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Frankfurter Anthologie : Maja Vidmar: „Das Gebet der Nacht“

  • -Aktualisiert am

Maja Vidmar Bild: Vilencia festival/Andraž Gomba

Maja Vidmars Gedichte zählen zur jungen, kraftvollen slowenischen Lyrik. Diese Verse beschwören Kinobilder vor dem inneren Auge und bleiben doch zweideutig.

          Um es vorwegzuschicken: Ich habe Maja Vidmars Gedicht in Übersetzung gelesen, kompetent über das slowenische Original zu urteilen, wäre Hochstapelei. Dass es mich anspricht und anspringt, verdanke ich der Arbeit von Fabjan Hafner, der am 10. Mai 2016 wenige Tage vor Vollendung seines fünfzigsten Lebensjahres aus dem Leben geschieden ist. Wo immer Gedichte der jungen, kraftvollen slowenischen Lyrik im deutschsprachigen Raum auftauchten und dieses in die Welt ausstrahlende Kernland zeitgenössischer europäischer Poesie bekanntmachten, wo immer Namen wie Tomaž Šalamun, Uroš Zupan, Maja Vidmar oder Aleš Šteger auf Festivals und Lesungen auftauchten, war ihr wichtigster Übersetzer Fabjan Hafner mit von der Partie. Fabjan Hafner war selbst zweisprachig, konnte in zwei Sprachen dichten und denken, und es nimmt nicht wunder, dass er in der vielleicht schönsten Dissertation, die je über Peter Handke geschrieben wurde, diesen gewissermaßen ins Slowenische rückübersetzte, mit- und nachhörte, was vom Sound der slowenischsprachigen Mutter in Handkes Prosa die deutsche Diktion unterwanderte und vom märchenhaften „neunten Land“ südlich der Karawanken kündete.

          Fabjan Hafner hatte es nicht leicht mit seiner Mission in Kärnten und in Klagenfurt, wo er am Robert-Musil-Institut angestellt war und sich für seine Lieblingsdichterin Christine Lavant einzusetzen suchte – auch sie eine Dichterin der Nacht, der Schlaflosigkeit, des Selbstzweifels und ausweglosen Sprechens. Vielleicht hat er in ihr eine Wahlverwandte geschätzt. Ich sehe ihn noch neben mir am Steuer und höre ihn, wie er mir Orte und Plätze seiner Südkärntner Dichterheimat im Vorbeifahren nahebringt.

          Die Schönheit fährt auf dem Rücksitz mit

          Und deshalb sind es gerade diese nächtlichen Zeilen von Maja Vidmar, aus denen ich – auch – die Stimme ihres Übersetzers heraushöre. „Was gibt es Schöneres, / als die pulsenden Lichtflüsse / auf der nassen Straße?“ Das könnte in oder bei Ljubljana sein, wo Maja Vidmar, die 1961 im damals jugoslawischen Nova Gorica geborene Hubert-Burda-Preisträgerin von 1999, lebt, schreibt und Slowenisch und Komparatistik gelehrt hat. Die Eröffnung ihres Gedichtes spielt sich, wie mit der Kamera aus der Totalen aufgenommen, „von oben betrachtet“ ab – eine großräumige, asphaltierte und elektrisch erleuchtete Landschaft, in der die Grenzen von Sprache, Herkunft, Identität zu verschwimmen und zu verschwinden beginnen, wie gemacht für weite Überlandfahrten, wie sie Handkes Protagonist Filip Kobal in „Die Wiederholung“ beim Übertritt von Kärnten nach Slowenien erlebt. Die Nacht ist weit und grenzenlos, solange Licht und Leben durch sie pulsieren.

          Die zweite Einstellung des Gedichts führt dagegen in eine sich herantastende und im Zoom verzögernde Kameraperspektive, „aus der Nähe besehen ... ein schlafendes Mädchen/auf dem Rücksitz?“ Es gibt einem Fragen auf, die zuallerletzt sie (das Mädchen) uns beantworten wird, denn sie schläft ja, und dass die Autorin hinter dieser Kameraeinstellung nicht ein Mann, sondern eine Frau ist, macht es keineswegs leichter – doch offenbar verbirgt sich hinter diesem Bild nicht die Spur von frivolem Hintersinn, und es ist stattdessen in aller Unschuld gemeint: Was gibt es Schöneres als den Plafond eines Wagens, in dem ein Mädchen sich (beim Überlandfahren) so frei fühlen und friedlich schlummern kann? In ihrem Bild schwingt die Freiheit eines aus der schon entfernten Jukebox nachhallenden Songs oder des Autoradios mit, das die einmal fast wahre Utopie eines Europas ohne Grenzen orchestriert. Es ist ein Bild zum Verlieben, das ohne viel Worte die nächtliche Einsamkeit aufhebt.

          Mit welcher Einstellung jedoch kommt Maja Vidmars kleiner lyrischer Film zum Schluss? Wenn Leben unterwegs und im Bilde sein bedeutet, dann ist die Finsternis der Ort und der Moment, an dem die Bilder und die Fahrt verlöschen: „Von dort aus gesehen, / wo ich nicht bin, / herrscht nichts als Finsternis.“ Am Ende dieses Films bleiben die Lichter aus.

          „Das Gebet der Nacht“ ist ein zweideutiger Titel: Spricht sich die Nacht selber ihr Gebet, oder schickt das Ich ein Gebet in die Nacht? Und worin besteht es? Gibt es überhaupt einen Adressaten dafür? Fragen, über die der Titel ihres 2005 in Slowenien erschienenen Gedichtbandes vielleicht Auskunft gibt: „Gegenwart“. Zur Gegenwart gehört die Anwesenheit, und diese spricht sich in Bildern aus. Die Botschaft dieses „Gebets“ lautet vielleicht: Bleib im Bild. Das ist selbstverständlich auch eine metapoetische Geste, die auf die optische Einstellung von Gedichten zielt und auf das Ich, welches noch – oder erst – im Bilde von sich selber spricht. „Das Gebet der Nacht“ ist ein kleines Rätsel, das uns in seiner unnahbaren Schönheit Maja Vidmar vorgelegt und Fabjan Hafner auf Deutsch nahegebracht hat. Es ist bitter zu wissen, dass es keine Übersetzungen mehr von ihm geben wird.

          Maja Vidmar: „Das Gebet der Nacht“

          Von oben betrachtet:
          Was gibt es Schöneres,
          als die pulsenden Lichtflüsse
          auf der nassen Straße?
          Aus der Nähe besehen:
          Was gibt es Schöneres
          als ein schlafendes Mädchen
          auf dem Rücksitz?
          Von dort aus gesehen,
          wo ich nicht bin,
          herrscht nichts als Finsternis.

          Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner

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