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Frankfurter Anthologie : Mirko Bonné: „Changning“

  • -Aktualisiert am

Bild: Frank Röth

Mirko Bonné nähert die Form seines Gedichts konsequent seinem Inhalt an. Namen, Versgruppen und Leerzeilen richten sich nach dem Aufbau eines Parks in Shanghai.

          2 Min.

          Bereits vor dem eigentlichen Lesen des Gedichts fällt seine grafische Gestaltung ins Auge. Der Text ist in drei numerierte, fast gleich große Teile gegliedert, die jeweils aus fünf oder sechs Versen bestehen. Man könnte auch der Meinung sein, es handele sich um drei Gedichte eines Zyklus, aber die Anordnung auf einer Seite und das Inhaltsverzeichnis, das jene nicht gesondert ausweist, sprechen dagegen. Auffällig ist weiterhin, dass alle Verse die gleiche Länge aufweisen. Die drei Versgruppen sind wiederum in drei Versgruppen untergliedert, jedoch in unterschiedlicher Anordnung. Diese Ähnlichkeit der Versgruppen und die Symmetrie des mittleren Teils zeigen, dass dieses Gedicht von Mirko Bonné eine dezidiert gestaltete Architektur aufweist.

          Die geometrische Form des Gedichts bildet seinen Inhalt ab. Seine rechteckige Form korrespondiert mit der rechteckigen Form des Zhongshan Parks, dessen Namensangabe exakt in der Mitte des Textes plaziert ist. Diese Parkanlage liegt im Stadtbezirk Changning von Shanghai, der im Titel des Gedichts genannt wird. Die Leerzeilen, die den Text auflockern, entsprechen den Wegen in diesem Park. Selbst die Freiräume zwischen den Versgruppen nebst ihrer Einteilung lassen sich mit freien Flächen und verschiedenen Abschnitten des Parks gleichsetzen.

          Wie schwarze Falter taumeln wird

          Worum geht es in diesem Gedicht? Bereits der erste Satz führt ins Zentrum: „Wenn die Vögel zu reden beginnen, sprechen sie Mandarin.“ Eine Ansage ohne Konjunktiv, die sogleich weiter ausgeführt wird. Die Vögel „werden sich beklagen, dass sie uns gleichgültig sind, wir ihre Küken in Karamell tauchen und essen am Stiel“. Dieses bestialische Vorgehen wird Folgen haben, prophezeit der Text. Bei der Bestie handelt es sich um den Menschen, dessen rücksichtsloser und gedankenloser Umgang mit der Natur angeprangert wird: „in Gesichtern der für alle Besinnung Verlorengegangenen.“

          Diese Entfremdung von der Natur stellt Bonné mit einer spürbaren Melancholie dar. Sein Hinweis, dass das Sperlingsgedächtnis „zehntausend Dynastien alt“ sei, spielt auf den despektierlichen Begriff „Spatzenhirn“ an und provoziert damit indirekt die Frage, wer hier eigentlich über ein beschränktes Bewusstsein verfügt. Während die Sperlinge in dieser vom Menschen geschaffenen Naturenklave schweigen, lärmen die Zikaden in den Platanen. Ihr „Knarren“ lässt die Stille im Park „als künstliche Nacht“ hervortreten. Wir, die Menschen, erscheinen sprachlos: „stumme, hektische Falter“. Der Mensch ist zum Tier geworden. Die unruhigen Städter, die im Park Ruhe suchen, die erwarten, dass die Natur ihnen Entspannung und Erholung spendet, werden auf sich selbst zurückgeworfen.

          Mirko Bonné, der 1965 in Tegernsee geboren wurde und in Hamburg lebt, verfügt über eine Dreifachbegabung als Lyriker, Übersetzer und Romancier. Seine Gedichte verfasst er zwar fast immer in syntaktisch aufgebauten Sätzen, diese wirken jedoch keineswegs prosaisch, sondern aufgrund ihrer Rhythmik und der Anwendung verschiedener lyrischer Stilmittel eindringlich poetisch.

          An der zweiten Versgruppe lässt sich die Kunstfertigkeit, mit der Mirko Bonné das vorliegende Gedicht gestaltet hat, besonders gut verdeutlichen. Sein wichtigstes Stilmittel ist die Lautmalerei. Die durchgängige Verwendung der dunklen Vokale a und o intensiviert die geschilderte Abendstimmung. Die langen Vokale in den Wörtern „Platanen“, „Aufgaben“, „haben“ und „Zikaden“ erzeugen als Assonanzen zudem eine kohärente, ruhige Atmosphäre, die der Situation im Park entspricht.

          Erst in der letzten Versgruppe kommt Bewegung auf: „Tanzen wir!“ Es ist ein düsterer Reigen der „schwarze(n) Falter“, der mit aneinander gereihten Alliterationen verdeutlicht wird: über Musik und Masken, Pflaster und Pavillons, Kiesel und Kinder, fallen und fangen, bis zu Sockel und Stiel. Übermütig werden „unsere Kinder“ in die Luft geworfen, „doch wir fangen nur den Sockel, den schwarzen Stiel“. Der Schluss des Gedichts greift ein Bild aus der ersten Versgruppe wieder auf. Wie ist er zu deuten? Dass wir unsere Zukunft leichtfertig verspielen, ist eine mögliche Lesart. Aber das Gedicht von Mirko Bonné lässt sich nicht auf eine einfache Botschaft reduzieren. Es führt uns vielmehr ein komplexes Triptychon vor Augen, das vielfältige Anknüpfungspunkte bietet.

          Mirko Bonné: „Changning“

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          Wenn die Vögel zu reden beginnen, sprechen sie Mandarin.

          Sie werden sich beklagen, dass sie uns gleichgültig sind,
          wir ihre Küken in Karamell tauchen und essen am Stiel.
           

          Achtet auf ihr Schweigen! Klingt es nicht vorwurfsvoll?
          Zehntausend Dynastien alt, das Sperlingsgedächtnis.

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          Der Lärm in den Platanen scheint eine Aufgabe zu haben.

          Durch das Knarren der Zikaden fällt als künstliche Nacht
          die Stille auf den Zhongshan Park und wir unter Bäumen,
          stumme, hektische Falter, müssen lesen im Schattenbuch,

          in Gesichtern der für alle Besinnung Verlorengegangenen.

          3
          Tanzen wir! Wie schwarze Falter, für die Zeit Musik ist,
          taumeln wir übers Pflaster, brechen durch die Masken,
          fliegen als schlafende Kiesel durch verlassene Pavillons.

          Wir werfen unsere Kinder, werfen sie hoch in die Luft!
          Türme aus Erinnerungen bauen sie, wenn sie fallen,

          doch wir fangen nur den Sockel, den schwarzen Stiel.

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