und hinab – Liebe im Tonsystem

          Wer war der Verfasser? August Stöber (1808 bis 1884) ist heute unbekannt und längst vergessen. In Straßburg geboren, Privatlehrer und Bibliothekar, schrieb er Gedichte und Erzählungen und sammelte elsässische Sagen und Überlieferungen. Er stand der schwäbischen Dichterschule nahe. Übrigens war er mit Georg Büchner befreundet und lieferte diesem die Informationen über Reinhold Lenz, die dieser für seine Erzählung „Lenz“ verwendete.

          Stöber macht sich den Umstand zunutze, dass Männer und Frauen unterschiedliche Stimmen haben, genauer: dass die Frauenstimmen gegenüber den Männerstimmen bis zu einer Oktave höher sein können. Angela Merkel hat diesen Umstand übrigens zu den spezifisch weiblichen Schwierigkeiten in der Politik gerechnet. In der Tat tun sich Männer mit ihren Bässen leichter im öffentlichen Diskurs – man ist an tiefe Stimmen eher gewöhnt als an Höhen, die manchmal auch schrill klingen können. In Stöbers Gedicht freilich haben die Frauen diesen Nachteil nicht. Hier folgt der Mann staunend dem Aufstieg der weiblichen Stimme in Höhen, denen er nicht mehr folgen kann, er genießt die wechselseitige Durchdringung, das Ineinander der Stimmen in der Mitte – und er schlägt, wenn sich sein Fach am Schluss als Grund und Träger des Gesangs erweist, keineswegs triumphierende Töne an. Denn was ist solches Bass-Fundament schon, verglichen mit den Engelsstimmen in der Höhe!

          Feministisch klingt das Ganze gleichwohl nicht. Der Ton ist beharrlich-gleichsinnig – sogar ein Quäntchen Egalitarismus schwingt mit. Mann und Frau gehen bei Stöber nicht einfach eine leutselige Harmonie ein, sie bleiben zwei verschiedene Individuen, zwei Menschen, die sich an derselben Tonleiter auf- und abarbeiten bis zu dem Punkt, an dem nur noch der andere – die andere – weiß, wie es weitergeht. In der industriellen Gesellschaft werden die Frauenstimmen tiefer. Sie sind, so ein Ergebnis der Stimmenforschung, oft nicht mehr eine Oktave, sondern nur noch eine Quint höher als die Männerstimmen. Das hängt mit veränderten Rollenbildern zusammen. „Die heutige Frau steht voll im Leben. Sie muss nicht mehr beschützt werden. Deshalb klingt sie auch anders“ – so der Leipziger Phoniater Michael Fuchs. Das freilich konnte August Stöber in seiner „Töneleiter“ (1834) noch nicht ahnen!

          August Stöber: „Die Tonleiter“

          Mit dem holden Lieb selbander
          Sang ich jüngst die Töneleiter,
          Und wir stiegen miteinander
          Stimm’ in Stimme fügend weiter.

          Aber zu den höchsten Sprossen
          Konnt’ ich nicht mein Kind ereilen;
          Hell und heller stet ergossen
          Ihre Töne sich derweilen.

          Und ich lauschte, wie sie steigend
          Mich in Engelslauten wiegte,
          Bis sie wieder, hold sich neigend,
          Sich an meine Stimme schmiegte.

          Drauf sich inniger durchdringend
          Schwebten seelig unsre Stimmen,
          Bis, die Leiter niederklingend,
          Sie nicht weiter konnte klimmen.

          Aus der Männerbrust indessen
          Hat sich voller Klang geschwungen,
          Ganz die Leiter zu ermessen,
          Bin ich tief hinabgedrungen.

          Liebchen, in den Schooß der Erde
          Will ich tiefe Wurzel schlagen,
          Festen Grundes ohne
          Fährde Dich und deinen Himmel tragen.

          Dann aus hellem Engelsmunde
          Laß mich deinen Frieden lernen,
          Gieb mir oft getreue Kunde
          Hoch aus deinen Himmelsfernen!

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