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Frankfurter Anthologie : Günter Kunert: „Der Reisende blickt zurück“

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Bild: FAZ

Es berührt, dass ein so bedeutender Lyriker wie Günter Kunert glaubte, keine Spuren zu hinterlassen. Seine letzten Gedichte überraschen mit Traurigkeit.

          3 Min.

          Das Gedicht steht in Günter Kunerts letztem Lyrikband „Zu Gast im Labyrinth“. Es ist schmucklos und einfach, ein Abgesang. Es sagt wenig, dieses Wenige und Endgültige aber mit ungeheurer Lakonie. Die alte barocke Metapher vom Leben als Reise wird mehrfach variiert, ungezählt die Meilen, endlos die Straßen. Die Wege Irrwege, große Vergeblichkeit. Der Tod steht vor der Tür, der neunzigjährige Kunert blickt ihm ins Auge.

          Und er tut das ein ganzes Buch lang. Der Ton des Gedichts erklärt sich aus den vielen anderen prosaischen Kurzgedichten des Bandes, in deren Atem es zu lesen ist. Etwa so – gnadenlos, mit Doktor Benn: „Jeder Mensch / eine Gruft seiner Erinnerungen / Fleischumkleidet / in Zellen gesperrt, verrotten sie / gewohnheitsgemäß.“ Oder, mit Heine gereimt: „Die Welt ist mir fremd geworden, / Kind einer vergangenen Stadt, / ein Gast im deutschen Norden, / von Geschichte satt.“

          Der 1929 in der „vergangenen Stadt“ Berlin geborene Günter Kunert hatte sich 1979 aus der DDR verabschiedet, nachdem er 1976 zu den Verteidigern seines Freundes Wolf Biermann gehört und es sich mit der SED endgültig verdorben hatte. Nach vielen Reisen durch England, Italien und die Vereinigten Staaten, die ihm die in der DDR schmerzlich vermisste Frischluft verschafften, ließ er sich mit seiner Frau in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein nieder und lebte dort als humoristisch begabter Skeptiker, als Außenseiter, der er schon in Ost-Berlin gewesen war, schreibend, zeichnend, reflektierend – immer im Bewusstsein, dass er die Welt nicht ändern werde. Ganz im Gegensatz zu seinem viel aufmüpfigeren Geistesbruder Wolf Biermann, der mit seinen Konzerten, heute unvorstellbar, Ende der siebziger Jahre die linke Szene der Bundesrepublik zum Beben brachte und aus dem Wohnzimmer heraus ja auch in der DDR ziemlich wirksam gewesen war.

          Ein Irrlicht überm Stoppelfeld

          Kunert gab sich zeitlebens subtiler und distanzierter, ein „Pessimystiker“, wie ihn Biermann nannte, der sich selbst entsprechend als „Optimystiker“ sah. Offenbar zweieiige Zwillinge. Beide aus jüdischen Familien, die enge Angehörige im KZ verloren hatten. Die vom Reisenden erwähnten „einsamen Pfade, / die den Abdruck der Sohlen verleugnen“, mögen auch hier ihren Ursprung haben. Die Umwege, die Kunert im Gedicht andeutet, führen über das Grafikstudium in Berlin-Weißensee und den Förderer Johannes R. Becher in die Literaturszene der DDR, in die Opposition und später zum Freund und Holocaust-Überlebenden Jean Améry, zu den Enttäuschungen des realen Sozialismus und denen des realen Kapitalismus. Zu den „Erwachsenenspielen“, so Kunerts Memoiren-Titel, die den Menschen kleinmachen.

          Günter Kunerts bekannteste Erzählung heißt „Zentralbahnhof“: Ein „Jemand“ wird gebeten, sich zu seiner Hinrichtung an jenem Bahnhof einzufinden, auf der Herrentoilette. Kafka pur, aber als Parodie auf die DDR-Bürokratie. Am Ende steht Rauch über dem Gebäude, wie in Auschwitz. Oder ist es die Umweltverschmutzung? Obgleich Kunert zeitlebens ein vertrautes Verhältnis mit dem Tod geführt hat, ein „entheimateter Mensch“, wie er sich nannte, überrascht doch die Trauer in diesen letzten Gedichten, die mehr verschweigen als mitteilen. Denn Kunert war eine unterhaltsame Figur mit Berliner Mutterwitz und einer ironischen Widerständigkeit gegen verblödete Verhältnisse. Mit dem neuen Berlin, der Protzarchitektur, der Feier- und Selbstdarstellungskultur junger Leute, konnte er nicht viel anfangen. Er blieb am Rande, auf dem Land in Kaisborstel, und dichtete über den „Südwestwind“ und das „Irrlicht überm Stoppelfeld“.

          Wenn er reimt, klingen Kunerts Gedichte manchmal nach Erich Kästner, ebenso desillusioniert, schalkhaft und moralisch. „Als das Leben umsonst war“ heißt ein Band, mit schönem Doppelsinn. „Aus meinem Schattenreich“ ein anderer. Die Ironie kommt ihm am Ende abhanden – und die Kraft. Wir sind auf Erden nur ein Gast. Irrwege, Umwege des einen und einzigen Heimwegs. Die letzte Zeile wird ganz klein.

          In Corona-Zeiten berührt es merkwürdig, dass ein so bedeutender Lyriker glaubt, keine Spuren zu hinterlassen. Weil die Pfade „den Abdruck der Sohlen verleugnen“. Es sterben die alten Leute, die Neunzigjährigen, die uns manches erzählen könnten. Mit ihnen stirbt auch ein Stück deutscher Geschichte. Wir sollten ihnen zuhören, so wie wir den im vergangenen Jahr verstorbenen Kunert lesen sollten. Damit ihre Geschichten nicht verwehen wie ein Kalenderblatt im Wind.

          Günter Kunert: „Der Reisende blickt zurück“

          verwundert über die zurückgelegte
          Strecke, die ungezählten Meilen,
          die endlosen Straßen, die einsamen Pfade,
          die den Abdruck der Sohlen verleugnen.
          Alles Irrwege, Umwege des einen
          und einzigen Heimwegs. Am Ende
          fällt doch die Tür ins Schloss,
          verweht das letzte Kalenderblatt,
          kraftlos durch die Mühen
          der hastigen Zeiten
          wie ich.

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