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Frankfurter Anthologie : Jürgen Brôcan: „Die Schaukel“

  • -Aktualisiert am

Bild: akg-images / Hansgert Lambers

Wiederholung und gleichmäßige Bewegung ist mehr als nur Spiel. Jürgen Brôcans Gedicht will uns das Schaukeln als geistliche Übung lehren.

          Rilke hat einmal von den erlebten als den uns mitwissenden Dingen gesprochen. Dinge, die zur Neige gehen und nicht mehr ersetzt werden können. Die Schaukel dürfte nicht dazugehören. Sie aufzubauen ist nicht kompliziert, und nirgendwo auf der Welt ist sie jemals aus der Mode gekommen. Jedes Kind erblickt in ihr das Versprechen eines Glücks, das immer in Erfüllung geht und anderweitig nicht so schnell gewonnen werden kann. Die Schaukel in Jürgen Brôcans Gedicht ist jedoch mehr als nur ein Spielwerk rein physischen Vergnügens. Denn obwohl die Verse eingangs im Ton eines Handbuchs der Mechanik sprechen, sind sie ganz auf das Gegenteil aus. Sie wollen einweihen ins Schaukeln als geistliche Übung.

          Doch worin besteht sie, und was ist der Sinn? Zuerst einmal ein Sich-Bewegen, ein In-Schwung-Kommen, und das, sofern nicht angeschoben wird, nicht durch andere, sondern durch einen selbst. Dazu die Bewegung an sich, ihr Verlauf, die Grazie der stetigen Umkehr: im Kreisbogen vorwärts zum Himmel hinauf, im Kreisbogen rückwärts zur Erde hinab, dann rückwärts erneut zum Himmel empor, dann vorwärts wieder zur Erde zurück. Jauchzen und Schweben zwischen den Wendepunkten, sooft und solange man will. Ewige Wiederkehr derselben Beglückung. Fahrtwind von vorn, Fahrtwind von hinten, Steigen des Blickpunkts, Fallen des Blickpunkts. Zweierlei Kräften setzt man sich aus. Die einen treiben den Körper von der Drehachse fort, die anderen ziehen ihn zu ihr zurück. Durch Beugen und Strecken der Beine wird der Schwerpunkt verlagert und damit Tempo, Ausschlag und Dauer der Schwingung beeinflusst. Der Schaukelnde hält sich mit beiden Händen an den Seilen fest, die über ihm an einem Balken oder Baum befestigt sind. Von der Seite sieht das Ganze aus wie ein Pendel, ein Mobile, ein „umgedrehtes Metronom“, das seinen Takt einhält. Es schlägt zur einen, es schlägt zur anderen Seite aus. Einen Point of no return gibt es hier nicht. „Schaukeln ist Bewegung an Ort und Stelle“, sagt das Gedicht. „Vor und zurück in derselben Bahn.“

          An Ketten hängend schweben wir umso leichter

          Ist es das, was dem Geist auf die Sprünge hilft? Bewegung ohne Fortbewegung? Freude am Wiederholen? Man möchte es meinen. Denn was ist der Wahnsinn der Welt anderes als der Wahnsinn der Mobilität? Zu üben wäre das bewegte Verweilen, die mobile Immobilität. Schaukeln wie ein Neugeborenes in der Wiege, wie die Pflanzen im Wind. Sie wurzeln fest und bewegen sich doch.

          Doch wer schaukelt, wiegt nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Geist. Und mit ihm die Sinne, das Wahrnehmen der äußeren Dinge. „Was hoch oder was tief steht, / bleibt, was es ist und war, / es ändert sich bloß / die Perspektive.“ Gewandelte Aussicht aber ist gewandeltes In-der-Welt-Sein. Ichgefühl und Weltgefühl lösen sich aus der Fessel Gewohnheit, sie schwingen frei in ganz neuen Resonanzen.

          Doch wer ist St. Prokulus? Was hat es auf sich mit ihm am Ende des Gedichts? Er stammt aus Verona, von wo er fliehen musste, als heidnische Regenten ihm mit Verfolgung drohten. Die Nachwelt begegnet dem Heiligen auf einem frühchristlichen Fresko in der Dorfkirche in Naturns bei Meran in Südtirol. Zu sehen ist, wie er in faltenreichem Gewand und mit offenen, ins Weite blickenden Augen auf einer Schaukel sitzt und mit den Händen nach den Seilen fasst, ohne sich an ihnen festzuhalten. „St. Prokulus der Schaukler / tat nur so, als müsse er / das Seil mit Händen greifen.“ Vielleicht liegt hier der Unterschied zwischen profanen und nichtprofanen Schauklern. Die einen halten sich mit eigenen Händen fest, die anderen werden von unsichtbarer Hand gehalten. Die einen wiegen sich, die anderen werden gewiegt. Doch entrückt sind sie beide und einander näher, als sie glauben.

          Jürgen Brôcan: „Die Schaukel“

          Viele Jahre blieben
          meine Beine in Bodennähe,
          ich hatte vergessen, daß Schaukeln
          eine geistliche Übung ist.

          Schwung aus eigenem Anstoß,
          unter Ausnutzung von Fliehkräften,
          ständiges Verlagern
          des Standpunkts: Schaukeln
          ist Bewegung an Ort und Stelle.

          Vor und zurück in derselben Bahn.
          Ein umgedrehtes Metronom,
          Musik, die befreit ist vom
          Rhythmus des Atems, Herzens.

          An Ketten hängend,
          schwebt man umso leichter,
          je anstrengender das Einwiegen ist.

          Was hoch oder was tief steht,
          bleibt, was es ist und war,
          es ändert sich bloß
          die Perspektive.

          St. Prokulus der Schaukler
          tat nur so, als müsse er
          das Seil mit Händen greifen.

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