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Frankfurter Anthologie : Christian Morgenstern: „Windgespräch“

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Bild: F.A.Z., akg-images

Seine „Galgenlieder“ gehören zum Witzigsten, was die deutsche Sprache hervorgebracht hat. Dieses Gedicht aus Christian Morgensterns Nachlass zielt auf die Absurdität des Reisens.

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          Christian Morgenstern war ein inniger Follower von Rudolf Steiner und hat viel Lyrisches und Aphoristisches geschrieben, worin dies zum Ausdruck kommt. Berühmt wurde er freilich durch seine „Galgenlieder“, die neben dem Werk Wilhelm Buschs sicher das Umwerfendste sind, was die deutsche Literatur an Humoristischem hervorgebracht hat.

          Eines der vielen Gedichte, die Morgensterns Frau Margareta aus dem Nachlass herausgegeben hat (in diesem Fall in der kleinen Sammlung „Die Schallmühle“) ist dieses Gespräch zweier Reisender. Morgenstern selber war viel unterwegs: zum einen Teil wegen Rudolf Steiner, dem er zu seinen zahlreichen Vorträgen folgte, mehr aber noch wegen der Tuberkulose, die ihn seit seiner Jugend quälte, und die er an zahllosen Kurorten loszuwerden hoffte – vergebens, er starb daran.

          Zwei Weltteilnehmer

          Das Geheimnis des Humors der „Galgenlieder“ Christian Morgensterns ist zum Glück unergründlich, hat aber gewiss etwas mit der Selbstverständlichkeit zu tun, mit der das Absonderliche und Schräge dort auftritt als das Normale, das es in Wahrheit ist. Zum Normalsten unserer surrealen Realität gehört für uns schon längst das Reisen um des Reisens willen. Und dazu wiederum gehört, dass man davon erzählt, ob es der andere hören will oder nicht.

          In dem kleinen Gespräch, das hier ein weit herumgekommener Angeber mit einem zu Hause Gebliebenen führt, ist der eine Wind unverkennbar als Älterer und als Mann zu denken, der andere als das Mädchen aus dem Dorf, dem der Globetrotter zu imponieren versucht. Er wirft – falls sie nicht nur des Reimes wegen auftreten – mit tatsächlich weit entlegenen Ortsnamen um sich. Sie, die sich in vernünftiger Selbsteinschätzung Lokalwind nennt, kennt das alles nicht, vermisst es aber auch nicht: Sie hat ihre eigene Sehenswürdigkeit, den Tanzsaal des Herrn Kuntz, den sie sicher bald wieder aufsuchen wird, während er seinen Abend auf Zwischenstation in Paris verbringt, um dort zu finden, was sie längst hat und was sie für ihn nicht sein will: In Kuntzens Tanzsaal, diesen Hintergedanken dürfen wir ihr unterstellen, wird sie jemanden treffen, der für sie sensationeller ist, als der Protztourist es je sein könnte.

          Morgenstern macht sich hier aber nicht nur lustig über die Weltreisenden, er hat auch ein sehr konzentriertes, schön gebautes Gedicht geschrieben: acht Zeilen, drei knappe Strophen, die Rollen exakt verteilt, die erste und letzte mit je einer Salve von Ortsnamen dem Älteren, die Strophe in der Mitte in lebendiger Rede der Jüngeren zugeteilt. Zwei Welten in einem Gedicht als die eine, in der Mann und Frau, die Lebendigen und die Simulierer als Weltteilnehmer aufeinander treffen. Auf unserem nächsten Flughafen sollten wir daran denken.

          Christian Morgenstern: „Windgespräch“

          Hast nie die Welt gesehn?

          Hammerfest – Wien – Athen?

           

          ,Nein, ich kenne nur dies Tal,

          bin nur so ein Lokalwind –

          kennst du Kuntzens Tanzsaal?‘

           

          Nein, Kind.

          Servus! Muß davon!

          Köln – Paris – Lissabon.

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