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Frankfurter Anthologie : Hermann Hesse: „Der erhobene Finger“

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Bild: dpa

Die Faszination für altchinesische Weisheiten wurde bei Hermann Hesse durch einen seiner Vetter geweckt. Diese Verse verhandeln die Kraft des Schweigens und Innehaltens.

          2 Min.

          Anders als der Titel vermuten lässt, geht es in diesem Gedicht des über achtzigjährigen Hermann Hesse nicht um den erhobenen Finger der Belehrung. Der Japanologe Wilhelm Gundert, ein Vetter des Dichters, hatte 1960 eine Übersetzung altchinesischer Weisheit aus dem zwölften Jahrhundert vorgelegt, „Meister Yüan-Wu’s Niederschrift von der smaragdenen Felswand“. Hesse berief sich auf die Empfänglichkeit des gemeinsamen Großvaters für westöstliche Erkundungen, er besprach das Buch und hob dabei die keineswegs eindeutige Sprache hervor, „deren Worte eher Bilder oder Gebärden als Worte in unsrem Sinne sind“.

          Der Autor des „Glasperlenspiels“ musste von der minimalistischen Vorstellung von Meister Djü-dschi gefesselt sein, die auf „Worte und Lehre ganz verzichtet“. Gerade dessen gänzlich undogmatischer und unorthodoxer Rückzug ins Schweigen, der Verzicht auf jede Form von Überschwang prägten den Charakter seiner Denkpraxis.

          Es ist die Weisheit des Innehaltens, einer stummen Antwort auf alle gelehrten Fragen, die zum Sinn und Ursprung der Welt gestellt werden können; es bleibt allein das „stumm-beredte Zeigen“ des nach oben weisenden Fingers, das in seiner Lehre/Leere eine vielfache Lektüre erfordert und provoziert, denn die aufwärts zeigende Geste spricht und lehrt, lobt und straft.

          Ins „Herz der Welt und Wahrheit“ führt kein Wort, sondern nur ein Weisen – „wies so eigen“, das gerade nicht eindeutig ist, aber in seiner Bildkraft dennoch sich verstärkt, „immer inniger und mahnender wird“. Zuletzt ist von der Weitergabe dieser Weisheit die Rede – wenn dieses „Fingers sachte / Hebung“ verstanden wird und zu einem Erwachen des einen oder anderen Jüngers führt.

          Bemerkenswerte Nähe zu Bertolt Brecht

          Mit dieser prominenten „Hebung“ am Beginn des letzten Verses macht das Gedicht auf seine gekonnte Einfachheit aufmerksam. Es ist insgesamt als ein unauffälliges Fließen von fünf- und auch vierhebigen Jamben angelegt, die, zum Teil über größere Abstände hinweg, durch Reime miteinander verfugt sind. Nur zweimal ist darunter ein Paarreim, mit der bezeichnenden Resonanz von „schweigend/zeigend“, und dann den Schlussversen.

          Aber Beginn und Ende der 22 Verse (wie im berühmteren Gedicht „Stufen“) verweigern sich der jambischen Ordnung, der erste Vers kombiniert zwei dreihebige Trochäen, und der Schlussvers verweist mit dem ungewohnten Trochäus „Hebung“ auf die Sprache der Metrik, in der Hebung und Senkung regieren. Auf diese schlichte wie subtile Weise hat das Gedicht selbst am Zeigen teil, ohne sich moralisch oder belehrend festzulegen. Wie es in Hesses Gundert-Rezension heißt, liegt zwar eine „zen-buddhistische Summa“ vor, „nicht aber im Sinne einer Dogmatik, sondern in dem eines geistlichen Übungsbuches“.

          Und gerade hier erscheint Hesse in einer bemerkenswerten Nachbarschaft, wenn sich die Gestik der Botschaft wie der Gestaltung mit dem sonst entfernt scheinenden Bertolt Brecht berührt, in der Sympathie für die unscheinbare, kluge Schlichtheit eines sprachlichen Zeigens, das beide Autoren an der chinesischen Weisheit gefesselt hat. Hesses Eingangsvers, er könnte einem auch in einem Brecht-Gedicht begegnen. Das Gestische der Lyrik scheint sie hier zu verbinden. Nur einmal, im März 1933, sind sich die Autoren persönlich begegnet, aber bei Brechts Tod schrieb Hesse an Peter Suhrkamp: „Er war der einzig wirkliche Dichter unter den deutschen Kommunisten“, und „seine Gedichte und Erzählungen liebe und schätze ich von den Anfängen bis heute“. Zu gerne würde man sich Brecht noch als Leser dieses Gedichtes von Hermann Hesse vorstellen.

          Hermann Hesse: „Der erhobene Finger“

          Für Wilhelm Gundert

          Meister Djü-dschi war, wie man uns berichtet,
          Von stiller, sanfter Art und so bescheiden,
          Daß er auf Wort und Lehre ganz verzichtet,
          Denn Wort ist Schein, und jeden Schein zu meiden
          War er gewissenhaft bedacht.
          Wo manche Schüler, Mönche und Novizen
          Vom Sinn der Welt, vom höchsten Gut
          In edler Rede und in Geistesblitzen
          Gern sich ergingen, hielt er schweigend Wacht,
          Vor jedem Überschwange auf der Hut.
          Und wenn sie ihm mit ihren Fragen kamen,
          Den eitlen wie den ernsten, nach dem Sinn
          Der alten Schriften, nach den Buddha-Namen,
          Nach der Erleuchtung, nach der Welt Beginn
          Und Untergang, verblieb er schweigend,
          Nur leise mit dem Finger aufwärts zeigend.
          Und dieses Fingers stumm-beredtes Zeigen
          Ward immer inniger und mahnender: es sprach,
          Es lehrte, lobte, strafte, wies so eigen
          Ins Herz der Welt und Wahrheit, daß hernach
          So mancher Jünger dieses Fingers sachte
          Hebung verstand, erbebte und erwachte.

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