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Frankfurter Anthologie : Geoffrey Hill: „Die Apostel: Versailles, 1919“

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Bild: Getty

Die Stimme des vor drei Jahren verstorbenen englischen Lyrikers Geoffrey Hill wird in den Zeiten des Brexits schmerzlich vermisst. Seine Zeilen zum Frieden von Versailles zeigen einen satirischen Blick auf die Geschichte.

          3 Min.

          Nur dann wird Frieden dauerhaft, wenn ihn das Einvernehmen schafft; / hat ihn die nackte Not befohlen, / dann ist er nur ein Atemholen“; ce n’est que reprise d’haleine. Kein Aufatmen, sondern Luftschnappen für den nächsten Sturm. So beschrieb Jean Passerat, Dichter des liberalen Pariser Bürgertums, den Friedensschluss von 1572, der dem geplagten Vaterland ein Ende von Religionsstreit und Bürgerkrieg versprach. Wenige Monate später ging die Pariser Bluthochzeit, die Bartholomäusnacht, über die Bühne und bestätigte auf ihre Weise Passerats lyrischen Befund.

          Seine Prognose könnte als Motto über dem grimmigen Festakt stehen, der am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles das Ergebnis des langen europäischen Bürgerkriegs bilanzierte, „des Krieges zum Ende aller Kriege“ (H.G. Wells, 1914) oder auch „des größten Krieges und des dümmsten Friedens, die die Weltgeschichte kennt“ (A. Huxley, 1923). Die nackte Not in Gestalt von Ultimaten und anderen Drohszenarien bewog damals die im leichtfertig angezettelten Religionskrieg der Vaterländer Unterlegenen zur Unterschrift – mit den allseits bekannten Folgen.

          Religiös grundiert ist auch das bis zur Schroffheit lakonische Gedicht, das Geoffrey Hill 1959 in seinem bedeutenden Erstlingsband „For the Unfallen“ dem Versailler Frieden widmete. Die Schlussphase der Verhandlungen, bei denen die Deutschen nicht zugelassen waren, fiel in den pfingstlichen Monat Juni. Nach ihrer vierjährigen Passionsgeschichte hofften die Völker Europas auf die Ausgießung des neuen Geistes; Amerikas Präsident Wilson warb als größter Hoffnungsträger eindringlich für einen gerechten Frieden und den neu zu gründenden Völkerbund.

          Europa, das viel geschundene Terrain

          Doch das Pfingstwunder bleibt aus. Der Heilige Geist glänzt durch Abwesenheit in dieser poetischen Abrechnung, erstellt vierzig Jahre post festum. Das brutale Staccato der Kurzverse sagt es klipp und klar: Die Verständigung über alle (Sprach-)Grenzen hinweg, die Umkehr aus der babylonischen Verwirrung ist abgesagt. Vergesst die Feuerzungen und die wundersame Einigkeit der Völkerschaften aus der Apostelgeschichte! Asymmetrische Zäsuren, Zeilensprünge und die bloße Andeutung von Reimen stehen für eine Poetik der Dissonanz.

          Gegenseitige Fremdheit, steifes Konferenzgebaren, bedrückte Sprachlosigkeit statt erlösender Worte herrschen an diesem wenig frühlingshaften Pfingstfest. Immerhin wird den neuen, von ihrer Rolle sichtlich überforderten Aposteln ein gewisses „Entsetzen“ bescheinigt – worüber? Über das erst kürzlich noch von allen Seiten verübte Blutbad? Es klingt eher nach rhetorischer Empörung über die Greuel der Gegenseite. Keinesfalls zu verwechseln mit der biblischen Bestürzung angesichts des Pfingstwunders „Sie entsetzten sich aber...“

          Der religiöse Bezug verwandelt das geschichtliche Großereignis in eine sarkastische Allegorie, in eine einzige bittere Fehlanzeige. Auch sonst ist in den dürren Sätzen eine beunruhigende Metaphorik am Werk: Wasser gerinnt, die See ächzt, Glocken, die den Frieden einläuten sollten, dienen sich mit ihrer Klangfülle fremden Göttern an. Es sind die Götter von Kommerz und Gewinn, die in dieser Stunde das geschundene Europa als Geisel nehmen.

          Denn das kleine Gedicht ist Auftakt eines sechsteiligen Zyklus mit dem Titel „Von Handel und Gesellschaft“. Gleich der Folgetext beginnt so: „Europa, viel geschundenes, gescheuertes Terrain / lädt zum Gebrauch... / Geschrumpft, geschwollen (Nest, Massengrab); ein Schatz / für die verlornen Völker und Geschlechter; sein Gerippe/von Handel und Kultur, erlesenes Knochenwerk.“

          Denn dieses hohle, ausgeweidete Europa, das jetzt dem alt-neuen Handel und Wandel anheimfällt, führt eine gleichsam postume Existenz, und dies in zweifacher Hinsicht. Es ist zugleich das Versailles-Europa und die zweite Nachkriegszeit, so wie sie der junge Hill erlebte. Das europäische Massengrab, im Original holocaust, schließt Auschwitz ausdrücklich ein: „Seine Feueröfen und Kalkgruben halb gelöscht/... eine Fabel/unglaubhaft in fetten Marmor gegraben.“

          Doch die böse Erinnerung wird übertönt vom gebieterischen Ruf nach dem Weiterso: Das deutsche Wirtschaftswunder macht schon bald von sich reden. (Sir) Geoffrey Hill, als Elegiker der geschichtlichen Katastrophen immer zugleich Satiriker, sagt es ironisch – wie sonst? „Die Größten dankten ab, Tote sind subtrahiert; / siehe die Erde, kunstgedüngt und ordentlich drainiert, / die See wieder ordentlich eingefasst hinter Wällen.“

          Vor drei Jahren ist dieser denkbar europäische Engländer gestorben. Seine Stimme fehlt in den Zeiten des Brexits.

          Geoffrey Hill: „Die Apostel: Versailles, 1919“

          Sie saßen. Und standen.
          Waren sich fremd. Die Luft,
          wie aus dem Klaren geronnener Fluß,
          dickte die Stille. Sie saßen.

          Waren entsetzt. Die Glocken
          im hohlen Europa schütteten
          sich aus vor den Göttern von Salz und Münze.
          Die See ächzte von geschäftigen Booten.

          Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels

          ***

          „The Apostles: Versailles, 1919“

          They sat. They stood about.
          They were estranged. The air,
          As water curdles from clear,
          Fleshed the silence. They sat.

          They were appalled. The bells
          In hollowed Europe spilt
          To the gods of coin and salt.
          The sea creaked with worked vessels.

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