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Frankfurter Anthologie : Heinz Piontek: „Die Furt“

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Bild: F.A.Z.

Das Leben von Heinz Piontek im Schatten des Krieges ist beispielhaft für viele Angehörige seiner Generation. Sein Gedicht handelt von Flucht und Vertreibung, die er am eigenen Leib erfuhr.

          2 Min.

          Dieses Gedicht steht in einer ehrwürdigen Tradition. Die Wortkette: fließendes Wasser, Tod und Verwesung, Schönheit und Hässlichkeit hat zahlreiche Dichter von Shakespeare über Conrad Ferdinand Meyer bis zu Benn und Brecht zu klassischen Versen inspiriert, die in Schullesebücher Eingang fanden. Anziehung und Abstoßung, ästhetischer Ekel und morbide Faszination gehen dabei eine unauflösliche Verbindung ein, wie Klaus Theweleit darlegte in seiner Untersuchung von Männerphantasien, die das Objekt sexueller Begierde mit Brackwasser und Faulschlamm assoziieren – dem Welterfolg von „Dracula“ und anderen Horrorfilmen liegt ein ähnlicher Übertragungsmechanismus zugrunde.

          Ganz anders hier: „Die Furt“ hieß Heinz Pionteks erster, 1952 erschienener Lyrikband, und so lässt das titelgebende Gedicht sich literarhistorisch verorten. Nicht von Hochzeit, Liebe und Tod ist die Rede wie bei Hamlet und Ophelia, sondern von Flucht und Vertreibung, die der Dichter am eigenen Leib erfuhr. Heinz Piontek stammte aus Oberschlesien, wurde mit achtzehn zur Wehrmacht eingezogen, geriet in amerikanische Gefangenschaft und blieb auf der Flucht vor der Roten Armee in Lauingen an der Donau hängen, von wo er später nach München übersiedelte. Ein Lebenslauf im Schatten des Krieges, exemplarisch für viele Angehörige seiner Generation, die an der Ostfront verheizt wurden oder den Größenwahn des „Dritten Reichs“ mit dem Verlust ihrer Heimat bezahlten. „Wir haben den Wind unter den Sohlen / Wir haben den Wind im Nacken“, heißt es in Pionteks Gedicht „Die Verstreuten“ und weiter: „Wir dürfen kein Feuer machen. / Wir dürfen den Zug nicht ohne Erlaubnis verlassen.“ Trotzdem wäre es falsch, das Trauma von Flucht und Vertreibung vorschnell gleichzusetzen mit dem Schicksal deportierter und im KZ ermordeter Juden, wie dies in der Nachkriegszeit geschah, um Deutschland vom Vorwurf der Kollektivschuld zu entlasten. Paul Celans „Todesfuge“ und Edgar Hilsenraths „Nacht“, um nur zwei Beispiele zu nennen, sprechen eine andere Sprache.

          Transzendentale Obdachlosigkeit

          Wörter wie „Mückengeplänkel“ und „Kaulquappenstrudel“ erinnern an den Lyriker Wilhelm Lehmann, der vor den Zumutungen des Zeitgeists in blumenumrankte Innerlichkeit floh – Stichwort Innere Emigration. Doch Heinz Pionteks Gedicht ist eher vergleichbar mit Versen von Peter Huchel, die stets nah ans Wasser gebaut sind. Anders als bei Huchel meldet sich der Dichter persönlich zu Wort, genauer gesagt ein lyrisches Ich, dem das Wasser bis zum Hals steht – wörtlich und nicht nur im übertragenen Sinn. Wer flieht hier vor wem wohin? Das Flutlicht, das kommt und geht, deutet auf die deutsch-deutsche Grenze hin, die Anfang der fünfziger Jahre, als der Text entstand, noch nicht mit Mauern und Stacheldraht befestigt und relativ leicht zu überwinden war. Oder ist ein Gefangenenlager gemeint, eine Demarkationslinie vielleicht wie der Eiserne Vorhang, der im Kalten Krieg Ost- und Westeuropa voneinander trennte? Im Gefühlshaushalt liegen Angst und Lust eng beieinander, und in den politischen Kontext ist ein erotischer Subtext eingeschrieben: von der Strömung, die Schenkel umspült und den Herzschlag beschleunigt, bis zum aus dem Wasser springenden Fisch.

          Solche Assoziationen sind legitim und vom Autor mehr oder weniger bewusst intendiert. Der tiefere Sinn des Gedichts aber erschließt sich erst, wenn man den Titel beim Wort nimmt und die Furt begreift als Übergang, der es ermöglicht, ohne Fähre oder Brücke einen Wasserlauf zu durchqueren, unbeschadet, wenn auch nicht trockenen Fußes. Das berühmteste Beispiel ist der Styx oder der Nil, die bei Griechen und alten Ägyptern das Totenreich vom Reich der Lebenden schieden. Auch das ist in den Versen mitbedacht, aber hier geht es nicht um den Tod, sondern um Leben in einem existentiellen, ja existenzialistischen Sinn: Unbehaustheit oder transzendentale Obdachlosigkeit waren Modewörter dafür. „Alles fließt“, sagt die Weisheit der Vorsokratiker, aber auch: „Niemand badet zweimal im selben Fluss.“ Aus dieser paradoxen Erkenntnis erwächst die zeitlose Aktualität des Gedichts, dessen Vielschichtigkeit, Schönheit und Wahrheit sich erst bei wiederholter Lektüre offenbart.

          Heinz Piontek: „Die Furt“

          Schlinggewächs legt sich um Wade und Knie,
          dort ist die seichteste Stelle.
          Wolken im Wasser, wie nahe sind sie!
          Zögernder lispelt die Welle.

          Warten und spähen – die Strömung bespült
          höher hinauf mir die Schenkel.
          Nie hab ich so meinen Herzschlag gefühlt.
          Sirrendes Mückengeplänkel.

          Kaulquappenstrudel zerstieben erschreckt,
          Grundgeröll unter den Zehen.
          Wie hier die Luft nach Verwesendem schmeckt!
          Flutlichter kommen und gehen.

          Endlose Furt durch die Fährnis gelegt –
          werd ich das Ufer gewinnen?
          Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt,
          such ich der Angst zu entrinnen.

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