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Frankfurter Anthologie : Friedrich Schiller: „Die Pest. Eine Fantasie“

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Bild: AP

Schiller war nicht nur Dichter, sondern auch Mediziner. 1782 schrieb er ein Gedicht über giftigen Nebel, ausgestorbene Städte und Seuchen, die den Optimismus des Menschen auf eine harte Probe stellen.

          2 Min.

          Die großen Pestepidemien des Mittelalters waren in Europa nach einem letzten Ausbruch in Marseille 1720 weitgehend überwunden. Wenn Schiller in seiner „Anthologie auf das Jahr 1782“ eine ,Fantasie‘ unter diesem Titel ankündigt, dann gilt sie wohl nicht dieser Krankheit allein. Vielmehr benutzt der junge Medizinabsolvent der Hohen Karlsschule den lateinischen Begriff ‚pestis‘ im eigentlichen Sinne von Seuche. Schließlich hatte er kurz zuvor neben seiner psychosomatisch orientierten Dissertation „Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“ eine lateinische Pflichtübung über entzündliche und faulige Fieber im Zeichen der traditionellen Säftelehre seit Galens Zeiten vorlegen müssen. Mit der Symptomatik der „febrium inflammatoriarum et putridarum“, die auch epidemische Infektionskrankheiten begleiten, kannte er sich also nach damaligem Wissensstand bestens aus.

          Um „würgende Seuchen“ als bedrohliches Schreckgespenst darzustellen, greift Schiller nach den stärksten Bildern und Worten. Die „Pestilenzen“, deren winzige Erreger noch unbekannt waren, schleichen auf grausame Weise durch die „Grabnacht“. Damit gleichen sie den schleichenden „febres putridae“, die in der Dissertation genauer behandelt werden. Erst zeigt die Psychologie der Angst physische Folgen wie klopfendes Herz, gichtrische Zuckungen, grässliches Lachen des Wahnsinns. Nach einer Infektion folgen dann Schwäche und Auszehrung, die Erkrankten drängen „hager – hohl und bleich“ ins „finstre Reich“ des Todes.

          Giftige Nebel um ausgestorbene Städte

          Schon in der antiken Humoralpathologie machte man giftige Ausdünstungen, sogenannte Miasmen in der Luft, für die Übertragung des Übels verantwortlich. „Gift’ger Nebel“ sorgt im Gedicht entsprechend für „ausgestorbne Städte“. Das mag Anlass zu Panik gegeben haben, welche der oft übertreibende Rhetoriker Schiller in „heulende Triller“ fasst. Schon der Gottesleugner Franz Moor meint die „hellen Triller“ der Hölle zu vernehmen, als er im letzten Akt der „Räuber“ – von apokalyptischen Träumen in den Wahnsinn getrieben – zur Hutschnur greift und sich erdrosselt. Wie das Drama, so stellt auch das Gedicht die Glaubensfrage im Zeichen der Krise. Seit dem Erdbeben in der Hauptstadt Portugals 1755 geht es in vielen Texten – wie in Voltaires Lehrgedicht „Über die Katastrophe von Lissabon“ oder seinem „Candide“ – konkret um die Theodizee, also die Rechtfertigung Gottes angesichts großer Katastrophen. Die Antwort von Leibniz war, dass Übel notwendig sein müssen, da ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott sie sonst vermieden hätte. Ergo sei dies die beste aller möglichen Welten. Bei Schiller werden dieser Optimismus und die Allmacht Gottes auf die Probe gestellt: Die Seuche (Subjekt) „preist“ in den ersten und letzten Versen grässlich jubelnd und lustbrüllend jene „Kraft“ Gottes (Objekt), was einer geradezu hämischen Herausforderung gleichkommt.

          Als Ferdinand am Ende von „Kabale und Liebe“ den Glauben an seine Luise verloren hat und sie vergiftet, ist er ähnlich blasphemisch: „aber wenn die Pest unter Engel wüthet, so rufe man Trauer aus durch die ganze Natur.“ Der Parole „Trau ihm“, die Ewald von Kleist eine Generation früher in seiner „Hymne“ auf die Größe des Herrn trotz Überschwemmungen, Krieg und Pest ausgibt, ist 1782 offenbar nicht mehr so leicht zu folgen. Schiller, der Arzt, weiß zudem, dass mit bloßem Gottvertrauen keine Seuchen zu bezwingen sind.

          Friedrich Schiller: „Die Pest. Eine Fantasie“

          Gräßlich preisen Gottes Kraft
             Pestilenzen würgende Seuchen,
          Die mit der grausen Brüderschaft
             Durchs öde Tal der Grabnacht schleichen.

          Bang ergreifts das klopfende Herz,
          Gichtrisch zuckt die starre Sehne,
          Gräßlich lacht der Wahnsinn in das Angstgestöhne,
             In heulende Triller ergeußt sich der Schmerz.

          Raserei wälzt tobend sich im Bette –
          Gift’ger Nebel wallt um ausgestorbne Städte
             Menschen – hager – hohl und bleich –
             Wimmeln in das finstre Reich.
          Brütend liegt der Tod auf dumpfen Lüften,
          Häuft sich Schätze in gestopften Grüften
             Pestilenz sein Jubelfest.
          Leichenschweigen – Kirchhofstille
          Wechseln mit dem Lustgebrülle,
             Schröcklich preiset Gott die Pest.

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