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Frankfurter Anthologie : Max Herrmann-Neiße: „Das erste Sonett“

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Er war einer der der wichtigsten Dichter des Frühexpressionismus. Diese Zeilen widmete Max Herrmann-Neiße „Franziskus“ – und meint damit zwei grundverschiedene Personen.

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          Die Protagonisten des Frühexpressionismus, zu denen auch der in Schlesien geborene, nach seinem Geburtsort benannte, später in Berlin, zuletzt als Emigrant in London lebende Max Herrmann-Neiße gehörte, verstanden sich keinesfalls umstandslos als Berserker der lyrischen Formzertrümmerung. Dies bestätigt auch ein Blick auf Herrmanns bemerkenswerten Zyklus „Die zehn Sonette für Franziskus“ (1911), von denen hier das erste Sonett vorgestellt werden soll.

          Die Sonette sind, wie der Obertitel des Zyklus ausweist, „für Franziskus“ gedacht, nicht „an“ einen Franziskus gerichtet. Mittlerweile wissen wir, dass mit dem Namen „Franziskus“ zunächst Franz Jung (1888 bis 1963) gemeint war, der etwas jüngere Mitschüler Herrmanns, der für diesen eine wichtige Rolle als Mentor und Berater spielte, sich bald gegen das bürgerliche juste milieu seiner Familie auflehnte, in München (1911) und Berlin (1913) studierte und sich später linksradikalen rätekommunistischen Gruppen anschloss.

          Franziskus also als Franz Jung, der Aussteiger und kommende Revolutionär, und doch noch ein anderer, der die Konturen des ersten Sonetts kennzeichnet, und zwar im ersten Terzett: der andere, der wahre, der Heilige Franziskus mit seinen Stigmata, den Wundmalen Christi, also ein konkurrierender Typus der antibürgerlichen Secessio und der totalen Absage an das juste milieu, gegründet in Verzicht, Opfer, Leiden, Mitleiden und gewollter solidarischer Armut, Repräsentant eines Protestes ohne Gewalt. Franziskus, der Ordensgründer, eine Persönlichkeit mit historischer Langzeitwirkung und der Kraft, den Einzelnen aus seiner Isolation zu befreien.

          Nicht wenige literarische Zeitgenossen schrieben Franziskus-Sonette, unter ihnen Hugo Ball (1886 bis 1927) und Klabund, ganz abgesehen von Rilkes „Stundenbuch“ (gedruckt 1905) mit seinem großen Hymnus an den Mann von Assisi, der hier allerdings nicht als ein von Wundmalen Gezeichneter erscheint, auch nicht nur als Leitfigur gewollter Armut, sondern, etwas peinlich, als Mädchenschwarm und begnadeter orphischer Sänger in fast unverhüllt narzisstischer Selbst-Projektion gerühmt wurde. So zeichnete sich Herrmann schon im Titel seines kleinen Sonettzyklus in eine markante Epochenströmung ein, die man Franziskanismus nennen könnte und die sich etwa in manchen Werken Hermann Hesses ebenso abzeichnete wie in jener etwas kuriosen Franziskanerkutte, in der sich bekanntlich Gerhart Hauptmann begraben ließ.

          Kontur einer Huldigungszeremonie

          Dieser eindeutige Befund macht freilich Herrmanns Sonette umso merkwürdiger. In der szenisch angedeuteten Beobachtung und performativen Selbstbeobachtung des sprechenden Ichs deutet Herrmann im ersten Sonett einen auratisch wirkenden, olfaktorisch durch „Weihrauch“ sakralisierten „Saal“ an, dessen Evokation in Erinnerung an Bildelemente der Dichtung Stefan Georges (seit dessen „Algabal“-Zyklus) bestimmt ist von der Antithese von Höhe und Herrschaft einerseits, Dienst und Erniedrigung andererseits.

