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Frankfurter Anthologie : Christian Saalberg: „Das war mein Tag“

  • -Aktualisiert am

Bild: www.christian-saalberg.de

Er fürchtete nicht den Tod, sondern zu große Worte. Dennoch legte Christian Saalberg mehr als zwanzig Lyrikbände vor. In diesem Gedicht zeigt sich, wie sich sein Hang zum Herunterspielen in Poesie verwandelt.

          Es gibt Dichter, die große Worte meiden. Und es gibt Dichter, deren Gedichte von großen Worten heimgesucht werden. Der 1926 geborene Christian Saalberg gehörte zur zweiten Sorte. Er kannte keine Scheu vor großen Worten; dazu passend trug er folgendes Credo von Francois de La Rochefoucault in sein Zitatbuch ein: „Gebrauchen wir niemals Worte, die größer sind, als das, was wir sagen wollen.“ Und der stets bescheiden und zurückhaltend auftretende Christian Saalberg, der zwischen 1963 und 2006 nicht weniger als 24 Gedichtbände vorlegte, hatte Großes zu sagen, etwa: Ich habe keine Angst vor dem Tod.

          Die Art und Weise, wie er das in seinen Gedichten sagte, ging allerdings nicht ohne Reibungsverlust vonstatten: Denn einerseits feierte er, der kenntnisreiche Naturliebhaber, unsere Existenz in seinen Gedichten, andererseits marginalisierte er sie beharrlich: „Wir heben einige Steine auf, in denen sich die untergehende Sonne noch einmal spiegelt. Das ist alles. Es ist nicht der Rede wert“, schrieb er 1997 im Vorwort zu seinem Band „Vom Leben besiegt“. Nicht der Rede wert sein und dennoch bedichtet werden – aus dieser Zerrissenheit heraus warf Christian Saalberg seinen surrealistischen Motor an, brachte zusammen, was nicht zusammen gehört. Eine seiner Methoden war es, große Worte wie Steine solange gegeneinander zu schlagen, bis Funken stieben, aus denen sich ein Feuer entfachen lässt. Und genau dieses Feuer brauchte er, um allem Untergang eine leuchtende Schleppe zu verpassen.

          Die leuchtende Schleppe des Untergangs

          Tag, Sonne, Leben, Stein. Der Tag als ein Leben, als ein Rutschen vom Aktiv ins Passiv. Das Bild der Sonne als Geschoss ist eine treffende Versinnbildlichung für die ablaufende Sanduhr im Zeitraffer, eine Vergegenwärtigung der im Ableben eines Lebens zunehmend empfundenen Beschleunigung. Mag die Sonne uns auch als lebensspendendes Strukturelement dienen, wir richten uns natürlich nach ihr aus – doch als Geschoss deklariert, ist auch sie nur ein getriebenes Objekt, von weitaus größeren Mächten auf ihre Bahn gebracht. Nur duldsam kann man dieser Ohnmacht entgegensehen. Also wird knapp und gleichmütig die Tür zur Metaphysik aufgestoßen.

          Der Dichter dieses Gedichts führte eine Doppelexistenz. Unter seinem bürgerlichen Namen Christian Udo Rusche arbeitete er nahe Kiel als Rechtsanwalt und gab sich in seiner übrigen Zeit unter dem Pseudonym Christian Saalberg der Literatur hin. Vielleicht ist es seiner Biographie geschuldet, dass er, der die letzten Kriegswirren am eigenen Leib noch heftig zu spüren bekam, sich nach dem Kriegsende dem Absurden verschrieb. Er fühlte sich seit jeher der französischen Geisteswelt verpflichtet, vor allem der des Surrealismus. Daraus hat er nie einen Hehl gemacht. Allein die Autorennamen der Motti, die er in seinen Gedichtbänden unterbrachte, sprechen Bände: Charles Baudelaire, Artur Rimbaud, René Char, Henri Michaux, René Crevel.

          Einmal fragte ich Christian Saalberg nach seinem Lieblingsbuch. Die Antwort kam prompt: „Nadja“ von André Breton. Natürlich findet sich auch von Breton ein passendes Zitat in einem seiner Gedichtbände: „Schau dir diese beiden Häuser an. In dem einen bist du tot und im anderen bist du tot.“

          Dass der Literaturbetrieb weitgehend an Saalbergs Werk vorbei gegangen ist und wie üblich nach frischen Debütanten schielte, ist eine andere Geschichte. Jedenfalls hinterließ dieser existentielle Dichter mit seinem Sinn für leisen Humor und Understatement ein großes dichterisches Werk.

          Neulich war ich im Literaturhaus Schleswig-Holstein auf einer Gedenkveranstaltung zum neunzigsten Geburtstag von Christian Saalberg. Seine Tochter, Viola Rusche, legte dar, wie sich Christian Saalberg zeitlebens in seinen Gedichten mit dem Tod beschäftigte, ja regelrecht mit ihm angefreundet hatte, sodass der Tod für ihn allen Schrecken verlor – und als es 2006 soweit war, konnte er in Frieden die Seiten wechseln. Sich dem Tod entgegenschreiben, dachte ich da, ist eine starke, sinnstiftende Triebfeder – zumal das Ende von Dichterinnen und Dichtern oft fürchterlich ist. Muss das sein? Dankbarkeit und Zufriedenheit sind mit zunehmendem Alter ein hohes Gut. Auch das kann man von Christian Saalberg lernen. „Wenn alles zu Ende geht, spreche ich noch einmal das Wort ANFANG aus“.

          Christian Saalberg: „Das war mein Tag“

          Bin aufgestanden habe gegurgelt

          habe mich rasiert

           

          Sah im Fenster wie ein Geschoss vorüberflog

           

          Das war die Sonne

          Das war mein Leben

           

          Das ich noch einmal sehen kann

          bevor morgen ein Stein

           

          meinen Namen trägt

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