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Frankfurter Anthologie : Charles Baudelaire: „Der Wein des Einsamen“

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Bild: Picture-Alliance

Charles Baudelaire glaubte an die Macht des Weines, um der Misere seiner Zeit zu entkommen. In diesen Versen untersucht er die Grundzüge des menschlichen Denkens und Handelns, die im Rausch zutage treten.

          Mit der Losung „Empört Euch!“, „Indignez-vous!“ forderte Stéphane Hessel vor wenigen Jahren seine resignierten Zeitgenossen auf, sich gegen die lähmenden politischen Verhältnisse zu stellen. Hundertfünfzig Jahre zuvor hatte sein Landsmann, der Dichter und Dandy Charles Baudelaire, noch eine ganz andere Botschaft: „Berauscht euch!“ – „Enivrez-vous!“ – rief er im gleichnamigen Prosagedicht seinen Lesern zu: Immer trunken zu sein, sei das einzige Geheimnis, um „die schreckliche Last der Zeit nicht zu spüren, die deine Schultern zerbricht und dich zu Boden drückt“. Und um der Misere aus Habgier, Neid und Bereicherung zu entkommen, von der er die Gesellschaft seiner Epoche nach der gescheiterten Revolution von 1848, bei der er auf Seiten der Aufständischen stand, zerfressen sah.

          Berauschen könne man sich an allem, an Versen etwa oder an der Tugend, am besten aber am Wein, dem in den berüchtigten „Blumen des Bösen“ ein ganzer, in der Erstausgabe 1857 zwischen „Aufruhr“ und „Tod“ plazierter Zyklus gewidmet ist. „Die Seele des Weins“ wird darin ebenso zum Gegenstand wie „Der Wein der Bettler“, „Der Wein des Mörders“, „Der Wein der Liebenden“. Und der hier abgedruckte „Wein des Einsamen“, welcher in der sich alle Freiheiten nehmenden Umdichtung Stefan Georges dem Zauber des Originals noch immer am nächsten kommt. Als Sohn eines Bingener Weinhändlers kann George freilich auch besondere Kompetenz auf diesem Gebiet beanspruchen.

          Der titelgebende Einsame steht für den Dichter selbst, der sich wie der Bettler zu den Ausgestoßenen, den Mittellosen, den Randfiguren der Gesellschaft zählt. Was ihn zu locken vermag, sind nicht die soliden Freuden von Sicherheit und Dauer, von Karriereehrgeiz und Familienglück. Ihn stimulieren allenfalls noch flüchtige Reize, die wie der Auftritt lasziver Schönheiten und das Schwelgen in der Musik zum lyrischen Inventar dieser Gedichte und zu den artifiziellen Paradiesen ihres Verfassers gehören. Doch nichts davon kommt jener tiefen Flasche mit dem Götternektar gleich, deren andächtiges Trinken zur frommen, in Kontrast zu den Vergnügungen der ersten beiden Strophen des Sonetts stehenden Handlung wird.

          Eine Seelenkunde des Weines und des Menschen

          Und Andacht und Frömmigkeit sind durchaus geboten: „Der mensch fand den wein · der sonne geheiligtes kind“, heißt es im „Wein der Bettler“. Wer das Verhältnis von Mensch und Wein ernsthaft, also philosophisch ergründen wolle, müsse „eine Seelenkunde des Weines einerseits und des Menschen andererseits“ verfassen, schreibt Baudelaire in seinem bei Manesse neu herausgegebenen Essay „Wein und Haschisch“. Während Letzteres den Willen vernichte und den Menschen zerstöre, belebe der Wein Körper und Geist. Denn dieser sei ebenso göttlich wie der Mensch, und nichts reiche an die Freude des Trinkenden heran – außer der Freude des Weins, getrunken zu werden.

          Wein ist für Baudelaire die demokratische, jedem Arbeiter und Tagelöhner zustehende Stimulanz, mit deren Hilfe der verzweifelte Mensch „in seinem Inneren eine Art Gottheit“ schaffen und das in ihm verborgene Poetische enthüllen kann. Indem George „l’espoir, la jeunesse et la vie“ mit „hoffnung liebe jugendkraft“ wiedergibt, lässt er die christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung anklingen. Dieser versöhnlichen Botschaft des Neuen Testaments treten jedoch die letzten beiden Verse entgegen, in denen der Dichter des Bösen sich zu seiner hochmütigen Außenseiterrolle bekennt: Erst ihr Stolz mache die Einsamen den Helden, den Göttern gleich. Und nur große Dichter, Philosophen und Propheten, so endet der Essay „Wein und Haschisch“, seien in der Lage, den Zustand poetischer Glückseligkeit kraft ihres Willens und ohne künstliche Hilfsmittel zu erreichen.

          Allen anderen bleibt der Wein. Wer nur Wasser trinke, sei ein Dummkopf oder ein Heuchler und habe vor seinen Mitmenschen etwas zu verbergen. Denn der Wein, glaubte Baudelaire, bringt nur das zutage, was ohnehin in einem steckt: „Schlechte Menschen werden unausstehlich, gute Menschen werden unübertrefflich.“

          Charles Baudelaire: „Der Wein des Einsamen“ / „Le Vin du solitaire“

          Der sonderbare blick der leichten frauen
          Der auf uns gleitet wie das weisse licht
          Des mondes auf bewegter wasserschicht ·
          Will er im bade seine schönheit schauen ·

          Der lezte thaler an dem spielertisch
          Ein frecher kuss der hageren Adeline
          Erschlaffenden gesang der violine
          Der wie der menschheit fernes qualgezisch –

          Mehr als dies alles schätz ich · tiefe flasche ·
          Den starken balsam den ich aus dir nasche
          Und der des frommen dichters müdheit bannt.

          Du giebst ihm hoffnung liebe jugendkraft
          Und stolz · dies erbteil aller bettlerschaft ·
          Der uns zu helden macht und gottverwandt.


          Aus dem Französischen von Stefan George

          ***

           

          Le regard singulier d'une femme galante
          Qui se glisse vers nous comme le rayon blanc
          Que la lune onduleuse envoie au lac tremblant,
          Quand elle y veut baigner sa beauté nonchalante ;

          Le dernier sac d'écus dans les doigts d'un joueur ;
          Un baiser libertin de la maigre Adeline ;
          Les sons d'une musique énervante et câline,
          Semblable au cri lointain de l'humaine douleur,

          Tout cela ne vaut pas, ô bouteille profonde,
          Les baumes pénétrants que ta panse féconde
          Garde au coeur altéré du poète pieux ;

          Tu lui verses l'espoir, la jeunesse et la vie,
          - Et l'orgueil, ce trésor de toute gueuserie,
          Qui nous rend triomphants et semblables aux Dieux !

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