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Frankfurter Anthologie : Dagmara Kraus: „çatodas“

  • -Aktualisiert am

Bild: Dr. Dirk Skiba

Dagmara Kraus lernte Deutsch, als sie mit sieben Jahren aus Polen kam. Ihr Mann brachte das Französische mit in die Familie. Ihre Verse handeln von der Dreisprachigkeit, mit der ihre Kinder leben.

          Was einzigartig ist, gibt es nicht im Plural. Eine Mutter hat das Kind und damit eine Muttersprache, deren Tonlagen und Rhythmen es schon im Mutterleib begleiten, um lebenslang den Wurzelgrund des eigenen Sprechens zu bilden.

          Aber was genau lernt das Kind, wenn es auf der Welt ist? Den Dialekt oder die Hochsprache oder beide? Die Sprache der Mutter oder die des Landes, in das die Mutter eingewandert ist, oder beide? Und was, wenn der Vater aus einem dritten Land kommt? Kann das Kind dreisprachig aufwachsen? Wäre es von Vorteil? Oder geht etwas verloren?

          Dagmara Kraus kam aus Polen nach Deutschland, als sie sieben Jahre alt war. Ein zweites Mal und auf sehr andere Weise durchlief sie den „Spracherwerb“ genannten Prozess. Später begann sie, Gedichte in der Zweitsprache zu schreiben, und übersetzte polnische, englische und französische Lyrik ins Deutsche. Was ihr die polnische Muttersprache bedeutet, zeigt der Entschluss, sie auch für die eigenen Kinder zur ersten, zarten und zärtlichsten Sprache zu machen. Gleichzeitig lehrte das Leben in Berlin die Kinder Deutsch, während der französische Vater in seiner eigenen Sprache mit ihnen sprach und spricht.

          Tanz auf einem dreifach gewundenen Seil

          Keine einfache Situation, und entsprechend komplex ist das Gedicht. Der Titel ist ein Kunstwort, das auf Französisch, Polnisch und Deutsch „das“ sagt (ça, to, das), und zwar als hinweisendes Pronomen, als knappe und allgemeine Bezeichnung für den Gegenstand der Rede. Ein Zeigefinger, der auf die Welt zeigt und auf sich selbst, da der Text in drei Sprachen vorführt, wovon er handelt.

          Wer hier spricht, bleibt unbestimmt. Die Anrede „mein Kind“ scheint auf die Mutter zu deuten, die Mitteilung „drei sprachen sind zu groß für deinen mund“ enthielte dann ihr Geständnis, das Kind mit der Dreisprachigkeit überfordert und einen falschen Weg eingeschlagen zu haben. Doch die Entschiedenheit, mit der die zweite und dritte Strophe den ersten Vers wiederholen, lässt eher an eine autoritäre Instanz denken, die als strenge Lehrerin ihre Überzeugung verkündet. Weil das Kind Fehler macht, wird die Mutter beschimpft: sie habe dem Kind die Sicherheit der ersten und einzigen, quasi naturgegebenen Sprache entzogen: „alles dreimal“ bedeute keinen Zugewinn, sondern Verlust.

          So beschränkt, so ruppig. Anders gelesen, klingen die drei Eingangsverse wie ein altmodischer Glaubenssatz, der durch die folgenden Beispiele spöttisch unterlaufen wird. Viel Babel und Bewegung, viel Zickzack und Hin und Her! Munter überträgt das Kind die grammatischen Verfahren der einen Sprache in die zweite und dritte und formt Wörter und Syntagmen, die „falsch“ sein mögen, als „wechselbälger“ aber einen überraschenden Charme entfalten. Und wie verführerisch, wie einleuchtend, dabei nicht dem Sinn, sondern dem Klang zu folgen! Reime und Halbreime stützen den Text mit starken Strukturen, während die Bedeutungen wechseln: „kruste“, „tuste“, „tłusteste“ – das polnische „tłuszcz“ (Fett) wird zu einem erfundenen, deutsch konstruierten Superlativ gesteigert und hüpft am höchsten.

