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Frankfurter Anthologie : Nelly Sachs: „Der Marionettenspieler“

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Bild: F.A.Z.

Wer ist der unbekannte Marionettenspieler im Gedicht von Nelly Sachs? Im Gegensatz zu anderen Elegien hat die Autorin diese Verse nicht weiter erläutert.

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          Ihrem ersten Gedichtband, „In den Wohnungen des Todes“ von 1947, hat Nelly Sachs einen Zyklus „Grabschriften in die Luft geschrieben“ integriert, dem auch das vorliegende Gedicht entstammt. Teile des Zyklus wurden schon 1942/43 im schwedischen Exil geschrieben, nachdem sie vom Verlust ihr nahestehender Menschen erfahren hatte. Kurze Zeit später kommentierte die Autorin die Entstehung der Texte: „Aber diese Elegien sind mir selbst in einem großen Geheimnis gekommen.“ „Der Marionettenspieler“ wird auf den Zeitraum zwischen 1943 und 1946 datiert.

          Der durch seine Initialen vertretene Marionettenspieler – oder war es eine Frau? – ist wohl nicht bekannt, in den Typoskripten sind sogar zwei Varianten überliefert, neben dem „K.G.“ findet sich auch ein „P.M.“, und im Unterschied zu anderen der Elegien hat die Autorin diesen Text nicht weiter aufgeschlüsselt oder erläutert. Aber wir wissen, dass Nelly Sachs in ihrer Frühzeit selbst neben Gedichten und Legenden im Stil der von ihr verehrten Selma Lagerlöf auch Puppenspiele geschrieben hat. Die sechs Strophen, die zunächst so unterschiedlich scheinende Bildwelten verbinden, sind durch die Anrede an ein Du gegliedert, sie ergeben eine Rahmung. Die beiden ersten und die letzte Strophe wenden sich an den im Titel Angesprochenen, sie sind ein Dialog mit dem zum Verstummen Gebrachten, Nachruf und Elegie in einem.

          Elegie über die weite Welt und eine kleine Hand

          Ist zunächst davon die Rede, dass er es vermochte, „die weite Welt“ zu sich heranzuholen, indem die Wege in die Ferne berufen werden, so zeigt sich in der zweiten Strophe die große Kunst des Marionettenspielers: Was ihm gelungen ist, wird als ein „Meilenstein“ beschrieben, es ist die Kraft und Magie einer Verdichtung der weiten Welt in die kleine Welt der künstlichen Figuren. Er hat den „Sonnenfaden“ seiner Kunst gesponnen, ein selten gebrauchtes, bei Schiller zu findendes Bild, belegt ist es übrigens in seinem Gedicht „Elegie“. Ob Paul Celan, als er Jahrzehnte später das Wort „Fadensonnen“ prägte und sogar einen Gedichtband so überschrieb, an diesen Zusammenhang dachte?

          Die drei mittleren Strophen entwerfen drei Szenarien aus verschiedenen Bereichen, die offenbar im Spiel der Marionetten präsent waren – die Welt des Alten Testamentes mit dem Propheten Elias; sodann die überraschende Begegnung zwischen Leben und Tod, der Jungfrau „in dem Rosenabend“ und dem Totengräber; zuletzt dann der Versuch, Sympathie und Schmerz in Lächeln und Weinen als Erfahrung der Liebe zu vereinen. Möglicherweise besteht hier eine Verbindung zu dem im Nachlass erhaltenen, unpublizierten Marionettenspiel aus Nelly Sachs’ früherer Phase: „Elia und die Liebenden“.

          Am Schluss kehrt das Gedicht zur Würdigung dieser großen Kunst im Kleinen zurück – die weite Welt erscheint als „Erde rund mit ihrer Sternmusik“ im Spiel des Künstlers, der mit seiner Hand die Magie der Welt einzufangen wusste; die Musik der Sphären, der Sterne, verweist auf den auch durch die Rundung angesprochenen harmonischen Charakter seines Wirkens zurück, ein Wirken, das durch die Verbrechen gewaltsam zum Schweigen gebracht wurde. Das Gedicht ist dabei Klage wie auch Einspruch gegen das Verschweigen, es ist Gedächtnis und Würdigung, Zeugnis einer Anerkennung, die den Meilenstein in eine Grabschrift, in die lapidare Sprache verwandelt hat.

          Zugleich ruft es die große Tradition des Puppenspiels herauf, das in allen Kulturen zu einem Spiel auf der Grenze zwischen Tod und Leben angesiedelt ist – als Begegnung zwischen dem leblos scheinenden, sprachlosen Körper der Puppe oder der Marionette, und der damit verknüpften Frage nach ihrer Lenkung durch den Spielmeister oder den Marionettenspieler. Immer geht es dabei, schon in den „Nomoi“ Platons, auch um die Existenz des Menschen, die Frage seiner Abhängigkeit und Freiheit, um die Moral oder die Grazie seines Handelns, etwa in Kleists unübertroffenem Versuch „Über das Marionettentheater“, oder um das Verhältnis von Sprache und Schweigen. Im Gedicht von Nelly Sachs wird dieser Zusammenhang zum Meilenstein einer Erinnerung, zu einer Elegie über das zerstörte Gespräch zwischen der weiten Welt und einer kleinen Hand.

          Nelly Sachs: „Der Marionettenspieler“

          Die weite Welt war zu dir eingegangen
          Mit Sand im Schuh und Ferne an den Wangen.

          Am Sonnenfaden zogst du sie herein
          Da ruhte sie auf deinem Meilenstein.

          Die Schwalbe baute in Elias Haaren
          Ihr Nest; bis er in Sehnsucht aufgefahren.

          Der Totengräber nach dem Rätsel grabend
          Fand eine Jungfrau in dem Rosenabend.

          Das Zwillingspaar aus Lächeln und aus Weinen
          Versuchte sich in Liebe zu vereinen.

          So tanzte Erde rund mit ihrer Sternmusik
          Auf deiner Hand; bis sie verlassen schwieg.

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