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Frankfurter Anthologie : Uwe Kolbe: „Das Nährende“

Bild: S. Fischer Verlag

In diesem Gedicht wird der hohe Ton des biblischen Psalters angeschlagen, zugleich scheint sich der Dichter an seiner eigenen Sprache zu berauschen. Nährt ihn gar eine ketzerische Anmaßung?

          2 Min.

          Dies sind die Verse eines Abtrünnigen. Einsam und schutzlos ist er geworden. Kein Apostat der Kirche, sondern einer, der aus der „irdischen Liebe“, wie er sagt, ausgetreten ist wie aus einer Glaubensgemeinschaft. Der Verlust quält ihn. Doch Ersatz, so glaubt er, sei auf Erden nicht zu finden. Er sucht sich ein neues Gegenüber, eines, das ihm fremd war, das er in seinem Leben bis dahin verpasst hatte. Die Begegnung hat Folgen: Uwe Kolbe, 1957 in Ost-Berlin geboren, in der DDR bespitzelt und gegängelt, seit Mitte der achtziger Jahre überwiegend in der Bundesrepublik lebend und seit vielen Jahren einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker, hat in diesem Jahr ein Buch veröffentlicht, für das ihm die Genrebezeichnung Gedicht offenbar als unzureichend erscheint. Was er geschrieben hat, kündigt er mit den folgenden Worten an: „Hier sind meine Psalmen, Lieder nach alter Art, Gebete, hier kommen sie, die sind es, die habe ich gemacht.“

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Doch was es ist, was der Dichter „gemacht“ hat, was er erschuf, das scheint ihm selbst zunächst nicht recht klar zu sein: „Aber es sind keine Lieder – singe, so singe sie doch –, wohl auch nicht recht Gebete.“ Was sonst könnte es sein? Kolbe selbst gibt die Antwort: „Dies sind die Psalmen eines Heiden, der Gott verpasste, weil keiner bei dem Kinde ging, der sagte, hörst du die Stimme?“ Aber auch das ist noch nicht die ganze Wahrheit.

          Psalmen eines Heiden, der Gott verpasste

          Mit dem ersten Satz, mit dem Kolbe die kurzen, nur zweieinhalb Seiten füllenden Geleitworte seines Buches beginnt, schlägt er nicht nur den hohen Ton des biblischen Psalters an, sondern gibt sich auch sofort als Schöpfer zu erkennen, der nicht ohne Stolz sein Werk ankündigt: „hier kommen sie, die sind es, die habe ich gemacht“. Er spielt nicht nur mit dem archaischen Tonfall der Bibel, stellt sich nicht nur in die Tradition der modernen Psalmen-Dichter, die ihm vorangegangen sind wie Trakl, Celan oder Peter Huchel, sondern er spielt auch mit der unvermeidlichen Anmaßung des Dichters, der sich daran gemacht hat, aus Worten eine Welt zu erschaffen. Er tut es aus demselben Grund, aus dem die erste Schöpfung entstanden ist: aus Lust.

          Was ist „Das Nährende“, von dem der Titel des vorliegenden Gedichts spricht? Es wird benannt: Es ist die Nuss in der Pfote des Eichkaters und die Eichel, die sich den Zähnen des Wildschweins ergibt. Doch dann spricht Kolbe vom Hammerklang des Spechts auf dem Stamm. Der Vogel ernährt sich aber nicht vom Holz, sondern von den Insekten, die er darin findet. Vom Klang, den sein hämmernder Schnabel auf dem Holz erzeugt, wird der Specht nicht satt. Doch für den Dichter, der seine Wort ineinanderfügt, dass eins zum anderen passe, ist der Klang seiner Sprache ein Überlebensmittel.

          Zum Nährenden, das der Titel des Gedichts aufruft, gehört auch die Harmonie, die sich darin erweist, dass sich eine Form der anderen zuneigt, und Seelennahrung ist auch die Lust an dieser Harmonie, die sich mit jedem gelungenen Schöpfungsakt erneuert. Dass Gottes Lust an seinem Werk in all seinen Geschöpfen nachhallt, ihre Lust also nur ein schwaches Echo seiner unendlich fernen Lust darstellt, das ist ein Gedanke, der christlicher Theologie nicht fremd ist. Es ist nichts Ketzerisches daran und doch spricht Kolbe in seinem Geleitwort von seinen „Ketzer-Psalmen“, bezeichnet sie als Ansprachen an „Gott in seinen tausend Gewändern“. Von einer Konversion, einer späten Bekehrung wird man dennoch so eindeutig nicht sprechen wollen. Rückhaltlos ist dieses Bekenntnis nur in einer Hinsicht, in poetologischer: Die Form ist es, die Lust macht, und die Lust ist es, die sich eine Form sucht. Die Heilsgewissheit, die aus den biblischen Psalmen spricht, ist bei Uwe Kolbe nicht zu finden, wohl aber eine Zuversicht über das eigene Leben hinaus. Dass seine Worte aus dem Nichts kommen, sich ihm anschmiegen und dereinst wieder von ihm verschlungen werden, kann ihn nicht ängstigen. Denn auch auf das Schweigen weiß er sich einen Reim zu machen.

          Uwe Kolbe: „Das Nährende“

          Herr, deine Lust, dass eins zum anderen passe,

          Lust, eine Form der anderen zuzuneigen:

          Eichkaters Pfoten zu der Nuss, Schweins Zahn

          zur Eichel, Spechts Hammerklang zum Stamm

          und alle Worte zu dem Schweigen.

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