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Frankfurter Anthologie : Les Murray: „Dichtung und Religion“

  • -Aktualisiert am

Bild: Christian Thiel

Der am vergangenen Montag gestorbene Les Murray war der bedeutendste australische Lyriker seiner Zeit. In diesem Gedicht versuchte er, Dichtung und Religion in einen Dialog zu bringen.

          Die ersten Worte holen weit aus. „Religionen sind Gedichte.“ Wer gewinnt bei diesem Vergleich, die Dichtung oder die Religion? Vielleicht keiner von beiden, und darin liegt der Reiz dieses Gedichts von Les Murray, dem bedeutendsten australischen Lyriker seiner Zeit, der 1938 geboren wurde und am 29. April 2019 verstarb. Der Vergleich, der Dichtung liebstes Steckenpferd, ist ein Gleichmacher, bewirkt ein Ausbalancieren, ein Halten in der Waage, und dieses gründet auf der Erhöhung des einen bei Verminderung des andern. Religionen werden mit Gedichten gleichgesetzt, und dies geschieht, bevor die Religionen selbst als gleichsetzendes, vergleichendes Phänomen beschrieben werden: „Sie bringen/unseren Tages- und Traumgeist in Einklang“.

          Das Gedicht will sich mit „Dichtung und Religion“ gleichermaßen beschäftigen, die beiden in Einklang, ins Gespräch und in einen Vergleich bringen und nutzt dazu selbst durchweg die Formen des Vergleichens und Gleichsetzens sowie des Überkreuzens.

          Der Titel schon bildet mit dem ersten Satz einen Chiasmus. So geht es auf methodische Weise weiter, fast wie in „einer geordneten Religion“ – und das „in liebevoller Wiederholung“, wie in einem Gebet. Jede der acht Strophen ist vergleichend oder chiastisch entworfen, und so bringt Murray die beiden betrachteten Gegenstände in einen Paartanz.

          In der Waagschale der Poesie

          „Nichts ist gesagt, bis es in Worten hinausgeträumt ist/und nichts ist wahr, was nur in Worten wahr ist“, heißt es in der zweiten Strophe, womit der „Tages- und Traumgeist“ der ersten Strophe aufgenommen wird. Waren es anfangs die Religionen, die diesen Einklang erzeugten, ist es jetzt die Dichtung, „das einzig vollkommene Denken“, wodurch träumend das Gedachte zur Sprache, zur Wahrheit gelangt, jedoch mit einer Einschränkung. Denn die bloße Sprache führt noch nicht zur Wahrheit: Die Wahrheit scheint ebenfalls nur durch ein Wechselspiel zu entstehen, durch die Abspiegelung der Poesie der Welt in der Welt der Sprache.

          Folgerichtig wird das Bild des Spiegels im Gedicht genutzt, um anzudeuten, Dichtung und Religion seien zwei wesentliche Formen desselben Weltzugangs. „Es ist derselbe Spiegel:/beweglich, aufblitzend nennen wir es Dichtung,//um eine Mitte verankert nennen wir es Religion“.

          Setzte man sein Hermeneuten-Hütchen auf, könnte man sogar sagen, der Chiasmus rufe implizit das bedeutendste Symbol des Katholizismus auf, da das Stilmittel seiner Wortwurzel nach nichts anderes bedeutet als das Kreuz im griechischen Buchstaben Chi, dem X. Murray, der früh zum Katholizismus konvertierte, hätte diese Lesart vielleicht zugesagt. Der folgende Vergleich vermutlich nicht.

          Die chiastischen Verschlingungen und komplex verknoteten Sätze des Gedichts erinnern stark an die Essaydichtung des amerikanischen Modernisten Wallace Stevens, der das dialektische Umherwirbeln der Worte und Gedanken auf die Spitze trieb. Murray hätte protestiert, da er dem Modernismus misstraute, nicht nur weil dieser meist postreligiös gesträhnt war, sondern auch weil Murray Gruppenzugehörigkeiten in Frage stellte. Nach einer bitteren Kindheit und einer unglücklichen Pubertät – gibt es eine glückliche Pubertät? – empfand Murray sich als Paria, und bis zuletzt kultivierte er die Außenseiterrolle. Selbst seine Religiosität manifestierte sich in der individuellen Erfahrung Gottes.

          Murrays spirituelles wie sein antimodernistisches Gebaren ernteten Kritik in seiner Heimat, und noch in seinen späten Essays ist eine tiefe Verwundung spürbar über den Groll, der gegen ihn gehegt wurde.

