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Frankfurter Anthologie : Karoline von Günderode: „Die eine Klage“

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Bild: akg-images

Warum wollten die Götter, dass der Mensch sein Leben lang unvollständig sei? Ein Gedicht über die unstillbare Sehnsucht nach der besseren Hälfte.

          2 Min.

          Ursprünglich, so weiß es der Mythos, den Aristophanes im „Gastmahl“ erzählt, waren die Menschen Mann und Frau zugleich: Doppelgesichtig und kugelförmig standen sie auf vier Beinen, zeugten in die Erde und lebten so frohgemut und autark, dass die Götter um ihre Macht fürchteten und sie in zwei Hälften teilten. Seitdem fühlt jeder die Schnittwunde und sucht sein Gegenstück, lebenslang und wie oft vergeblich! Und hat er es endlich gefunden, erzwingen gesellschaftliche Schranken oder früher eingegangene Verpflichtungen die erneute Trennung, und die Liebenden, statt „Eins in Zwei“ zu sein, bleiben als Einzelne in die Einsamkeit gebannt bis zum Tod.

          Gibt es eine Sprache für dieses Weh? Dass sich im Deutschen „Herz“ auf „Schmerz“ reimt, „Tränen“ auf „Sehnen“, ist schon zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, als das Gedicht entstand, ein möglichst vermiedener Automatismus. Trotzdem drängt er in die Schrift, da doch der Schmerz brennt, das Herz glüht und Tränen und Sehnsucht nach dem einen, einzigen Glück nicht enden wollen. Das Innerste soll sich nach außen kehren, die einfachsten Wörter scheinen die treffendsten, eine riskante Illusion. Es gehört Mut zum Beharren auf Mängeln, die die Kunstrichter bekritteln werden. Ist der Satz, der die ersten beiden Strophen umfasst, nicht zu lang? Darf „Empfinden“ auf „Finden“ gereimt werden, obwohl in der ersten Strophe bereits „empfunden“ wurde? Sind die Substantivierungen nicht zu zahlreich, die Trochäen zu monoton?

          Die Liebe will Erfüllung

          Mag sein und dennoch. Regeln sind nicht alles, und Raffinement gibt es ja auch. Der vierte Vers beispielsweise kehrt die übliche Verbfolge um: Statt „Wer verlor, was er geliebet“ heißt es „Wer geliebt, was er verloren“, was das Reimwort „erkoren“ herbeiruft und zur Parallelstellung von „geliebt“ und „lassen muß“ führt. So prallen Seligkeit und Katastrophe ungeschützt und mit Heftigkeit aufeinander und schlagen den Wehrlosen „die tiefste aller Wunden“. Die im Titel beschworene „eine Klage“ ist dissonant und gibt romantischer Zerrissenheit Ausdruck: „in Lust die Tränen“ – wer erträgt sie?

          Kein individuelles Unglück wird hier geschildert, kein einziges Mal „ich“ oder „du“ gesagt. Dargestellt wird ein tragisches Muster, und wer es durchlebt, dem „bricht das Herz entzwei“, wie Heine später formulieren wird. Von Erlösung und Glück in einem wie auch immer gearteten Jenseits ist nicht die Rede. Die Liebe will Erfüllung, jetzt, hier, und wird sie ihr verweigert, spricht der oder die Liebende sich selbst den Trost „neuer Freuden“ und damit die Zukunft ab. Der Vers „Jene sind’s doch nicht“ ist so wehmütig wie unerbittlich.

          Die Klage ist auch eine Anklage

          Karoline von Günderode, 1780 geboren, mit den Geschwistern Brentano und ihrem Kreis befreundet, schrieb Gedichte und Prosastücke, die nicht das erträumte Echo fanden. Als der verheiratete Orientalist Friedrich Creuzer, den sie liebte, die Beziehung zu ihr aufkündigte, erstach sie sich am 26. Juli 1806 am Ufer des Rheins. Ihr Tod machte sie berühmt, ihr Unglück zur Identifikationsfigur. Immer noch erregt ihr Schicksal Interesse, das beim Blick in die Texte nicht selten schwindet.

          Aber hier hat sie gewonnen. Die Klage ist auch eine Anklage, das Leiden vibriert vor Grimm. Fluch den Göttern, Fluch den Konventionen, die das verheißungsvolle „Eins in Zwei“ zerstören. Schmerz ohne Aussicht auf Linderung und die Worte dazu nicht sentimental, sondern bitter und stolz.

          Karoline von Günderode: „Die eine Klage“

          Wer die tiefste aller Wunden

          Hat in Geist und Sinn empfunden

          Bittrer Trennung Schmerz;

          Wer geliebt was er verloren,

          Lassen muß was er erkoren,

          Das geliebte Herz,

           

          Der versteht in Lust die Tränen

          Und der Liebe ewig Sehnen

          Eins in Zwei zu sein,

          Eins im Andern sich zu finden,

          Dass der Zweiheit Grenzen schwinden

          Und des Daseins Pein.

           

          Wer so ganz in Herz und Sinnen

          Konnt ein Wesen liebgewinnen

          O! den tröstet’s nicht

          Daß für Freuden, die verloren,

          Neue werden neu geboren:

          Jene sind’s doch nicht.

           

          Das geliebte, süße Leben,

          Dieses Nehmen und dies Geben,

          Wort und Sinn und Blick,

          Dieses Suchen und dies Finden,

          Dieses Denken und Empfinden

          Gibt kein Gott zurück.

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