          Das quasi herrschaftlich auf einem „Thron“ erhöhte Ich blickt, mehrmals von Beifall umrauscht auf die abwärts führenden „Stufen“ seines Thrones, entdeckt jedoch dabei nicht jenen waagerechten Purpurstreifen, der spätestens seit der römischen Senatorenherrschaft Teilhabe an der Macht symbolisierte, sondern einen Purpurstreifen, der vertikal, quer zur semantischen Raumhierarchie, quasi blutig in die Tiefe „rieselt“ und dem der „verstohlene“ Kniefall (Vers 4) des Herrschers gilt. Der Hofstaat wird in der Mischung von halb-säkularer Rittergemeinschaft oder mönchischer Runde gedacht; das Wort „Brüder“ im fünften Vers bleibt unbestimmt, jedoch „fächern Pagen Kühlung“ zu.

          Konturiert wird eine scheinbar einhellige Huldigungszeremonie und mythisch überhöhte Literaten-Versammlung, in welcher etwas „gegrüßt“ werden muss, das von den „Brüdern“ geschaffen worden ist. Das Wissen um die Schwere der schöpferischen Stunden paart sich mit der kontrastiven Imagination von aggressiven und esoterischen, symbolisch gemeinten Requisiten und Bildmotiven („Schlachten-Sicheln“ versus „Silberhufe“), das heißt in der dialektischen Überblendung ästhetizistisch abgehobener heiterer Phantasie mit erträumter quasi kriegerischer Bewährung. Es geht um die Spannung zwischen engagierter Literatur, die Franz Jung und seine Freunde bald im Klassenkampf einzusetzen wussten, und jugendstilhafter, eher selbstgenügsamer Preziosität.

          Diesem genuin poetischen, ja poesiehistorisch deutbaren Gedanken- und Bildkomplex „steht“ unvermittelt antithetisch, durch ein „Doch“ adversativ abgehoben, der in das Ebenbild des leidenden Christus verwandelte Franziskus von Assisi als vertrauliches „Du“ an der Seite, wie als solidarischer Gefährte: stumm, zeigend, freundlich oder resignativ lächelnd und wirkungslos, jedoch wie schon der Kniefall nach dem rieselnden (blutigen) „Purpurstreifen“ die Kluft zwischen innerem und äußerem Geschehen andeutend, während die zeremoniöse Selbstfeier der weihrauchgeschwängerten „Jünger“ um ihren Dichterfürsten ihren Fortgang nimmt.

          Das Sonett exponiert im Figurenprofil und in seiner semantischen Tiefenstruktur die Herrmann offenbar bewegende Sinnfrage nach dem problematischen Miteinander der poetischen Form samt der sich darin feiernden Kunstgemeinde und der in Franziskus von Assisi verkörperten Demut, solidarischen Nachfolgeethik und christlichen Schmerzmetaphysik. In späteren Sonetten wird Herrmann die Kluft zwischen Ich-Bewahrung, Kunst-Ethos und geforderter quasi-proletarischer Solidarität immer wieder aporetisch aufreißen, damit aber sehr sensibel quälende Bewusstseinslagen des angebrochenen zwanzigsten Jahrhunderts andeuten.

          Max Herrmann-Neiße: „Das erste Sonett“

          Ich sehe einen schmalen Purpurstreifen
          Hinrieseln über meines Thrones Stufen,
          Und während rings im Saal sie „Vivat“ rufen,
          Muß ich verstohlen knien und danach greifen.

          Da muß ich grüßen, was die Brüder schufen,
          Und weiß die Saat der schweren Stunden reifen
          Und sehe sie die Schlachten-Sicheln schleifen
          Und sehe einen Tanz von Silberhufen...

          Doch Du stehst neben mir mit wehem Lächeln
          Und weisest mir die Wunden deiner Hände
          Und in der weißen Stirn die Dornenmale.

          Indeß die Pagen trotzig Kühle fächeln,
          Und Weihrauch duftet um die Feuerbrände,
          Und aller Jubel lauter singt im Saale.

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