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Frankfurter Anthologie : John Burnside: „Der gute Nachbar“

  • -Aktualisiert am

Bild: Helmut Fricke

John Burnside sind seine Gedichte ebenso wichtig wie seine Prosa. In diesen Zeilen skizziert der schottische Dichter im Blankvers das rätselhafte Bild eines Nachbarn.

          3 Min.

          Da muss doch noch einer sein auf dieser bizarren Lebensstraße, denkt der Wachende und schaut in die Nacht hinaus. Kein Freund, denn ich kenne ihn nicht, nicht die Liebste, die Hingabe fordert, nein, einfach jemand, der mir gleicht und tut, was ich tue. Einer, der allein ist wie ich und zufrieden, der liest, aber auch lauscht, der ein Ohr hat für Stille und Vogellaute und ein Auge für die Jahreszeiten und den heller werdenden Morgen. Ein Nachbar, dessen Name, Aussehen und Lebensumstände verborgen bleiben, obwohl er mir vertraut ist wie ich mir selbst. Einer, der nicht grübelt, nicht jammert und die schwarze Nacht noch schwärzer macht, sondern mir Gesellschaft leistet, indem er zwischen Nahsein und Nichtsein oszilliert: ein Trost und ein Rätsel.

          Iain Galbraith, der Übersetzer, nennt die Existenzweise dieses Wesens „nicht ganz abhanden“, John Burnside bezeichnet sie in ironischem Understatement als „not quite inexistent“. Gern malt der Sprecher sich diesen „ghost companion“ aus – sollte er sich jedoch materialisieren und an der Haustür klingeln, wären Enttäuschungen wohl nicht zu vermeiden. Nur in der nächtlichen Imagination kann der gute Nachbar die Sehnsucht nach Spiegelung, Widerhall und Echo erfüllen.

          Spätestens wenn der Morgen dämmert, wandelt er sich zum Alltagsmenschen. Ein nicht näher spezifizierter „someone I have known“ streift vorbei, ein Jugendfreund oder das einstige Selbst, das als fremd gewordener Wanderer auf der „road to grief“ einen nachhallenden Blues-Akkord in den bis dahin so zuversichtlichen Ton mischt.

          Der letzte Vers nutzt Bruchstücke eines Abzählreims („Tinker, Tailor,/Soldier, Sailor,/Rich Man, Poor Man,/Beggar Man/Thief“). Offenbar war der Wandernde eingebunden in eine Familie, aber vielleicht verlässt er sie gerade? Und wenn er ein „Dieb“ ist, was mag er gestohlen haben? Knapp wie sie sind und verbunden durch den Reim der expressiven Endwörter, werfen die beiden Schlussverse einen Schatten auf den Text, heben jedoch seine Helligkeit nicht auf.

          Bis das Schreiben ihn rettete

          Diese vermittelt sich übers Gehör. Unermüdlich und zuversichtlich stapft der Blankvers voran, Shakespeares Versmaß und das der deutschsprachigen Bühne von Lessing bis Grillparzer. Auch wer nicht ins Theater geht, hat die fünfhebigen Jamben durch Zitate im Ohr; fleißig durchgehalten, bändigen sie Katastrophen und geben aller Rede eine Form. Von der Lyrik werden sie eher gemieden, von der zeitgenössischen gewiss. Der Schotte John Burnside, geboren 1955, handhabt sie hier weder sklavisch noch trotzig, sondern so selbstverständlich, als erzeuge sich der Wechsel von unbetonten und betonten Silben fortlaufend selbst, so dass nur der Schlussreim den Fluss stoppen kann. Wer die Verse spricht, spürt das Tackern der Betonungen, das Tempo, als würde eine Handlung erzählt, obwohl doch nur jemand des Nachts am Fenster sitzt, ein bisschen phantasiert und zusieht, wie es Tag wird.

          In seinem autobiographischen Roman „Lügen über meinen Vater“, der ihn auch in Deutschland berühmt machte, skizziert Burnside ein Ideal, dem der „gute Nachbar“ ziemlich nahe kommt: „Mein Kindheitstraum von einem Vater war ein Mann ..., der willentlich nicht nur das ihm auferlegte Schweigen, sondern auch die ihm so leichtfallende Unsichtbarkeit akzeptierte, der in sich selbst verschwand, in seiner sich stets bestätigenden Welt ...“. Der Traum blieb unerfüllt, sein Vater war laut, brutal und so sichtbar und niederdrückend wie ein Felsbrocken. Der Sohn hat ihn gehasst, und falls er, was durchaus möglich ist, mit „someone I have known“ auf den Vater anspielt, so birgt das eine Ironie, die an Bitterkeit kaum zu übertreffen ist. Ein „Dieb“, fürwahr, der dem Kind die Kindheit stahl.