          Ebenso wandern die Metaphern der einen Sprache in die andere, was sie erfrischt. Der deutsche Leser lächelt über „angenähte tanten“, die im Polnischen einfach die Freundinnen bezeichnen, die nicht nur die Mutter, sondern auch ihre Kinder ins Herz geschlossen haben, als wären sie Nichten oder Neffen. „liza stara“ kann „alte Lisa“ meinen, aber auch „altes Dörfchen“, wo gefeiert und eine traditionsreiche Parade abgehalten wird. Wirkungsvoll paradiert hier vor allem das „a“ – sechzehn Mal in drei Versen!

          In der nächsten Strophe tritt der Widder („bélier“) auf mit seinem gelockten Fell, „wichura“ ist das polnische Wort für „Sturm“, das durch die Endung -ę dem Deutschen sozusagen anflektiert wird. Das Kind wirbelt ja nicht nur drei Sprachen ineinander, sondern drei Sprachfamilien (slawisch, germanisch, romanisch), es tanzt auf einem dreifach gewundenen Seil vor den staunenden Augen der Kameraden, die ihm nicht immer folgen können.

          Die daraus erwachsenden Vorwürfe gipfeln im Schmähwort „bülbülschinder“. Bülbül, die persische Nachtigall, Inbegriff des lieblichen Gesangs, von Goethe im „West-Östlichen Diwan“ gepriesen, wird durch den Sprachmix „geschunden“, das heißt: der Haut samt Federkleid beraubt, kurzum: getötet. Statt ein Gefühl für die Feinheiten der einen, einzigen Sprache zu entwickeln, schraubt sich das Kind aus den drei angebotenen ein „urkreol“ zusammen, eine nur ihm verständliche Misch- und Privatsprache, die die Kommunikation mit anderen erschwert, wenn nicht zerstört. Hat sich die Mutter also schuldig gemacht? Und wer greift sie an, mit welchem Recht? Die Muttersprache selbst? Das lange, spitze „i“ („fiese“, „biest“) wirkt wie ein Stilett, das aggressive Vokabular wie heißes Zischen.

          Statt Antworten zu geben oder Rätsel zu lösen, führt das Gedicht ins Offene und zerstreut sich sozusagen selbst, nicht zuletzt durch die fehlenden Satzzeichen am Ende der Verse. Mit dem Schlusswort zieht es gar eine Linie rund um den Globus. Überall bedeutet Migration den Sturz in die Mehrsprachigkeit, sie ist einer der Lebenstexte unseres Jahrhunderts. Auch für die Nachgeborenen wird die Muttersprache der Mutter zum Merkmal einer besonderen Identität. Ratlos und heftig, virtuos und unsentimental wird hier davon gesprochen. Selbst wer die polnischen oder französischen Wörter nicht versteht, spürt den Druck, unter dem „çatodas“ steht, und die Intensität, mit der es seine Zeitzeugenschaft vermittelt.

          Dagmara Kraus: „çatodas“

          drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
          kau dir an der kruste hier muskeln an, nimm
          an floskeln tuste gut daran, te tłusteste zu meiden
          ah, das wusstest du schon, na dann

          drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
          die eine hockt noch schief im rachen, indes die andern
          angenähte tanten machen, wie damals die aus
          liza stara, am saalrand der parade rara

          drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
          sagst du bélier, verbrauchst du zu viel spucke
          meinst du wichurę, zeigst aufs regenzuckeln
          und rührst dir was aus drei familien, führst krudes

          durch die fleur-de-lilien und setzt dort wechselbälger aus
          kuckuckskinder, bülbülschinder, wie du wörtchen
          aus drei sprachen klaubst, wie du urkreol
          verschraubst, was syntaktisch, synku, sich nie binden

          ließe. pfui, du fiese mutter, biest du, arge hast dein kind
          betrogen, um die eine muttersprache; alles dreimal
          3 x strachy, 3 ça-to-das, selbdritt fällst durchs fehlerfach
          deine zunge, kindlein, splisst: co quoi to ist, äquator

          für L., für A.

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