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Frankfurter Anthologie : Nora Gomringer: „Daheim“

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Bild: FAZ.NET

Nora Gomringers Zeilen präsentieren sich als „Idylle in der Reihe“. Aber hinter den ordentlich gereihten Wörtern verbirgt sich eine bittere Pointe.

          Heimat hat Konjunktur. In der Politik wie in der Poesie. Gomringers „daheim“, zunächst in ihrem dritten Gedichtband „Klimaforschung“ erschienen, spürt dieser Heimatlust nach. Bereits die Textgestalt zeigt, um was für ein Heim es sich handelt: Die Zeilen und Wörter dicht gedrängt, hebt der gedrungene Schriftblock seinen Reihencharakter hervor. Das Gedicht präsentiert sich als „Idylle in der Reihe“. Man ist daheim im Reihenhaus.

          Gesellschaftlich befindet man sich damit in der Mittelschicht. Architektonisch im klar funktionalen Minimalismus und lyriktraditionell bei der Konkreten Poesie. „Daheim“ schreibt zum einen Claus Bremers potentiell endloses Gedicht „immer schön in der Reihe bleiben/immer schön in der Reihe bleiben“ fort. Zum anderen nimmt es die Frage nach der Tradition persönlich. Bei Nora Gomringer, der Tochter von Eugen Gomringer, ist die Frage nach dem eigenen „daheim“ auch eine Frage der Lyrik. Ihre „Idylle in der Reihe“ siedelt sich in der direkten Nachbarschaft der väterlichen Installation von „baum kind hund haus“ an.

          Das Befremdliche kommt nur von drauß’ vom Walde her

          So viel verrät der Blick auf die Außenfassade. In den Versen selbst erleiden die aneinandergedrängten Wörter symptomatisch das Schicksal, das auch die Figuren zu tragen haben: In diesem „daheim“ herrscht eine unangemessene Nähe. Um einen Durchblick zu bekommen, hilft nur aufräumen. Die Leserin wird zur Putze, der Leser zum Putzesmann des Gedichts. Was sieht man nach getaner Hausarbeit? Zweimal bewegt sich die Hauswirtschafts-Ordnung von den Erwachsenen aus bis zum Haustier. Zuerst im Dreischritt von der Kernfamilie aus Mutter, Vater, Kind über die Geschwister und dem eingeflochtenen Kinderlied bis zum gelben Vogel in seinem Käfig. Dann folgt sie derselben verwandtschaftlichen Antiklimax noch einmal: Von den Erwachsenenquartetten bis zur Nachbarskatze. Die Idylle in der Reihe ist sowohl bei den Eltern als auch bei den Haustieren außer Rand und Band geraten, weil sich die Prinzipien des Liebens, Verzehrens, Verschlingens und Verspeisens ineinander verschränkt haben: Hund verspeist Meerschweinbein, Katze trifft auf Vogel, Mama umschlingt Lover, Papa hat seine Blonde zum Fressen gerne oder gönnt sich – schönste figura etymologica – ein blondes Helles, während Mama wiederum ihre Stimmung mit Tabletten aufhellt.

          Gomringers nonchalanter Ton mag kindlich naiv wirken, ist aber voller Raffinement. Eigentliche Hauptfigur des Gedichts ist das unscheinbare Wort „und“. Es fungiert als syntaktischer und rhythmischer Beziehungsstifter. 23 Wiederholungen der Konjunktion koordinieren 24 Konjunkte. Zudem hat es sich sicht- und hörbar in Wörter wie Schlund oder Hund eingeschlichen. Das reihende „und“ erzeugt jenen Beziehungsdrive, auf dem die Eltern wie auf einer Welle in die Katastrophe gleiten.

          Das Gedicht hat eine bittere Pointe. Anlass ist der Kinderonkel, der durch die Aufzählung dem Hoppe-Hoppe-Reiter-Spiel zuzuordnen ist. Das Spiel kehrt die übliche Machtverteilung zwischen Reiter und Pferd um. Statt des Reiters bestimmt das Pferd, wo es lang geht. Gomringer spielt gezielt auf den Topos des netten Onkels an, der das Spiel nutzt, um den Kindern zu nahe zu kommen: „Hoppe, hoppe Reiter/Und ein Küsschen für den Onkel/Du bist so ein braves Mädchen“, lautet eine Songzeile der Band Toxoplasma. Offenbar macht der Kinderonkel, was fatalerweise naheliegt. Das Gedicht führt zwar keinen Beweis, aber häuft eine erdrückende Anzahl von Indizien an. Das eingespielte Kinderlied ist in Bruchstücke zerfetzt. „Hoppehoppe“ stammt aus dem Original. Das „fallefalle“ lässt aufhorchen, ob das Kind dem Onkel in die Falle-Falle gegangen ist. Und der Sturz wird als Fakt präsentiert: „gefallen in den graben und gefressen von den raben“. Hier geht es um das seelische und körperliche Wohl des Kindes. Dagegen wirken die Seitensprünge der Eltern geradezu lapidar.

          Oder legt der Text die Tat des Onkels nur nahe, um zu zeigen, wie schnell der Verdacht im trauten Daheim keimt? In jedem Fall ist das die zweite Pointe des Gedichts: Das Befremdliche kommt nicht von außen, sondern entwächst dem Eigenen. Schon das erste Wort des Gedichts macht klar, dass das auch für die deutsche Sprache gilt. „Mama“ wird entgegen der gängigen Lautregel mit kurzem Vokal gesprochen, aber nicht mit doppeltem „M“ geschrieben. Warum? Weil Mama eine direkte Übernahme des Französischen „maman“ ist. Eines der ersten Wörter, das deutschsprachige Kinder in ihrer Muttersprache erlernen, ist ein Fremdwort. Schon mit dem ersten Wort, dem naheliegenden überhaupt, geht die deutsche Sprache fremd. Wer in der Sprache der Deutschen zu Hause ist, spricht immer schon in anderen Sprachen und ist deshalb in der Welt daheim.

          Nora Gomringer: „Daheim“

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