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Frankfurter Anthologie : Aras Ören: „Die Fremde ist auch ein Haus“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Als Integration noch ein Fremdwort war: Dieses Gedicht führt zurück in die siebziger Jahre und den türkischen Teil Kreuzbergs, als man noch von Gastarbeitern sprach. Sein Thema: weibliche Selbstfindung im Spannungsfeld zwischen Aufbruch, Heimatsuche und Tradition.

          2 Min.

          Zur Zeit des Kalten Krieges, im Zeichen von Mauer und Stacheldraht, war Berlin die Hauptstadt der deutschen Literatur. Deren Entwicklung wäre anders verlaufen ohne die Präsenz eines Dichters, der Türkisch schrieb, trotzdem aber die deutschsprachige Literatur der siebziger und achtziger Jahre entscheidend mitgeprägt hat. Aras Ören kam 1969 von Istanbul nach Berlin, wo er heute noch lebt. Schon vorher hatte er als Autor, Schauspieler und Dramaturg an Theatertreffen in Erlangen teilgenommen, und seine Übersiedlung nach West-Berlin war kulturell wie auch politisch motiviert. Der 1939 geborene, aus dem Bürgertum stammende Dichter floh vor Zensur und Unterdrückung durch wechselnde Militärregimes, die das Werk seines poetischen Vorbilds Nâzim Hikmet verboten und diesen ins Exil getrieben hatten. Der Kontrast zwischen europäisch orientierten Intellektuellen wie Aras Ören und sogenannten Gastarbeitern aus Anatolien, die zum Geldverdienen in die Bundesrepublik kamen, konnte kaum größer sein. Trotzdem oder gerade deshalb interessierte sich der in West-Berlin akklimatisierte und integrierte Aras Ören, der bei „Radio Multikulti“ das türkischsprachige Programm betreute, für das Schicksal seiner Landsleute, unter ihnen auch Analphabeten, die ihm so fremd waren wie ihren deutschen Mitbürgern.

          Vor 1968 gab es in West-Berlin nur ein türkisches Restaurant namens „Istanbul“, in das sich wegen der gepfefferten Preise nur selten Studenten verirrten. Moscheen oder Sisha-Bars? Fehlanzeige. Heute gibt es fast an jeder Ecke, auch im Ostteil der Stadt, Döner und Börek. Den Paradigmenwechsel vom proletarisch geprägten Wedding oder Neukölln zum türkischen Kreuzberg hat Aras Ören jahrzehntelang beobachtet und in drei Gedichtbüchern vorurteilsfrei, aber nicht unkritisch registriert. Die ursprünglich bei Rotbuch erschienene, vom Verbrecher Verlag neu aufgelegte Trilogie ist nicht mehr und nicht weniger als das Epos einer Völkerwanderung, die Berlin aufgemischt und den Alltag der Deutschen nachhaltiger verändert hat als der Zuzug von Italienern, Griechen und Jugoslawen. Passend dazu ist der Text in Versen geschrieben und wurde von Gisela Kraft, Jürgen Theobaldy und anderen aus dem Türkischen ins Deutsche übersetzt. Das vorliegende Gedicht ist titelgebend für den Schlussteil der Trilogie und fasst deren komplexe Botschaft exemplarisch zusammen, wobei es kein Zufall ist, dass Aras Ören hier eine Frau zu Wort kommen lässt.

          Wo ist meine Heimat, wo meine Fremde?

          Man muss nicht gleich an Ehrenmorde denken, aber dass und wie Väter oder Brüder junge Türkinnen daran hindern, aus patriarchalischen Traditionen auszubrechen, ist so bekannt wie die Tatsache, dass Frauen oft besser in der säkularen Gesellschaft zurechtkommen als Männer. Im Gedicht verweist der Staubfahnen aufwühlende Bagger, der eine Straße durch die Steppe baut, auf die von Kemal Atatürk begonnene Modernisierung, während das Beharren auf dem eigenen Pass für weibliche Selbstfindung und Selbstbehauptung steht.