          Doch wie hat man sich eigentlich das positive „Verschwinden in sich selbst“ vorzustellen, um welchen Preis, mit welchen Folgen? Befreit es vom Wandern auf der „road to grief“? Macht es glücklich, auch wenn es soziale Bindungen blockiert? Was bedeutet es, „unsichtbar“ zu sein? Meint es das Gesicht in der Menge oder den Einsiedler? Lange Nächte kann man darüber nachdenken. Burnside selbst wurde als Jugendlicher zum Drifter, zum Herumtreiber, und durchlebte qualvolle Jahre, bis das Schreiben ihn rettete. Hier schaut er auf das Alleinsein, das Lesen, die Erinnerungen, und zum Erstaunen dessen, der seine Romane kennt, trägt ein leichter, tröstlicher Ton das Gedicht. Eine gnädige Macht wirkt durchs Metrum, ermutigend und verlässlich.

          „The Good Neighbour“ erschien 2005 als Titelgedicht von Burnsides sechstem Lyrikband. Von Beginn an waren dem üppig produzierenden Autor die Gedichte ebenso wichtig wie Prosa. Im letzten Jahr hielt er die „Berliner Rede zur Poesie“, die man gedruckt nachlesen kann. Darin erläutert er nicht nur die „ökologische Notwendigkeit“ der Lyrik, sondern spricht auch vom Zögern des Dichters, ein Gedicht abzuschließen, es loszulassen und in die Welt zu schicken: „Ich neige für meinen Teil dazu, ein vollendetes Gedicht als eine Art Befragung der Luft zu betrachten, als ein erwartungsvolles Horchen auf das, was eine hypothetische Leserin oder ein Leser als Antwort darauf geben könnte.“

          Dichtung als „Befragung der Luft“ ist eine wunderbare Definition. Und die Antwort muss ja nicht aus Worten bestehen. Leser und Leserin können nicken oder den Kopf schütteln, dankbar oder zornig sein, den Bildern nachsinnen, sich an Eigenes und Ähnliches erinnern oder einen Geisterbrief entwerfen, während ihr guter Nachbar innehält und lächelt.

          John Burnside: „Der gute Nachbar“/ „The Good Neighbour“

          Irgendwo in dieser Straße, mir völlig unbekannt,
          hinter einem Labyrinth aus Äpfeln und Gestirn,
          steht er auf, zu früher Morgenstunde, nimmt ein
          Buch: Er lässt sich nieder, am Schreibtisch oder Fenster,
          begleitet den Sonnenaufgang, endlich allein –
          ohne Namen, ohne Last, glücklich in sich selber.

          Ich weiß nicht, wer er ist; ich bin ihm nie begegnet
          unterwegs zum Fischmarkt, auf dem Weg zur Bank,
          doch denke ich an ihn in Nächten so wie diese, wach
          in meinem eignen Haus, die Nachbarn ringsum ruhig
          in ihren Betten: schlummernden Fliegen gleich.

          Er sieht, was ich sehe, und was ich schmecke, schmeckt er,
          in Winternächten: Schnee; im Sommer: den Himmel.
          Er lauscht den Vogelzügen in den Wolken
          und – wie jener unheimliche Begleiter in Geschichten
          alter Forschungsreisender, wie jenes Phantom im Eisregen,
          der Fünfte in dem Viererbunde – ist nicht ganz da,
          doch auch nicht ganz abhanden.

          Und wenn er sein Buch hinlegt, wenn er nach der Uhrzeit
          schaut und Wasser kocht, lauert auf einmal nichts,
          während Zelle für Zelle, mit jedem Herzensschlag
          mein einzig guter Nachbar sich beiseite schiebt
          und sich in einen verwandelt, den ich früher kannte:
          einen Fremden, der vorüberging, den es zu trauern trieb;
          Ehemann und Vater, Reicher, Armer, Dieb.
           

          Aus dem Englischen von Iain Galbraith

          ***


          Somewhere along this street, unknown to me,
          behind a maze of apple trees and stars,
          he rises in the small hours, finds a book
          and settles at a window or a desk
          to see the morning in, alone for once,
          unnamed, unburdened, happy in himself.

          I don't know who he is; I've never met him
          walking to the fish-house, or the bank,
          and yet I think of him, on nights like these,
          waking alone in my own house, my other neighbours
          quiet in their beds, like drowsing flies.

          He watches what I watch, tastes what I taste:
          on winter nights, the snow; in summer, sky.
          He listens for the bird lines in the clouds
          and, like that ghost companion in the old
          explorers' tales, that phantom in the sleet,
          fifth in a party of four, he's not quite there,
          but not quite inexistent, nonetheless;

          and when he lays his book down, checks the hour
          and fills a kettle, something hooded stops
          as cell by cell, a heartbeat at a time,
          my one good neighbour sets himself aside,
          and alters into someone I have known:
          a passing stranger on the road to grief,
          husband and father; rich man; poor man; thief.

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