https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-die-bluete-an-den-baum-von-karl-august-varnhagen-von-ense-17993642.html

Frankfurter Anthologie : Karl August Varnhagen von Ense: „Die Blüte an den Baum“

  • -Aktualisiert am

Bild: faz

Bleibe du frei wie eine luftige Blüte: Diese Verse geben ein lyrisches Zwiegespräch zweier Liebender wieder, denen die Drohungen des bevorstehenden Herbstes vor Augen stehen.

          2 Min.

          Eine Blüte spricht zum Baum, an dem sie hängt. Im Auf und Ab des Jambus, mal drei-, mal fünfhebig, schildert sie ihm das Wohlgefühl ihrer luftigen Existenz. Es beruht auf einer Balance zwischen Freiheit und Nähe; laue Winde bewegen den Zweig, und doch fühlt sich die Blüte im grünen Bett geborgen. Wie an der Mutterbrust, möchte man sagen angesichts der erotischen Assoziationen, die den ers­ten Teil des Gedichts durchziehen: von „Liebeswogen“ ist da die Rede und dem „Verlangen“, sich an den „Leib“ des Angeredeten zu „schmiegen“. Etwas un­gewöhnlich, eine derartige Ansicht des Verhältnisses von Blüte und Baum als Liebesbeziehung!

          Das Gedicht biegt in vertrautere Bahnen ein, wenn in der zweiten Hälfte der Wechsel der Jahreszeiten beschworen wird. Die Zeit der Blüte ist befristet; sie wird Frucht und abfallen. Darüber möge der Baum nicht traurig sein, heißt es wiederum mit überraschender Wendung: Statt vor „bitterer Entwöhnung“ zu bangen, kann er sich mit der Aussicht auf eine Wiederkehr der verlorenen Blüte trösten: nämlich als Partnerbaum (Ge­nosse) an seiner Seite.

          In der Druckfassung seines ursprünglich titellosen Gedichts, die unter der Überschrift „Die Blüte an den Baum“ fünf Jahre später im „Deutschen Dichterwald“ (1813) von Kerner, Fouqué und Uhland erschien, hat Karl August Varnhagen von Ense (1785 bis 1858) die Merkwürdigkeiten seines Entwurfs ge­mil­dert. Die Erotik wird gedämpft und die Zeile „An deinen Leib mich schmiegen“ ersetzt (durch: „Dann wieder hoch in blaue Lüfte fliegen“). Jetzt ist es auch nicht mehr der Baum, sondern die herbstliche Frucht, die sich bangen Ge­danken an die bevorstehende „Trennung“ hingeben könnte. Sie tröstet sich gleichsam selbst mit der Aussicht auf eine künftige Gemeinsamkeit grünenden Wachstums. Das Gedicht hat da­durch sicher an Schlüssigkeit gewonnen, gleichzeitig aber an psychologischer Aussagekraft und Dynamik ver­loren.

          Im grünen Bett geborgen

          Denn am ursprünglichen Ort, unter dem Datum des 15. Oktober 1808 in Varnhagens Reisetagebuch von seiner mehrwöchigen Fahrt von Berlin über Dresden und Nürnberg zum (nie vollzogenen) Abschluss des Medizinstudiums in Tübingen, hatte es eine sehr präzise Funktion: Es stellte die direkte Antwort auf einen Brief Rahel Levins dar, mit der er kurz zuvor in Leipzig zusammen­ge­troffen war. Seine vierzehn Jahre ältere spätere Frau, zu der er seit dem Frühjahr in engerer Beziehung stand, hatte allen Anlass zu der Befürchtung, dass sich Varnhagen mit dieser Studienreise, die ziemlich nahtlos in seine freiwillige Teilnahme am Krieg Österreichs gegen Na­poleon übergehen sollte, bedenklich weit von ihr entfernen würde. Ermutigt durch das letzte Beisammensein, weist sie dennoch in ihrem ersten Brief nach der Rückkehr nach Berlin am 8. Oktober 1808 jedes „kränkliche Anklammern“ weit von sich: „Auch Dich zu verlieren habe ich den Mut, und weiter zu leben. Nur durch Dich, kann ich Dich verlieren. Und dann ist es richtig. Dann entfällst Du mir, wie die Blüte dem Baum: das ist schlimm, aber die ist nicht zu halten. Bleibe Du luftige Blüte; das natürlichste Wetter beglücke mich oder nicht; ich der Baum, will auch den Winter ausstehen. Bleibe Blume, und frei: so nahm ich Dich an! Kein Krampf, nichts Gezwungenes mehr!“

          In seinem Gedicht nimmt Varnhagen dieses Gleichnis dankbar auf. Er dankt dem in seinen Versen halb als Mutter und halb als Geliebte erscheinenden „Baum“ Rahel für die erotische Nähe des letzten Sommers. Im herbstlichen Aufbruch zum Tübinger Wintersemester antwortet der Dreiundzwanzigjährige direkt auf die Ängste, die Rahels Brief so entschlossen unterdrückt. Diese Blüte wird nicht in be­liebige Fernen davonflattern, sondern sich nach einem unumgänglichen Wachstumsprozess in engster Nachbarschaft an­siedeln: weniger als Abkömmling denn als Lebenspartner – als Tisch- und „grüner“ Bett-„Genosse“ auf Augenhöhe. Er muss nur erst zu ihr heraufwachsen. Dass ein Mann solches einer Frau schreibt oder für sie dichtet, ist nicht nur im Jahr 1808 etwas Besonderes. Aber die Frau hieß ja auch Rahel.

          Karl August Varnhagen von Ense: „Die Blüte an den Baum“

          Als jugendliche Blüte,
          Häng ich an deinen grünbelaubten Zweigen,
          Die auf und nieder steigen
          In lauer Lüfte leisen Liebeswogen;
          Du gönnest mir, o Baum, mit inn’ger Güte
          Das angenehme Wiegen,
          Und hältst dabei mich sorgsam angesogen.
          Ich darf in deinem grünen Bette liegen,
          An deinen Leib mich schmiegen,
          So bleibet mir kein ungestillt Verlangen!
          Doch wenn ich dir entzogen
          Soll werden von des kalten Herbstes Hauchen;
          Der bitteren Entwöhnung ödes Bangen
          Laß dann dich nicht umfangen!
          Wenn ich nun abgefallen,
          Will, lieber Baum, ich in den Boden tauchen,
          Zum Baum an deiner Seite mächtig sprossen,
          Und mit den schlanken Zweigen dich umwallen;
          Dann halt’ ich als Genossen
          Dich immer neu mit Liebesgrün umschlossen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kandidat für den Senat: Herschel Walker

          Stichwahl in Georgia : Bloß nicht über Trump reden

          Vor der Stichwahl um den letzten offenen Senatssitz am Dienstag wollen die Republikaner vor allem eines: sich möglichst wenig mit ihrem früheren Präsidenten auseinandersetzen. Leichter gesagt als getan.
          Politiker neigen zum Geldausgeben. Bezahlen müssen dafür die Steuerbürger.

          Hanks Welt : Lang lebe der Bundesrechnungshof!

          Die Behörde ist nur eine Institution für Erbsenzähler? Mitnichten! Er ist unser letztes Bollwerk gegen teure politische Beglückungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.