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Frankfurter Anthologie : Michael Krüger: „Der Nußbaum, die Zeit“

Bild: dpa

An diesem Sonntag wird der Verleger und Lyriker Michael Krüger 75 Jahre alt. Die Verse aus diesem Gedicht handeln von Opfern und der Ordnung, welche die Zeit mit sich bringt. Sind sie tröstlich?

          Auch Bäume, die in Gedichten besungen wurden, werden irgendwann morsch. Oder sie werden gefällt, manchmal sogar vor der Zeit. Nussbäume können über 150 Jahre alt werden. Dieser hier, um den es in Michael Krügers reimlosem, reumütig-elegischem Gedicht geht, musste schon nach zehn Jahren dran glauben. Denn er war „ungehobelt“. Aber gilt das nicht für jeden Baum, solange er nicht im Sägewerk oder beim Schreiner gelandet ist?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Nussbäume beginnen normalerweise im Alter von zehn Jahren Früchte zu tragen. In einem guten Nussjahr wirft ein ausgewachsener Baum einen Zentner Walnüsse ab und manchmal auch mehr. Dieser hier, als hätte er gewusst, dass ihm nicht viel Zeit bleiben würde, trug schon nach drei Jahren die ersten jener „rätselhaften Früchte“, die seit der Antike vom Menschen geerntet, gegessen, verarbeitet und symbolhaft gedeutet werden. Das Gedicht führt den Vergleich mit dem menschlichen Gehirn an, der auf der äußeren Form der Frucht und ihrer tief gefurchten Oberflächenstruktur beruht. Der heilige Augustinus sah in den bitter schmeckenden Teilen der Walnuss das Leiden Christi und in ihrer harten Schale das Holz des Kreuzes symbolisiert. Im Mittelalter glaubte man, die Walnuss könne vor Vergiftungen schützen und sogar vor der Pest. Ihr Kern wurde mit dem Fleisch Christi verglichen, was niemanden davon abhielt, das Öl bis zum letzten Tropfen aus der Walnuss zu pressen, Textilien mit ihr zu färben oder Likör daraus zu machen.

          Wenn der Apfelbaum nicht wär in meinem Garten

          Aber es ist nicht die Frucht des Baumes, die den Dichter in Versuchung führt,ihn zum Gegenstand eines Gedichts zu machen, sondern seine Vergänglichkeit. „Der Nußbaum, die Zeit“ handelt vom Ende des Baumes, der nicht verdorrte oder seines kostbaren Holzes wegen gefällt wurde, sondern einer nicht näher bezeichneten „Ordnung“ zum Opfer fiel, also wohl jener Ordnung, die immer dann, wenn sie im Singular auftritt, im Gewand des Allgemeingültigen und nicht in Frage zu Stellenden die Ordnung schlechthin verkörpern will. Es ist dieselbe ungreifbare Ordnung, von der Rilke in der achten der „Duineser Elegien“ spricht – „Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst“ –, bevor er fragt, wie es kommt, „dass wir,/was wir auch tun, in jener Haltung sind/von einem, welcher fortgeht“. Wohin auch immer wir uns wenden, die Ordnung und ihr Anspruch auf Allgültigkeit werden uns überdauern. Das ist ihr Versprechen und ihre Drohung.

          Der ungehobelte Nussbaum, der seinem armen Vetter, dem Hasel, das Wasser abgräbt – so könnte ein Märchen beginnen. Aber der Märchenton hat in diesem Gedicht nichts zu suchen, und des Nussbaums armer Verwandter, von dem hier die Rede sein soll, ist der Dichter selbst. Denn beide, Baum und Mensch, sind bedroht von der „gefräßigen Zeit, die alles an sich reißt“. Schicksalsgefährten sind sie. Aber der eine hat den anderen verraten.

          Ungehobelt, wildwüchsig – so ginge es zu im Gehirn des lyrischen Ichs, wenn es der Ordnung nicht zu ihrem Recht verhelfen würde. Also stellt es sich in ihren Dienst, verführt von der eigenen Sehnsucht nach Ordnung. Damit ist das Schicksal des Baumes besiegelt. Wie alles andere wird er geopfert: wie „die Kindheit, die Jugend, der Garten, die Sorge“. Die Reue kommt, aber wie immer kommt sie zu spät: „den freien Platz besetzt jetzt das Unglück“.

          Michael Krüger, der am morgigen Sonntag 75 Jahre alt wird, ist kein Gärtner, sondern ein Lyriker, Romancier, Verleger, Übersetzer, Umsetzer und Anreger, der Gärten liebt. Man stellt ihn sich nicht Rosen beschneidend oder Unkraut jätend vor, sondern versunken in Gedanken und Betrachtungen von Rinde, Stamm und Laubwerk. Standorttreue verbindet. In der Nacht, hat Peter von Matt einmal an dieser Stelle über Michael Krüger geschrieben, quälten ihn die vergessenen Dichter. Das war aus Anlass des Gedichts „Die Schlüssel“ und muss ungefähr zu jener Zeit gewesen sein, als Krüger den „puritanischen Stecken“ des Nussbaums in den Boden seines Gartens steckte. Jetzt, zehn Jahre später, quälen ihn in der Nacht auch noch die gefällten Bäume.

          Schlaflosigkeit ist in Krügers Lyrik ein wiederkehrendes Motiv. Sie muss qualvoll sein. Sprechen wir lieber von Bäumen und von durchdachten Nächten, von Nächten, in denen das „demütige Gras“ an ihn denkt („Nächtlicher Garten“) und „die armseligen Rosen,/sich ein anderes Herz suchen“ („Morsche Bäume“), sprechen wir von Tagen, an denen sich in schönster Muße dem „Zwiegespräch der Äste“ lauschen lässt, die Kiefer sich wie seit Jahr und Tag in den Himmel drängt und die Dämonen des Alters sich immer noch mit einem jungen Holunderzweig in die Flucht schlagen lassen. Und sprechen wir vom Apfelbaum, dem glücklicheren Vetter des Nussbaums. Möge er ewig leben. Denn wie heißt es in Krügers Gedicht „Alltag“? „Wenn der Apfelbaum nicht wär/in meinem Garten, ich gäbe auf.“

          Michael Krüger: „Der Nußbaum, die Zeit“

          Der Nußbaum musste dran glauben,
          um die Sehnsucht nach Ordnung zu stillen.
          Vor zehn Jahren habe ich einen Trieb
          in die Erde gesteckt, einen puritanischen Stecken,
          nach drei Jahren die ersten Nüsse,
          rätselhafte Früchte, angeblich
          Abbild unseres Gehirns.
          Alles wird der Ordnung geopfert,
          die Kindheit, die Jugend, der Garten, die Sorge.
          Nur mein Gehirn ist so unordentlich geblieben
          wie der ungehobelte Nußbaum,
          der dem Hasel das Wasser abgräbt.
          Aber ich brauchte seinen Schatten,
          um mich auszuruhen und zu schauen,
          meinetwegen auf Kosten der Wahrheit.
          Den freien Platz besetzt jetzt das Unglück,
          in dessen Schatten sich die Zeit niederläßt,
          die gefräßige Zeit, die alles an sich reißt,
          über und unter der Erde, am hellichten Tag.

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