https://www.faz.net/-gr0-9tdut

Frankfurter Anthologie : Samuel Beckett: „bis zum Äußersten“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Samuel Beckett wird von vielen als einer der dunkelsten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen. Diese minimalistischen Verse aber zeigen seinen unerschöpflichen Humor.

          2 Min.

          Geboren wurde er an einem Freitag, dem 13. April, der auch noch der Karfreitag war. Man hat Samuel Beckett immer wieder als einen der dunkelsten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen. Erst mit vierzig Jahren, nachdem er sich schon lange von der irischen Herkunft entfernt hatte, erschrieb er sich – auf Französisch – mit seinen Theaterstücken und Romanen Weltruhm. Im Umkreis des Existentialismus und des Absurden bewegten sich seine Texte – einer ihrer Titel lautet „Texte um Nichts“ – und im Schatten eines Wortes von Demokrit, wonach nichts realer sei als das Nichts.

          Beckett war als versierter Romanist nicht nur ein ausgezeichneter Kenner der Lyrik, seine erste Publikation war 1930 ein Gedicht in englischer Sprache. Schon Jahre bevor er sich entschied, seine Prosa und Theaterstücke auf Französisch zu schreiben, hatte er bereits mit Gedichten in der Fremdsprache experimentiert. Im hohen Alter knüpfte er daran an und hat 1978 eine Sammlung von Kurzgedichten veröffentlicht – „Mirlitonnades“, deren erstes, wie sein Übersetzer Elmar Tophoven beobachtet hat, mit neun Silben kaum länger ist als die Hälfte eines Haiku: „en face / le pire / jusqu’à ce / qu’il fasse rire“.

          Nichts ist realer als das Nichts

          So konsequent sich gerade dieses Gedicht in den beispiellosen Minimalismus dieses Autors einfügt, es konfrontiert den Leser zugleich mit der Erwartung des Schlimmsten – „Worstward Ho!“ lautet einer der letzten Beckett-Titel –, die sich mit so vielen seiner Werke verbindet. Aber es ist Beckett gelungen, diesem Szenarium von Nano-Größe ein musikalisches Muster einzuschreiben, wenn sich die vier Verse im Original als Kreuzreime lesen. Wäre es wohl weit hergeholt, darin eine autobiographische Reminiszenz der Karfreitagsgeburt zu sehen, so kann man dem Text jedenfalls ein extremes Maß an Musikalität zusprechen. Wie der Biograph James Knowlson eindrücklich zu berichten weiß, hat Beckett ein Leben Klavier gespielt und von Mozart über Schubert bis zu Debussy und Satie ein großes Programm gepflegt.

          Während in der Übersetzung von Karl Krolow ein Rest des Endreims erkennbar bleibt, bietet die eher aphoristisch zugespitzte Version von Elmar Tophoven eine Art philosophisch-humoristische Paradoxie: „Man hat so lange das Schlimmste vor sich, / bis es einen zum Lachen bringt.“ Dabei steht ein frühes Stadium des Absurden im Hintergrund, mit dem sich gerade der späte Beckett intensiv befasst hat: Shakespeares „King Lear“, in dem der sich nur wahnsinnig stellende Edgar im vierten Akt sagt: „das Schlimmste kehrt zurück zum Lachen“, „the worst returns to laughter“. Vom unerschöpflichen irischen Humor und seiner ungebrochenen Fähigkeit zu lachen berichten viele der zahlreichen Freunde Becketts. Er hatte nicht nur Freude am Slapstick-Humor eines Buster Keaton, mit dem er später zusammenarbeitete, er hat während seines langen Deutschlandaufenthaltes 1936/37 in München Karl Valentin als „trottligen Elektriker mit Liesl Karlstadt“ gesehen, „wirklich ein Klasse-Komiker, Depression ausschwitzend, vielleicht schon im Abstieg“, wenngleich Beckett „kaum halb seinen Dialekt“ verstand. Aber Humor wirkt gerade jenseits der Sprache, und er zieht Spuren bis in das schneidend Ernsthafte von „Warten auf Godot“, mit den Clownereien der Landstreicher.

          Das Schlimmste zu verhindern war nicht nur eine Lebensmaxime des Autors, der bis zur Selbstlosigkeit seine Freunde unterstützt hat – es war auch Teil seiner intellektuellen Lebenshaltung. Wie Schopenhauer, den er intensiv gelesen hat, ist für Beckett und seine Figuren eine selbstbestimmte Beendigung des Lebenselendes (in aller Schonungslosigkeit: „Man kommt, man schreit, / und das ist das Leben. / Man schreit, man geht, / und das ist der Tod“) ausgeschlossen. Das Nichtaufgeben, das Aushalten, gehört zu seiner Ethik des Absurden. Und sie verbindet sich hier mit einer beeindruckenden Ästhetik der Bescheidenheit, der Reduktion, fast des Verschwindens. Das französische „mirliton“ bezeichnet ein einfaches Musikinstrument, eine Membran, die das gesprochene Wort „mitschwingend umfärbt“. Beckett hat seine Verse als schlichte Reimereien bezeichnet, als unscheinbare Texte um Nichts, die, gerade deshalb, in vielerlei Hinsicht zu den „realsten“ gehören, die uns aus dieser Zeit bleiben werden.

          Samuel Beckett

          bis zum Äußersten
          gehn
          dann wird Lachen entstehn

          Aus dem Französischen von Karl Krolow

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.