          Gleichzeitig ist seine Dichtung bei aller Hinwendung zur Naturlyrik, zu provinziellen Lyriktraditionen Australiens und zur Dichtung der Aborigines keinesfalls unmodern – gerade in ihren oft magischen Vergleichen und Vermischungen, die gänzlich unzusammenhängende Dinge und Stile verschmelzen oder zusammenstoßen, ist eines der ästhetischen Hauptmerkmale der modernen Lyrik erkennbar.

          Eine Lesart von Murrays Leben im (empfundenen) Abseits und im ewigen Kampf sieht in der ausgestoßenen Querköpfigkeit eine wechselwirkende Bedingung für sein Werk: Kauern und Vorpreschen. Vielleicht erklärt sie, wie seine kraftvollen, vor Wut zitternden Verse plötzlich in liebevolle, sensible Sätze ausgleiten können, ein ständig wiederholtes Pendeln zwischen akuter Verausgabung, wie der Soldat in seiner Hochzeitsnacht, und einer „liebevollen Wiederholung“, worin man schlicht auch einfach eine Bezeichnung für Liebe lesen könnte. Wie der Glaube für Murray eine zyklische Distanzierung von der Religion und eine gestärkte Rückkehr zu ihr bedeutete, so ist auch die Arbeit des Dichtens „gegeben“, aber „periodisch“.

          So versteht man am Ende des Gedichts, dass Poesie für Murray eine ganz essentielle Art des Existierens war, dass selbst die Momente, in denen kein Wort geschrieben wird, Momente sind, in denen Dichtung geschieht oder Kraft schöpft, gleich den Vögeln in der Luft – „Haubentaube, Rosellapapagei“ –, denen doch niemand absprechen würde, dass sie nicht auch in jenen Momenten zu fliegen vermögen, in denen sie gerade nicht mit den Flügeln schlagen.

          Les Murray: „Dichtung und Religion“ / „Poetry and Religion“

          Religionen sind Gedichte. Sie bringen
          unseren Tages- und Traumgeist in Einklang,
          unsere Gefühle, Instinkte, den Atem und die uns angeborene Gestik

          in das einzig vollkommene Denken: Dichtung.
          Nichts ist gesagt, bis es in Worten hinausgeträumt ist
          und nichts ist wahr, was nur in Worten wahr ist.

          Ein Gedicht kann, verglichen mit einer geordneten Religion,
          wie die kurze Hochzeitsnacht eines Soldaten sein
          nach der man sterben und leben kann. Doch das ist eine kleine Religion.

          Volle Religion ist das große Gedicht in liebevoller Wiederholung;
          wie jedes Gedicht muß sie unerschöpflich und vollkommen sein
          mit Wendungen, wo man sich fragt Warum hat der Dichter das wohl getan?

          Man kann eine Lüge nicht beten, hat Huckleberry Finn gesagt;
          man kann sie auch nicht dichten. Es ist derselbe Spiegel:
          beweglich, aufblitzend nennen wir es Dichtung,

          um eine Mitte verankert nennen wir es eine Religion,
          und Gott ist die Dichtung, die in jeder Religion gefangen wird,
          gefangen, nicht eingesperrt. Gefangen wie in einem Spiegel,

          den er anzog, da er in der Welt ist, wie die Poesie
          im Gedicht ist, ein Gesetz gegen jeden Abschluß.
          Es wird immer Religion geben, solange es Dichtung gibt

          oder einen Mangel an ihr. Beide sind gegeben, und periodisch,
          wie der Flug jener Vögel – Haubentaube, Rosellapapagei –
          die so fliegen: die Flügel zu, dann schlagend und wieder zu.

          Aus dem Englischen von Margitt Lehbert

          ***

          Religions are poems. They concert
          our daylight and dreaming mind, our
          emotions, instinct, breath and native gesture

          into the only whole thinking: poetry.
          Nothing’s said till it’s dreamed out in words
          and nothing’s true that figures in words only.

          A poem, compared with an arrayed religion,
          may be like a soldier’s one short marriage night
          to die and live by. But that is a small religion.

          Full religion is the large poem in loving repetition;
          like any poem, it must be inexhaustible and complete
          with turns where we ask Now why did the poet do that?

          You can’t pray a lie, said Huckleberry Finn;
          you can’t poe one either. It is the same mirror:
          mobile, glancing, we call it poetry,

          fixed centrally, we call it religion,
          and God is the poetry caught in any religion,
          caught, not imprisoned. Caught as in a mirror

          that he attracted, being in the world as poetry
          is in the poem, a law against its closure.
          There’ll always be religion around while there is poetry

          or a lack of it. Both are given, and intermittent,
          as the action of those birds – crested pigeon, rosella parrot –
          who fly with wings shut, then beating, and again shut.

          © Les Murray
          Aus: “The Daylight Moon”

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