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Frankfurter Anthologie : „die morgenfeier“ von Ernst Jandl

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., dpa

Tote Insekten sind von Lyrikern oft besungen worden. Doch niemals so wie in der unverbrauchten Sprache Ernst Jandls. Unseren Interpreten hat das zu Tränen gerührt.

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          In Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ heißt es: „Ich fürchtete mich, wenn im Herbst nach den ersten Nachtfrösten die Fliegen in die Stuben kamen und sich noch einmal in der Wärme erholten. Sie waren merkwürdig vertrocknet und erschraken bei ihrem eigenen Summen; man konnte sehen, daß sie nicht mehr recht wußten, was sie taten. Sie saßen stundenlang da und ließen sich gehen, bis es ihnen einfiel, daß sie noch lebten; dann warfen sie sich blindlings irgendwohin und begriffen nicht, was sie dort sollten, und man hörte sie weiterhin niederfallen und drüben und anderswo. Und endlich krochen sie überall und bestarben langsam das ganze Zimmer.“

          Das Schicksal von Insekten als mikroskopische Kurzschrift für das menschliche Leben. In einem Essay beschrieb Virginia Woolf den Tod einer Motte so, als wäre es der des ganzen Universums. Grillparzer schrieb ein Gedicht über eine müde Winterfliege, Wisława Szymborska eines über einen toten Käfer. Der verrückte Quirinus Kuhlmann verfasste als junger Mann innige Grab-Epigramme auf tote Bienen und Ameisen. Neben Insekten wird der Mensch riesengroß, ein grotesk den Raum ausfüllendes Wesen, eine Schlafwalze. Ernst Jandls „morgenfeier“ (Gedichttext unten) war das erste Gedicht, das mich zu Tränen rührte. Ich muss etwa sechzehn gewesen sein. Ich lag auf der Couch bei uns zu Hause, hielt das Buch über mir und heulte.

          Das Komma auf dem Bettbezug

          Es handelt, wie man unschwer erkennen wird, von einem Mann, der eine Fliege im Schlaf erdrückt hat. Den auf den ersten Blick so seltsamen Stil, in dem das Gedicht geschrieben ist, nannte Jandl selbst „heruntergekommene Sprache“. Diese sei, so Jandl, noch „poetisch unverbraucht“. Was ist das für ein seltsamer Sprecher, der uns von seiner morgendlichen Entdeckung gerade auf diese Weise erzählt? Wir haben keine Mühe, ihn zu verstehen, aber seine Rede scheint in ein ungutes, düsteres Licht getaucht. Und kaum haben wir uns daran gewöhnt, kommt diese eine Zeile, in der die „heruntergekommene Sprache“ verlassen wird: „losgerissen nur ein zartes bein“. Durch die plötzlich wieder an ihren erwarteten Stellen stehenden Wortendungen und die korrekte Grammatik quillt der Vers auf wie unter einer Zoom-Lupe, er wirkt gläsern, klar, zugleich seltsam verrutscht, wie ein Fehler im Gewebe der Welt. So wie das fehlende Bein, ein kleines Komma auf dem sonst unbefleckten Bettbezug.

          „Statt Todeswirrnis - Sauberkeit und Ordnung“, wie es im Käfer-Gedicht von Szymborska heißt. Sogar ihre Beine hat die Fliege, um im Tod so wenig Raum zu beanspruchen wie möglich, eingezogen und „fest an diesen schwarzen dings gepreßt / der sich nichts mehr um sich selbst bemüht“. Wieder quillt uns etwas aus dem Gedicht entgegen, diesmal ein einziges Wort: Dings. Ein stammelndes Platzhalterwort. In einer Studie über Agatha Christies Wortschatz stellte der Linguist Ian Lancashire fest, dass dieser über siebzig Romane lang konstant denselben Reichtum aufwies, bis zum 73. Roman. Hier wird das Vokabular simpler, und ein Wort taucht mit extrem erhöhter Frequenz auf: „thing“. Lancashire interpretierte dies als erste Anzeichen einer Demenz, an der Christie offenbar gelitten hat. Verfall und Tod gebären Platzhalter: ein Dings neben dem anderen.

          Und dann dieses unbegreifliche Glühen, das mich – ein halbes Leben ist es nun schon her – auf meiner Couch zum Heulen brachte. Die Wiederholung von Gedichtzeilen ist oft ein Vorgang magischer Verwandlung; man denke etwa an Robert Frosts unheimlich sich über die winterliche Welt spannendes: „And miles to go before I sleep.“

          Doch bei Jandl geschieht gerade keine Verwandlung: „ach, der morgen sein so schön erglüht“. Ja, man erkennt den Vers wieder. Aber er fängt sich durch die Wiederholung keine symbolische Strahlkraft ein. Er erinnert nur daran, dass das Licht die ganze Zeit da war, während man auf die kleine Fliege schaute und sich Gedanken machte: das mysteriöse Erdenlicht, das unseren Lobpreis verdient, weil es bleibt, wenn seine Geschöpfe vergehen.

          die morgenfeier

          die morgenfeier, 8. sept. 1977

          für friederike mayröcker

           

          einen fliegen finden ich in betten

          ach, der morgen sein so schön erglüht

          wollten sich zu menschens wärmen retten

          sein aber kommen unter ein schlafwalzen

          finden auf den linnen ich kein flecken

          losgerissen nur ein zartes bein

          und die andern beinen und die flügeln

          fest an diesen schwarzen dings gepreßt

          der sich nichts mehr um sich selbst bemüht

          ach, der morgen sein so schön erglüht

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