          Inspiriert von Nâzim Hikmet, der wiederum Neruda nahestand, hat Aras Ören nicht nur türkische Migrantinnen, sondern auch deren deutsche Nachbarn, Rentnerinnen und Rentner mit ihren Sorgen, Nöten und Vorurteilen einfühlsam porträtiert. Dabei spart er sich selbst und seine Läuterung vom Linksradikalismus zur Demokratie keineswegs aus. Verglichen mit seinen episch ausufernden Poemen, ist das vorliegende Gedicht eher untypisch für den Autor: Indem er Emine das Wort erteilt, gelingt es ihm beiläufig und elegant, den Protest gegen Diskriminierung mit dem Streben nach Gleichberechtigung zu verbinden und ein Schlaglicht zu werfen auf türkisch-deutsche Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten.

          Aras Ören: „Die Fremde ist auch ein Haus“ / „Gurbet değil artik“

          Kopie eines von Emine geschriebenen Briefes
          an den türkischen Generalkonsul in Berlin
          und an den Berliner Innensenator:

          Sehr geehrte Herren,
          wenn ich etwas Falsches schreibe, verzeihen Sie mir
          dieses Falsche, aber nehmen Sie mein Schreiben trotzdem an.
          Weil ich im Pass meines Vaters stehe,
          passiert mir alles, was meinem Vater passiert,
          von der Steppe angefangen, die er hinter sich herschleift,
          seit nämlich (wie ein Mann im Flugzeug erzählte)
          zu Ende der fünfziger Jahre ein Bagger in die Steppe
          kam und anfing, den Boden aufzuwühlen.

          Hinter dem Bagger erschien eine Straße, die Fremde begann.
          Die Fremde begann schon in der Heimat, aber mein Vater
          nannte sie „Deutschland“.
          Ich nenne sie jetzt „Türkei“.

          Als ich herkam, war ich fünf Jahre alt.
          Seit zehn Jahren bin ich hier, meine Brüder
          sind in Berlin geboren.
          Wo ist jetzt meine Fremde, wo meine Heimat?
          Die Fremde meines Vaters ist meine Heimat geworden.
          Meine Heimat ist die Fremde meines Vaters.
          Streichen Sie bitte meinen Namen
          Im Pass meines Vaters.
          Ich möchte einen eigenen Pass in der Tasche haben.

          Wer mich danach fragt, dem will ich
          ehrlich sagen, wer ich bin,
          ohne Scham, ohne Furcht
          und fast noch ein bisschen stolz darauf.
          Das Jahrhundert, in dem ich lebe,
          hat mich so gemacht:
          geboren 1963 in Kayseri,
          Wohnort: Berlin-Kreuzberg.
          Emine

          Aus dem Türkischen von Gisela Kraft

          ***

           

          Emine’nin T.C. Berlin Başkonsolosluğu’na ve
          Berlin Içişleri Senatörlüğü’ne yazdiği bir
          örnek dilekçedir:

          Sayin baylar,
          Sözüm Özürse. özürümü bağişlayin,
          Sözümü ama kabul edin.
          Ben babamin pasaportuna kayitliysam,
          babamin yazgisi benim yazgim oluyor
          taa bozkirdan peşinde sürüklediği;
          taa bozkira – uçakta o konuşkan amcanin dediği gibi –
          bir buldozer girip de 1950 sonlarinda,
          topraği karmaya başladiğindan beri.

          Arkasindan yol göründü, gurbet başladi,
          gurbet daha silasinda başladi ama
          o adma „Alamanya“ dedi.
          Şimdi de ben „Türkiye“ diyorum.

          Ben geldiğimde beş yasimis doldurmuştum,
          on yildir burayadim, kardeşlerim Berlin doğumlu.
          Simdi benim gurbetim nere, silam nere?
          Babamin gurbeti benim silam oldu,
          benim silam, babamin hâlâ gurbeti.
          N’olur silin artik benim kimliğimi
          babamin pasaportundan.
          Kendi cebimde kendi pasaportum olsun.

          Soranlara kimliğimi açikca söyliyeyim,
          hiç utanmadan, hiç cekinmeden,
          hatta biraz da öğünerek:
          Içcinde doğup, yaşadiğim yüzyil beni
          böyle etti:
          Doğumum - 1963, Kayseri
          Yaşadiğim yer - Berlin, Kreuzberg.
          Emine

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