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Frankfurter Anthologie : Sappho: „Das hat mir ja das Herz in der Brust zusammenzucken lassen“

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Bild: Picture-Alliance

Als die Lyrik noch eine musikalische Gattung war: eine weibliche Stimme aus dem antiken Griechenland. Wie schwerelos reist sie durch die Jahrtausende bis in unser Ohr.

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          Die Berliner Antikensammlung bewahrt eine rotfigurige attische Vase aus der Zeit um 470 vor Christus. Sie zeigt auf der Vorderseite die beiden großen Sänger der Zeit um 600 vor Christus: ruhig dastehend, mit weit geöffneten Augen freundlich blickend, nimmt Sappho den ehrerbietigen Gruß ihres mit leicht geneigtem Haupt vor ihr stehenden Zeitgenossen Alkaios entgegen, der in der Hand die Lyra hält. Mit einem poetischen Kompliment hat Alkaios einmal von der „veilchengelockten Sappho“ geschrieben. Von Sappho und Alkaios ist uns nur ein kleiner Teil ihres Werks überliefert, nicht zuletzt, weil der äolische Dialekt ihrer Lieder den Abschreibern beim Wechsel von der Papyrusrolle zum Pergamentcodex große Schwierigkeiten bereitete. Wenig nur wissen wir auch von Sapphos Leben. Dass ein leichtsinniger Bruder ihr Kummer bereitete, steht in einem ihrer Lieder.

          Wie aus unserer Gegenwart gesprochen, erscheinen uns manche Lieder der Sappho, eigentlich Psappho. Wir müssen aber behutsam sein, allzu voreilig in die Rolle einer vermeintlichen Zeitgenossenschaft zu schlüpfen. Zu groß sind die Unterschiede; auch wenn etwa die detaillierte Pathologie der Leidenschaft uns wie ein moderner Text zu ergreifen vermag, müssen wir uns doch vergegenwärtigen: Altgriechische Lyrik war nicht primär Ausdruck persönlicher Empfindungen, einsamer Subjektivität, sondern anlassgebundene Erfüllung musikalischer Formen, deren komplizierte Metrik sich uns nur schwer erschließt. Wo wir bei Versen an betonte oder unbetonte, kurze oder lange Silben denken, handelte es sich bei den antiken Originalen um Fragen von Tonhöhen, Vibrati und Tonlängen. Die Lyrik war bei den Griechen keine literarische, sondern eine musikalische Gattung.

          Eine süß-bittere Bestie, gegen die man machtlos ist

          Was die Texte angeht, ist die frühgriechische Lyrik sehr einfach gestaltet, sie benutzt einen reihenden Satzbau. Etwa so wie Sappho in dem kleinen Fragment auf ihre Tochter: „Ich habe eine schöne Tochter, die goldenen Blumen/ähnlich ist im Aussehen, Kleïs, geliebter Schatz,/im Tausch gegen sie möchte ich nicht das ganze Lydien und auch/nicht das liebliche Lesbos.“ Von dem Prinzip des Einfachen weichen die Lieder nur gelegentlich durch Kompositaformen ab: „Buntblumiggewirkte, unsterbliche Aphrodite,/Mädchen des Zeus, Listenflechtende“, redet Sappho einmal ihre göttliche Herrin Aphrodite an.

          Der Reiz des Liedes „Es scheint mir jener...“ liegt in der Dezenz des Indirekten in allen wesentlichen Aussagen. Zwar ist die ‚Göttergleichheit‘ des Bräutigams ein Topos in den altgriechischen Hochzeitscarmina. Doch kommt durch das „scheint mir“ ein Spiel von Spiegelungen als Gestaltungsprinzip in Gang, in das alle eingeschlossen sind: Bräutigam, Braut und Sängerin. Auch diese subtile Konstruktion der an sich einfachen Dichtung mag für den anonymen kaiserzeitlichen Autor des Textes „Über das Erhabene“ ein Grund gewesen sein, seine Vorstellungen zum Erhabenen an dem Lied der Sappho zu entwickeln.

          Die Überlieferung hat uns für die fünfte Strophe gerade nur noch den ersten Halbvers bewahrt. Man kann also nur vermuten, wie die Strophe zu Ende gegangen ist. Die Gattung Hochzeitslied legt nahe, dass zum Schluss die Rede davon gewesen ist, dass sich auch der Schmerz des Abschieds ertragen lasse.

          Vielleicht kommt eines Tages einmal ein Papyrus zutage, der uns den zweideutigen Anfang der Schlussstrophe genau zu verstehen erlaubt. Es sind in den letzten Jahren unerwartet viele Sappho-Papyri gefunden worden, und die Edition ordnet die neugefundenen Fragmente in den Kontext der bekannten Lieder ein. Anton Bierl, dem Basler Gräzisten, verdanken wir auch die gelungenen Übersetzungen und den gründlichen Kommentar der Edition.

          Von dem Lied „Es scheint mir jener...“ ist eine große Tradition europäischer Liebeslyrik ausgegangen. Die Nachwirkung begann bei der lateinischen Adaption durch den Römer Catull (87 bis 54 vor Christus). Er, einer Römerin namens Lesbia verfallen, vornehme Dame und „Dreigroschendirne“ (Michael von Albrecht) zugleich, maßregelt seine Leidenschaft als Ausfluss von Müßiggang: „Muße hat Könige schon und reich beglückte Städte vernichtet.“

          Ganz subjektiv, nur an sich selbst interessiert der römische Dichter, ganz einer sachlichen Sprache fähig auch in Liebesdingen die Griechin. Auch in kleinen Fragmenten zeigt sich ihre hohe Kunst: „Untergegangen sind der Mond/und die Plejaden:/inmitten der Nacht, vorbei geht die Zeit,/und ich schlafe allein.“ Ein anderes Fragment lautet: „Eros fällt da wieder gewaltsam auf mich ein, der Gliederlösende,/süß-bittere Bestie, gegen die man machtlos ist“. Oder mit der den Griechen eigenen Scham: „Ich will dir etwas sagen, aber Scham hindert mich daran.“

          Schon in der Antike wurde Sappho die zehnte Muse genannt. Allem Schönen, auch den kleinen Dingen des Frauenlebens zugewandt, bedient die hohe Kunst von Sapphos Liedern nur eine Erwartung nicht: das moderne Verlangen nach Emanzipation.

          Sappho: „Das hat mir ja das Herz in der Brust zusammenzucken lassen“

          Es scheint mir jener gleich den Göttern
          zu sein, der Mann, der gegenüber dir
          sitzt und aus direkter Nähe, wie du süß die Stimme
          ertönen lässt, dir zuhört,

          und wie du begehrenswert lachst: Das hat mir ja
          das Herz in der Brust zusammenzucken lassen.
          Denn sobald ich auf dich blicke, nur kurz,
          bringe ich unmöglich noch einen Ton hervor,

          sondern die Zunge ist gebrochen, ein leichtes
          Feuer augenblicklich läuft unter der Haut,
          mit den Augen sehe ich rein gar nichts, es sau-
          sen die Ohren,

          hinab läuft der Schweiß, ein Zittern
          packt mich am ganzen Leib, grüner als Gras
          bin ich, und fast schon tot
          erscheine ich mir selbst.

          Aber alles kann man ertragen...

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