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Frankfurter Anthologie : Marie T. Martin: „Brief im April“

  • -Aktualisiert am

Autorin Marie T. Martin Bild: Ilker Gurer/ Poetenladen

Ist unser Leben nicht mehr als ein „Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels“ ist, wie Vladimir Nabokov schrieb? Ein Gedicht über die Vergänglichkeit - und über all das, was uns mit dem Leben verbindet.

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          „Ich habe Tote, und ich ließ sie hin“, heißt es in Rainer Maria Rilkes „Requiem“ auf die verstorbene Malerin Paula Modersohn-Becker. Doch anders als jene Toten, die „rasch zuhaus im Totsein waren“, kehrt diese Betrauerte wieder, als hätte sie „gerührt zu irgendeinem Ding / ein Heimweh“ – das verwirrt den Freund. Die eine Frage ist es, die uns nie loslässt: Wohin entweicht das Leben? Wo sind all die Menschen, die abends nach Hause kamen wie wir, die sich an Tische setzten und Briefe schrieben? Senden sie noch Zeichen? Wer Adressat und wer Empfänger ist in Marie T. Martins Gedicht „Brief im April“, wer hier noch zu den Lebenden und wer schon zu den Toten gehört, lässt sich ohne Weiteres nicht beantworten. Ebenso wenig wie die Frage, in welcher Zeit wir uns befinden. „Ich schreibe dir ins Jahr nach deinem Tod“. Werden diese Zeilen in die Vergangenheit oder in die Zukunft geschickt?

          Ein „Brief im April“ wurde schon einmal aufgegeben, und zwar von der 2009 verstorbenen dänischen Dichterin Inger Christensen. In ihrem gleichnamigen Gedicht führt die Betrachtung eines Granatapfels zu der Frage, „ob er bei sich selbst weiß, / daß er / anders heißt“. Ein Granatapfel war es auch, mit dem Hades, der Gott der Unterwelt in der griechischen Mythologie, seine Gemahlin Persephone durch eine List an sich band. Fortan regierte sie mit ihm gemeinsam das Totenreich. Kehrte sie jedoch in die Welt der Lebenden zurück, zogen mit ihr Frühling und Sommer ein. Liest man daraufhin erneut das Gedicht der 1982 geborenen Marie T. Martin, lassen sich Ich und Du, Gegenwart und Vergangenheit, Leben und Tod wie jeweils zwei Seiten eines großen Ganzen betrachten. Kippfiguren, wohin man schaut. Jeder Mensch trägt bei seiner Geburt den eigenen Tod in sich, und was ihm einst helle Zukunft war, wird bald schon vergangen, im schlimmsten Fall vergessen sein. Das Ich heißt bei sich selbst womöglich anders, und bleibt sich immer doch auch ein Fremder, den man allerdings ansprechen, den man anschreiben kann. Hören wir hier also Persephone, der Wandlerin zwischen den Welten, bei einem Selbstgespräch zu? „Es gibt ja nur den fluß / und seine zwei großen ufer,“ schreibt Christensen. Wäre es demnach nicht vorstellbar, dass diese Briefe von Ufer zu Ufer, von Leben zu Tod, fliegen, aufgegeben an das eigene Ich, das Adressatin und Empfängerin zugleich ist?

          Der Ahorn hält dich dazwischen

          „Hier wachsen Blauschote und Glimmerkraut“. Die Blauschote ist eine Pflanze, die unter anderem im westchinesischen Raum beheimatet ist. Dazu passt das „Rollbild“, bekannt aus der chinesischen Landschaftsmalerei. Bei Marie T. Martin verwandelt sich das Bild in einen Brief, ausgerollt auf einem Parkplatz, einen Brief, den das Ich sich selbst ins Jahr der eigenen Geburt schreibt. Sind die Spuren, die man einmal hinterlassen haben wird, die „Kalligrafie von Reifen“, von Anfang an eingegraben in das, was sich zu Beginn unseres Lebens wie eine unberührte Fläche vor uns ausbreitet? Hat der Mensch ein Schicksal? Und lohnt es sich überhaupt, sich auf den Weg zu machen, wenn doch alles schon entschieden sein sollte? Aber ja!

          Der Gedanke, dass nicht nur wir es sind, die die Dinge sehen, sondern dass auch die Dinge uns erkennen, ist nicht neu, aber deshalb nicht weniger tröstlich. W.G. Sebald schrieb in seinem Roman „Austerlitz“ von einer „gußeisernen Säule“, die „sich erinnerte an mich“, und, wie es weiter heißt, „Zeugnis ablegte von dem, was ich selbst nicht mehr wusste“. Hier nun ist es eine U-Bahn, auch sie Mittlerin zwischen den Welten, die heranrast und die Wartende auf dem Bahnsteig erkennt, um sie von einer Uferstation zur anderen zu bringen. Das entscheidende, über sich selbst hinausweisende Wort in diesem rätselhaft klaren und ergreifenden Gedicht von Marie T. Martin aber könnte man fast übersehen: „dazwischen“. Vladimir Nabokov sprach von unserem Leben als jenem „Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels“. Hält dich der Ahorn dazwischen? Als Frage wird hier formuliert, was doch wie eine Antwort klingt. Der Ahorn hält dich dazwischen, er hält dich, denn er ist das Leben. Und eine Aufforderung: Bleib im Gespräch mit der Seele, zwischen Ufer und Ufer, zwischen „Weißdorn und Wacholder“, bleib wach!

          Marie T. Martin: „Brief im April“

          Bekommst du noch Briefe von Toten? Ich schreibe dir
          ins Jahr nach deinem Tod, was siehst du ohne Augen?
          Hier wachsen Blauschote und Glimmerkraut, später
          wird sich enthüllen, welche Sätze wichtig gewesen
          wären. Schreibst du noch Briefe, ich schreibe mir
          selbst ins Jahr meiner Geburt, ein Rollbild auf
          einem Parkplatz die Kalligrafie von Reifen. Wurdest du
          älter, sieht dich die fahrende U-Bahn, hält dich der Ahorn
          dazwischen? Versprich mir wach zu bleiben, versprich
          mir eine Rede an die Seele, in einem Gebinde aus
          Weißdorn und Wacholder. Versprich mir aufzuwachen,
          versprich mir, dich nie zu verlassen.

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