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Frankfurter Anthologie : Ilma Rakusa: „Die marokkanische Schale“

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Bild: dpa

In diesem Gedicht mündet die allmorgendliche Teezeremonie in ein Gespräch mit dem Tongefäß und seinem Inhalt. Muss der Dichter die Sprache der Dinge beherrschen – oder beherrscht sie ihn?

          Ein Spiel. Ein Kinderspiel. Wir kennen es alle: wenn wir in den Mustern der Fliesen oder Tapeten plötzlich Formen und Gesichter sehen, die abstrakte Zeichnung sich belebt oder der ornamentale Kranz um den Tellerrand einen lebendigen Reigen beginnt. Ein Spiel der Imagination, hier ironisch-heiter zelebriert als tägliches Ritual, das schon vor der morgendlichen Teezeremonie beginnt, in die es dann mit unfehlbarer Sicherheit mündet. Nicht Milch, nicht Wasser, wie die türkisen Zeichen auf der Keramik zu rufen scheinen, soll das marokkanische Trinkgefäß füllen, sondern Tee: „Der grüne mit Minze“. Das (lyrische) Ich, das hier wie im Selbstgespräch sich stets als Du anspricht und alsbald sein verzerrtes Konterfei im Tee gespiegelt sieht (mit Milch gelänge das nicht!), behauptet sich, scheinbar noch, als Herr im Haus, bevor im dampfenden Tee die flatternden Zeichen ihr Grillengezirp anstimmen und die eigentliche „Verwandlung“ beginnt.

          Wer oder was aber verwandelt sich hier in wen? Was heißt hier „Handarbeit“? Beginnt diese nicht schon mit der ersten Zeile, mit der Hand, die das Gefäß so vollkommen umschließt wie konkav und konvex sich ineinander schmiegen oder wie im Reim die Wörter? Beide, Hand und Schale, auf gleiche Weise zum Geben und Empfangen bereit? „Die Schale schaut dich an“ – jetzt scheint Augenhöhe erreicht, das im Du angesprochene Ich, das den Tee gegen Milch und Wasser aufrief, hat seinen Regieposten verlassen, schaut förmlich zurück, erwidert den Schalenblick, welcher nur der dampfverzerrte eigene ist, erkennt in den Zeichen „zuckende Wortbüschel“, erkennt sie als Schrift – entziffert in ihnen vielleicht gar das im Entstehen begriffene, hier knapp und behend über Zeilen und Zeiten springende Gedicht. Verwandlung, Magie – das uralte Geschäft der Poesie.

          Auf dem Territorium des Tees

          Und immer auch, wie beim gewieftesten Magier, ein wenig Camouflage. In der Serie „Rituale“, welche die „Neue Zürcher Zeitung“ in ihrem Feuilleton vor ein paar Monaten brachte, beschrieb Ilma Rakusa ihr morgendliches Ritual, bevor es ans Schreiben geht. Hier diente ein „russisches Teeglas“ als Requisit – vielleicht eine Tarnung, die im Gedicht entfällt. Oder umgekehrt, eine Warnung, von der Biographie auf ein Werk, vom Werk auf die Biographie eines Autors kurzzuschließen. Was zwischen beidem liegt, in unausmessbarer Distanz, ist ebendiese Verwandlung. Auch wenn viele Spuren sich kreuzen und Aufschluss geben.

          Ilma Rakusa, die heute in Zürich lebt, ist ein Kind des Ostens, des mittelosteuropäischen Kontinents, auf dem sie, wie sie es in ihren „Erinnerungspassagen“ von „Mehr Meer“ beschreibt, von früh auf herumzog, von Land zu Land. Die Kenntnis des Slowenischen, Ungarischen und Russischen brachte sie davon mit, wozu sich noch Italienisch, Deutsch und Französisch gesellten. Was sie dann freilich auch zur Übersetzerin prädestinierte. Vor allem aber zur Poesie, denn nur ein bestimmtes Maß an Fremdheit in der Begegnung mit der Sprache macht es möglich, dass nicht nur der Gegenstand, zum Beispiel die Tonschale, sondern auch das Wort selbst, sein Name, so wie die Zeichenschrift im Rund solcher Schale den Blick zu erwidern, „Ton“ zu geben vermag.

          „Dinge“ lautet einer der sieben Teile ihres letzten Gedichtbandes, in dem „Die marokkanische Schale“ zwischen andere Gegenstände wie Schrank, Brille oder Reisetagebuch sich einreiht. Immer sind es „sprechende“ Dinge, geben sie wie der Schrank ihr Inneres, Intimes, ihre Geheimnisse preis, doch nur dem, der ihre eigene wortlose Sprache zu vernehmen, zu übersetzen versteht. Gegen ihren Verlust, ihren Staub, ihr Vergessen. „Impressum: Langsames Licht“ heißt dieser Band. Treffend beschreibt der Titel den Vorgang in zwei Richtungen: das tief dem Ich Eingeprägte zu lichten, aus seiner Vergessenheit zu heben, wie auch eine neue (Belichtungs-)Spur zu ziehen.

          „Das Land des andern Gedächtnisses ist ein Teeterritorium“, heißt es einmal in „Mehr Meer“. Die augenzwinkernde Anspielung auf Proust, die man ebenfalls zwischen den Zeilen des Gedichts lesen kann, macht deutlich, wie sehr der „Zufall“, der jenem die Schleusen der Erinnerung öffnete, der Wiederholung, der Einbettung ins Ritual bedarf. Dafür aber, täglich neu bereit zu sein, den magischen Akt der Übersetzung und Verwandlung oder schlicht: das Schreibhandwerk zu vollziehen, braucht es, so erzählt es hier die Dichterin, nichts als diese mit gleichsam fremder, orientalischer Zunge sprechende Schale Tee. Sie ist sinnlich fassbares Medium der Verwandlung und deren poetologische Metapher.

          Ilma Rakusa: „Die marokkanische Schale“

          Du hältst sie in der Hand,
          sie füllt deinen Handinnenraum.
          Glasierte Tonschale, weißlich
          mit türkisen Zeichen, die
          unbeschwert um das Rund
          kreisen. Irgendwie flatternd.
          Im Frühlicht halten sie still.
          Wenn der Tag steigt, rufen
          sie Milch. Du wunderst dich
          über das Gehabe. Und gibst
          nicht klein bei. Wasser klingt
          besser. Tee am besten. Der
          grüne mit Minze. Die Schale
          schaut dich an. Im Tee siehst
          du dich selbst. Verzerrt. Dann
          beginnen die Zeichen wie
          Grillen zu reden. Durch den
          Dampf erkennst du das
          Zucken der Wortbüschel.
          Die Handarbeit in Aktion.
          Jedesmal diese Verwandlung.
          Jedesmal bist du bereit.

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