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Frankfurter Anthologie : August von Platen: „Das Grab im Busento“

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Bild: Picture-Alliance

Vor dem wohl übelsten literarischen Shitstorm des neunzehnten Jahrhunderts floh August von Platen ins italienische Exil. Seine präzisen Verse sind ein Meisterwerk erzählender Dichtkunst.

          3 Min.

          Das Werk des Dichters August Graf von Platen-Hallermünde, geboren 1796 in Ansbach, gestorben 1835 in Syrakus, gehört in seiner formkünstlerischen Virtuosität zu den vergessenen Leistungen deutschsprachiger Lyrik. Dass Platen neben seiner Liebe zu Sonetten und antiken Maßen auch ein Faible für das Ghasel hatte, eine orientalische Strophenform aus Zweizeilern mit gleichen Reimen, brachte ihm den Spott Immermanns und Heines ein und löste die sogenannte Platen-Affäre aus, den übelsten literarischen Shitstorm des neunzehnten Jahrhunderts: Platen bedachte Heine mit antisemitischen Klischees, dieser outete ihn als „warmen Bruder“. In der Folge zog sich Heine nach Paris zurück, und Platen flüchtete nach Italien, das er niemals mehr verließ.

          Von diesen Verwerfungen wird meine Mutter nichts gewusst haben, als sie in ihrer Schulzeit unter dem Nationalsozialismus ein Gedicht auswendig lernen musste, von dem sie manche Zeilen ihr Leben lang behielt und gelegentlich zitierte. Besonders hatten es ihr die Verse der dritten Strophe angetan: „Allzufrüh und fern der Heimat mußten sie ihn hier begraben, / Während noch die Jugendlocken seine Schultern blond umgaben.“ Bei dem blonden Jüngling handelt es sich um Alarich I., König der Westgoten, der mit seinem umherziehenden Volk in Italien eingedrungen war und im Jahre 410 die Stadt Rom einnahm und plünderte – etwas, das es achthundert Jahre nicht mehr gegeben hatte. Auf dem Weiterzug Richtung Sizilien erkrankte Alarich an Malaria und starb, als er sich gerade in Cosenza aufhielt. Der Überlieferung nach, die auf die spätrömischen Autoren Cassiodor und Jordanes zurückgeht, wurde er im Bett des Flusses Busento samt seinen Schätzen bestattet: Das ist das Szenario, das August von Platen nicht als breit angelegte Ballade, sondern als kurzen Monumentalfilm in Worten gestaltet.

          Leise lispelnd unterm Gotenheer

          Fallende Achttakter sind es, das Metrum der römischen Komödie, die Platen in neun langzeiligen Strophen als Paarreime arrangiert. Man könnte sich jede Strophe auch in Vierzeiler gebrochen vorstellen, aber durch die auffallende Länge der Zeilen kommt die komprimierte Schilderung technischer Vorgänge besser zum Tragen: Da wird ein Fluss umgeleitet, eine Grube geschaufelt, etwas hineingetan, dann zugeschaufelt und das Wasser zurückgeleitet – die Goten waren offenbar fähige Ingenieure, aber es ist nicht eigentlich der Stoff, den man von einem lyrischen Gedicht erwartet. Platens Trochäen aber pflügen ihrerseits mit ingenieurhafter Präzision durch das spröde Material der Verse und unterwerfen es einer strengen formalen Ordnung, die es erst zu dem macht, was es dem Willen des Verfassers nach sein soll: ein weihevoller Übergangsritus.

          In der Dichte seiner Darstellung ist Platens Gedicht ein Meisterwerk erzählender Verskunst, rein genießen kann man es nicht. Vieles ist befremdlich daran, manches trotz des heldischen Pathos schön. Seltsam und schön zugleich ist in der ersten Zeile die widersprüchliche Vorstellung, nach der „dumpfe Lieder“ als ein Lispeln gedacht werden sollen. Die Klänge selbst, das dunkle „u“ und das helle „i“ der sinntragenden Wörter, „dumpf“, „Lieder“, „lispeln“, machen diesen Widerspruch geltend. Im Anklang von „Wasser“ und „Antwort“, „Wirbeln“ und „klingt“ tönt die Vokalmusik fort, und so wird dem Geschehen eine zarte Heimlichkeit angedichtet, die der nächtlichen Szene ihre suggestive Atmosphäre leiht. Eine seltene Pretiose ist auch das Wort Stromgewächse, das Platen aus rhythmischen Gründen erfand, da er mit Schilfrohren aus dem Takt gekommen wäre.

          Weniger schön ist, was Platen hier unterschlägt; die Goten sollen sich nämlich keineswegs „um die Wette“ gereiht haben, um die Erde umzuwerfen, sondern ihren römischen Gefangenen diese Arbeit überlassen haben, die danach allesamt getötet wurden, damit sie den Ort des Königsgrabes nicht verraten konnten. Die den Römern unterstellte „schnöde Habsucht“ stellt die Geschichte auf den Kopf, es waren ja in Rom erbeutete Schätze, die da vergraben wurden. Kein Wunder, dass sich das 1820 entstandene Gedicht späteren Zeiten anbot, die solchen Germanenkitsch ideologisch missbrauchten. Nun konnte auch Platen nicht in die Zukunft sehen, aber die Stilisierung der plündernden Barbaren zum friedlichen Männergesangverein ist schon arg.

          Die Nachfahren der alten Römer scheinen das Platen nicht zu verübeln. Im kalabrischen Cosenza erinnert heute eine Straße an den immer unglücklichen Dichter, ein Reiterstandbild Alarichs steht am Ufer des Busentos, kurz vor seiner Mündung in den Crati, der zum Ionischen Meer fließt. In einem Antiquariat in der Altstadt wird der Text des Gedichts als Sonderdruck angeboten, mit einer Übersetzung ins Italienische von Carducci. Umleiten aber kann das Bett des Busentos heute so leicht niemand mehr, er ist ein einbetoniertes, nur von Wehren zum Rauschen gebrachtes Rinnsal und wirkt so aus der Welt gefallen wie Platens eigenartiges Gedicht, das mir nicht aus dem Kopf geht, weil ich darin die Stimme meiner Mutter höre, leise lispelnd unterm Gotenheer.

          August von Platen: „Das Grab im Busento“

          Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder,
          Aus dem Wasser schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wider!

          Und den Fluß hinauf, hinunter, ziehn die Scharen tapfrer Goten,
          Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.

          Allzufrüh und fern der Heimat mußten sie ihn hier begraben,
          Während noch die Jugendlocken seine Schultern blond umgaben.

          Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette,
          Um die Strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches Bette.

          In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde,
          Senkten tief hinein den Leichnam, mit der Rüstung, auf dem Pferde.

          Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe,
          Daß die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe.

          Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Strom herbeigezogen:
          Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.

          Und es sang ein Chor von Männern: Schlaf in deinen Heldenehren!
          Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!

          Sangen’s, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere;
          Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!

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