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Frankfurter Anthologie : Karl Philipp Moritz: „Die empfindsame Schöne“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Lesen, leiden, schmachten: Dieses poetische Porträt einer empfindsamen jungen Seele überrascht mit einer spöttischen Schlusspointe.

          2 Min.

          Als 1846 Johann Peter Hasenclevers kleinformatiges Ölgemälde „Die Sentimentale“ entstand, gehörte die Mode der Empfindsamkeit längst der Vergangenheit an. Auf dem Bild schmachtet eine junge Dame durch das geschlossene Fenster den Vollmond über einer lieblichen Flusslandschaft an, hinter ihr liegen die „Leiden des jungen Werthers“ aufgeschlagen auf dem Tisch. Ihre Sehnsucht gilt zweifellos der Na­turszene, zugleich scheint sie aber durch Literatur und Kunst längst darauf vorbereitet. In Goethes Roman verdichtet sich ein solches Gefühl ebenfalls am offenen Fenster mit Blick auf den Nachthimmel und die Erinnerung an eine Ode in dem einzigen Wort „Klopstock“, das Lotte mit Tränen in den Augen hervorstößt.

          Mit dieser gemeinsamen „Losung“ Lottes und Werthers setzt das Kultbuch Maßstäbe für eine ganze Generation. Ein an­fangs besonders ergebener Anhänger der Empfindsamkeit und der Werther-Mode ist Karl Philipp Moritz. Nach schwierigster Kindheit und Jugend im Kurfürstentum Hannover hat er in Berlin als Junglehrer am renommierten Gymnasium zum Grauen Kloster Fuß gefasst und ist 1779 zum Konrektor befördert worden. Im gleichen Jahr verfasst er für den „Almanach der deutschen Musen“ dieses frühe Gedicht. Es ist eine seiner ersten Publikationen überhaupt. Flüchtig betrachtet könnte es – wie später Hasenclevers „Sentimentale“ – das Porträt einer Empfind­samen sein. Doch dann kommt der Ge­dankenstrich mit überraschender Pointe im letzten Vers und wendet die ganze Topik von Dämmerung und heiligen Schatten, von Mond und Melancholie, von schauerlicher, feierlicher, trauernder Stimmung plötzlich ins Ge­genteil.

          Katzenjammer

          Bis zu diesem Satzzeichen denkt man an einen unfassbaren Verlust. Vielleicht an eine Frau wie Kate auf Füsslis Gemälde, die wahnsinnig vor Schmerz ihren an die See verlorenen Geliebten betrauert. Doch dann geht es in einer kühnen Antiklimax – doch nur um eine Katze. Mag sein, dass Moritz damit wie so viele Dichter auf eine Legende über Petrarca anspielt, der seine herrschaftlich beigesetzte Katze mehr ge­liebt haben soll als die rastlos besungene Laura. Viel wahrscheinlicher ist aber eine Parodie auf eine Empfindelei, der Moritz selbst verfallen war.

          Eigentlich handelt das Hauptwerk „Anton Reiser, ein psychologischer Ro­man“ (1785 bis 1790) von nichts anderem als einer selbstmitleidigen Schilderung der eigenen Lebens- und Leidens­geschichte, die von extremer religiöser Unterdrückung aller Seelenregungen ge­prägt ist. Dagegen setzt sich der Knabe zur Wehr, sei es durch rührende Lektüren, tief empfundene Bühnenrollen, gefühlvolle Predigtübungen oder eigene sentimentale Ge­legenheitsgedichte. Die handeln dann etwa von „Silberbächen, die sich durch Blu­men schlängeln, und von sanften Ze­phirs, und goldnen Tagen“.

          Vor diesem Hintergrund gewinnt das so schlichte Gedicht plötzlich doch an Ge­wicht. Denn man begreift, dass hier einer spricht, der seinen vorübergehend notwendigen, therapeutisch selbst ver­ord­neten empfindsamen Geltungsdrang mit Witz überwindet. Vom Quietismus unterdrückte Gefühle brechen erst in einer Übersensibilität hervor, die dann aus aufklärerischer Distanz in Frage gestellt wird. In der Vorrede zum vierten Romanteil spricht Moritz entsprechend von „Selbsttäuschungen, wozu ein mißverstandener Trieb zur Poesie und Schauspielkunst den Unerfahrenen verleitet hat“. Die Auto­bio­graphie reicht bis zum Scheitern von Anton Reisers Theaterambitionen 1777, Moritz selbst gelangt nach kurzer Studienzeit in Erfurt und über Dessau und Potsdam nach Berlin.

          Nicht erst mit dem Ro­man bearbeitet er ab 1785 seine melancholische Suche nach dem verlorenen Selbst, sondern schon sechs Jahre früher mit dem ersten Gedicht. Die Trauer um eine Katze ist dabei ähnlich witzig wie die Anekdote aus dem „Vademecum für lustige Leute“ (1781), in der eine Adlige ihren Diener bittet, eine lästige Fliege aus ihrem Halstuch in die Freiheit zu entlassen. Vom Fenster bringt er sie aber behutsam zur Herrin zurück, weil es gerade regnet.

          „Die empfindsame Schöne“ von Karl Philipp Moritz

          Dort, wo in der Dämmrung heil’gen Schatten,
          Sich holde Phantasieen gatten,
          Sanft traurender Melancholie;
          An jenem schauervollen Platze,
          Wo einsam unterm silbern Mond
          Die feierliche Stille wohnt,
          Beweint Selinde – ihre Katze.

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