https://www.faz.net/-gr0-7yxtt

Frankfurter Anthologie : Charles Simic: „Romantisches Sonett“

  • -Aktualisiert am

Märchenhaft, tragikomisch und voller geradezu unheimlicher Spannung. Wenige Verse dieses „Romantischen Sonetts“ genügten – und unsere Interpretin war Charles Simic verfallen.

          2 Min.

          Vor vielen Jahren bin ich Charles Simic zwischen den Seiten des „New Yorkers“ begegnet, dort las ich sein „Romantisches Sonett“ (Gedichttext im Kasten unten) und es passierte, was passiert, wenn man sich verliebt: Eine vertraute Stimme spricht zu einem, und man fühlt sich erkannt, entdeckt, getroffen. Ja, ich verliebte mich in diese Sprache, die lakonisch ist, märchenhaft, tragikomisch und voller geradezu unheimlicher Spannung. Sofort wollte ich mehr wissen über den Autor, ihm bereitwillig in seine Welt folgen.

          „Romantisches Sonett.“ Es fängt so magisch an, fast idyllisch, ein häuslicher Abend, alltäglich, um dann umzukippen in Schrecken und Grauen und zu enden in der abgründigen Welt eines Hieronymus Bosch.

          In uns lauert immer die Kindheit

          „In einem guten Gedicht verschwindet der Dichter, der, der es geschrieben hat, so dass der Leser-Dichter ins Leben tritt. Das ,Ich‘ eines vollkommen Fremden spricht aus den geheimsten Winkeln in uns selbst und wir freuen uns daran“, schreibt Simic. Wie immer ist er allzu bescheiden. Das Wort Freude ist so harmlos, wenn ich bedenke, was er mir als Leser alles antut und zumutet. Er lässt mich durch alle möglichen seelischen Zustände taumeln, lockt mich auf scheinbar spiegelglatte Oberflächen und lässt mich dort einbrechen, wie durch dünnes Eis. So macht er das immer. Ich breche ein und werde gemartert von lang vergessenen Gefühlen, die mir höllisch Angst machen und zugegebenermaßen auch höllisches Vergnügen. Denn es sind meine Eltern in diesem abendlichen Haus und ich bin es, die in diesem Feld mit herausgeschnittenem Herzen liegt. Das Gedicht rollt vor meine Füße wie ein verführerisch glänzendes metallisches Ei, ein zauberisches Objekt. Doch während ich es neugierig betrachte, explodiert es.

          Simic ist ein Entkommener. Wie bei Hieronymus Bosch brennen ferne Feuer in seinen Landschaften unter blutroten Himmeln. Man wird mitgenommen in diesen seinen Kosmos, und folgt ihm in diese irritierenden Bildwelten, in denen seine Geschöpfe ums Überleben kämpfen, gefangen im Drama des täglichen Daseins. Keiner wird ungeschoren davonkommen.

          In uns lauert ja immer die Kindheit, in der so viel Unglück verwurzelt ist, und Simics Kindheit hat nie aufgehört. Sie tritt in all seinen Gedichten auf, unvermutet, aber unheimlich präsent. Simics Kindheit auf dem Balkan war arm und überschattet vom Zweiten Weltkrieg, war geprägt von der Flucht nach Belgrad, nach Italien, nach Paris, später dann nach New York.

          Wer hätte das Glück je so definiert?

          „Deutsche und Alliierte wechselten sich dabei ab, Bomben auf meinen Kopf fallen zu lassen, während ich auf dem Boden lag und mit meinen Zinnsoldaten spielte“, schreibt Simic. „Und meine Reiseleiter waren Hitler und Stalin. Einer von Millionen Displaced Persons zu sein hat tiefen Eindruck in mir hinterlassen, zusammen mit meiner eigenen kleinen Geschichte und meiner eigenen Glücklosigkeit.“

          Simic jammert nie, leidet nicht öffentlich unter seiner schweren Kindheit. Er bezeichnet sich selbst als Optimisten. Seine Kindheit ist die Vorratskammer für eindringliche Bilder, die er vor uns ausbreitet, gleichermaßen mit Leichtigkeit und Humor wie mit Brutalität. Der Zusammenhang zwischen den großen Dramen und dem kleinen Alltagskrempel verdichtet er zu poetischen Schnappschüssen und macht aus ihnen Bilder, die man nicht so schnell vergisst. Es sind klare Bilder, heutig wie Fotos, unverwechselbar und genau, nichts wird verrätselt. Und doch haben sie ein Geheimnis, das sie sich nie ganz entreißen lassen. Simic sagt: „In der Kunst geht es eigentlich nur um die Alchemie, die nötig ist, um das, was ich sehe, in das zu verwandeln, was der andere sehen kann.“

          „Glück, ein hellrotes Futter des dunklen Wintermantels, den der Kummer verkehrt herum trägt.“ Wer hätte das Glück je so definiert? Strahlen nicht so die Abgründe bei Hieronymus Bosch? Kann es schlimmer werden? Es kann.

          Der Abend, der geradezu biblisch mit einer betenden Mutter beginnt, endet in einer albtraumhaften Situation, einer schlaflosen Nacht des Erinnerns - und dem unendlich langen Nachhall des explosiven Schweigens.

          Charles Simic: „Romantisches Sonett“

          Abende von vollkommener Klarheit -

          Wein und Brot auf dem Tisch,

          Mutter betend, Vater nackt im Bett.

          Und ich, war ich dieser magere Junge,

           

          der hinter dem Haus im Feld lag,

          das Herz aus dem Leib geschnitten

          mit einem Spielzeugmesser?

          War ich die Krähe, die über ihm schwebte?

           

          Glück, hellrotes Futter

          des dunklen Wintermantels,

          den der Kummer verkehrt herum trägt.

           

          Soviel zu mir, wenn ich mich erinnre,

          wenn ich, o Zeit, kaue und kaue

          an deinen langen schlaflosen Nägeln.

           

          Aus dem Englischen von Hans Magnus Enzensberger.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Abteilungsleiter für Wirtschaftsfragen im amerikanischen Außenministerium, Keith Krach, traf am 18. September in Taiwan mit Ministerpräsident Su Tseng-chang zusammen.

          Militärmanöver : Plant China einen Angriff auf Taiwan?

          Amerikas Beziehungen mit Taiwan werden immer enger. Nun plant Washington neue Waffenverkäufe an Taipeh – und verärgert damit China. Peking verschärft seine Drohgebärden in Richtung der Insel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.