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Frankfurter Anthologie : C. F. Gellert: „Der alte Dichter und der junge Critikus“

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Bild: picture alliance / akg-images

Müssen sich die Jungen den Respekt erst verdienen, bevor sie die Alten kritisieren dürfen? Christian Fürchtegott Gellerts Verse aus dem Jahr 1754 demonstrieren die Zeitlosigkeit dieser Frage.

          2 Min.

          Peter Handkes Auftritt bei der Gruppe 47 in Princeton 1966 ist legendär. Der mädchenhaft wirkende Autor, damals 24 Jahre alt, sprang plötzlich von seinem Sitz auf, beschimpfte die vorgetragenen Texte als läppisch, öde und konventionell und bezog die versammelten Kritiker in den Vorwurf der Langweilerei gleich noch mit ein. Was wie ein Ausbruch spontanen Unmuts wirkte, war – wie Friedrich Christian Delius als stiller Beobachter später zu Protokoll gab – sorgfältig vorbereitet und inszeniert. Handke wurde in der Medienberichterstattung zum Star von Princeton. Spektakuläre Szenen im Literaturbetrieb wie diese garantieren zuverlässig Aufmerksamkeit. Wer hätte ein Ereignis wie den blutigen Stirnritzer, den Rainald Goetz sich bei der Bachmannpreis-Lesung des Jahres 1983 beibrachte, je vergessen?

          Einprägsame Abgrenzungen junger Dichter gegen das künstlerische Establishment gab es indes schon in der Frühzeit von Literaturkritik, im Zeitalter der Aufklärung. Christian Fürchtegott Gellert, Professor für Moral und Redekunst in Leipzig, war Mitte des achtzehnten Jahrhunderts eine Institution der stilsicheren, regeltreuen und tugendhaften Poesie. Als dieser Literaturpapst seiner Epoche 1754 den lyrischen Dialog zwischen einem alten Dichter und jungen Kritiker in seine „Lehrgedichte und Erzählungen“ aufnahm, sah er eine neue Literatengeneration wohl bereits nahen. Sie würde, so war zu erwarten, den bestehenden Autoritäten bald den Respekt verweigern. Goethe besucht wenig später Gellerts Vorlesungen wie Schreibübungen und ist verstört, als der Professor seine leidenschaftliche Prosa „mit roter Tinte korrigierte und hie und da eine sittliche Anmerkung hinzufügte“. So solle man jungen Leuten – kommentiert Goethe später – die Freude an Literatur nicht verleiden. Die von Gellert vorgelegten Mustertexte hielt er jedenfalls überhaupt „nicht für besser als das Gescholtene“.

          Zwist zwischen den Generationen

          In Gellerts Fabel lässt sich der junge Kritiker von Alter, Fleiß und Urteilserfahrung des ihm unbekannten Textschöpfers nicht einschüchtern. Für ihn zählt nicht der Verfasser oder eine Tradition, sondern ausschließlich das Gedicht, in dem er „Schritt für Schritt“, also argumentativ, Mängel aufdeckt. Den Einwand seines Gesprächspartners, der Text könne ja auch von ihm selbst stammen, beeindruckt ihn dabei wenig. Vielmehr beantwortet er diese ihm keineswegs peinliche Aussicht mit der kecken These, dass die stolze Berufung auf Rang und Namen ästhetischen Urteilen schade und nicht nütze. Von nun an, so fügt zur gleichen Zeit Lessing hinzu, solle der Kunstrichter furchtlos, aber mit Gründen tadeln, ohne es deshalb selbst besser machen zu können. Auch wer nicht kochen könne, dürfe eine Suppe schließlich versalzen nennen.

          Im vierten Vers von Gellerts Erzählgedicht wird diese moderne literaturkritische Position durchaus gelobt. Unterstützt wird das durch die bescheidene, nüchterne Sprache in schlichten Metren, ganz ohne den überkommenen rhetorischen Schmuck. Gleichwohl mag man in dem Text die literaturgeschichtliche Frontstellung zwischen der alten Poetenschule Gottscheds und dem Kreis um den jungen Goethe und die „Frankfurter gelehrten Anzeigen“ bereits angekündigt sehen. Goethe hat Gellert, dessen Todestag sich im Dezember zum 250. Mal jährt, zwar nie so böse karikiert wie Gottsched, den er beim Antrittsbesuch in Leipzig in einer operettenhaften Szene mit Schlafrock und Allongeperücke als „Altvater“ der Poesie verspottete. Dennoch ist der Generationswechsel zur Epoche des Sturm und Drang und einer neuen Auffassung von „Geschmack und Dichtkunst“ unübersehbar. Was für Goethe und seine Altersgenossen wesentlich dazugehörte, war eine textbezogene Literaturkritik. Dazu lädt dieses Gedicht über Gedichte ein.

          Christian Fürchtegott Gellert: „Der alte Dichter und der junge Critikus“

          Ein Jüngling stritt mit einem Alten
          Sehr lebhaft über ein Gedicht.
          Der Alte hielts für schön; der Jüngling aber nicht,
          Und hatte Recht, es nicht für schön zu halten.
          Er wies dem Alten, Schritt für Schritt,
          Hier bald das Matte, dort das Leere,
          Und dachte nicht, daß der, mit dem er stritt,
          Der Autor des Gedichtes wäre.

          Wie, sprach der Alte, ganz erhitzt,
          Sie tadeln Ausdruck und Gedanken?
          Mein Herr, Sie sind zu jung, mit einem Mann zu zanken,
          Den Fleiß, Geschmack und Alter schützt.
          Da man Sie noch im Arm getragen,
          Hab ich der Kunst schon nachgedacht.
          Und kurz: was würden Sie wohl sagen,

          Wenn ich die Verse selbst gemacht?
          Ich, sprach er, würde, weil Sie fragen,
          Ich würde ganz gelassen sagen,
          Daß man, Geschmack und Dichtkunst zu entweyhn,
          Oft nichts mehr braucht, als alt und stolz zu seyn.

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