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Frankfurter Anthologie : Günter Herburger: „Belle de Jour“

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Bild: dpa

Trotz seines Berserkertums landete dieser Dichter immer wieder auf seinen Füßen. In diesen Versen geht die bürgerliche Gesellschaft unter und gibt den Blick frei auf das, was bleibt.

          Günter Herburger war ein Berserker. Ein maßloser Asket. Er lief Marathon bis ins hohe Alter. Erklomm Gipfel in Schnee und Eis und sah in späten Jahren wie ein von Permafrost umschlossener Anden-Prinz aus. Schrieb nicht enden wollende Roman-Trilogien. Bombardierte Freunde und Nichtfreunde mit skurrilen Postkarten. Charmierte und enervierte seine Verleger. Von diesem Berserkertum steckt auch etwas in dem Gedicht „Belle de Jour“ aus dem Band „Ziele“, der 1977 von Rowohlt verlegt wurde.

          „Wenn ich klein wurde“, schrieb Günter Herburger in einem Geleitwort zu diesem Lyrikband, „hing ich mich an die kopfwilde Anarchie. Sobald ich mich erhaben einschätzte, bedrohten mich Widersprüche und Verzagtheit. Insofern landete ich immer wieder auf den Füßen. Die Traurigkeit, in die ich mich dann mitunter stürzte, war notwendig wie ein erholsames, tiefes Bad.“ In diesem Gedicht scheinen sich Traurigkeit und Übermut die Waage zu halten. In der ersten Strophe glimmt ein Rest von 1968, ein antibürgerlicher Affekt. Mit großem Genuss malt sich der Dichter den Untergang dieser bürgerlichen Welt aus. Einer goldenen Kutsche gleich versinkt sie „in einem Fluss/voll grasgrünem Aas“. Was für ein prachtvolles Vergehen! Und was für eine Freude muss es für Herburger gewesen sein, diesen Untergang mit Alliterationen zu feiern, mit dem zweimaligem as/aas, mit doppeltem gr und mit dreifachem Endlaut – cht, einem Geräusch, das ein mottendes Feuer von sich gibt.

          Diesem Untergang folgen „klare Verhältnisse“. Die Äcker sind abgeerntet, der Blick ist frei, am Horizont beginnt in den Städten das Frühjahr. Unvermittelt setzt die zweite Strophe mit einer erotischen Szene ein, die in ihrer Direktheit und in ihren biologischen Details an japanische Shunga-Holzschnitte denken lässt. Gibt es einen roten Faden zwischen erster und zweiter Strophe, oder herrscht – wie oft bei Herburger – ein Durcheinander der Phantasie, etwas anziehend Abstruses und nicht mehr ganz Auslotbares? Der Dichter kommt im Verlauf der zweiten Strophe auf die Jahreszeiten zurück, auf die Abläufe innerhalb eines Jahres, eines Lebens. Frühjahr, das ist Anrufung von Sinnlichkeit, von Befruchtung, von Paarung. Er schildert den Beginn eines Koitus, geht über zur „Fruchtblase/mit ihrer köstlichen Fracht“ und deutet einen nie endenden Kreislauf an.

          Was bleibt, ist der Wille der Körper zum Glück

          „All das wird weiterleben“ lesen wir, und diese Zeile ist das Echo auf die Zeile „All das wird untergehen“ in der ersten Strophe. Die zweite Strophe spricht vom Sieg des Verlangens, der körperlichen Anziehung über „bürgerliche Macht“ und „bürgerliche Zucht“, von einem einzigartigen Vorgang, der keine Unterschiede kennt. Der Dichter wünscht sich Bedenkenlosigkeit und plädiert für Lust, für den Reichtum der Abwechslung in der Folge der Jahreszeiten. Für ihn sind das Politische, die Ausübung der Macht, die gesellschaftlichen Umstürze transitorische Dinge. Was bleibt, ist sexuelle Anziehung, körperliche Nähe, der Wille der Körper zum Glück.

          Rätselhaft erscheint der Titel des Gedichts „Belle de Jour“. Denn keine Schöne des Tages taucht in ihm auf. Vieles spricht dafür, dass Günter Herburger sich auf Luis Bunuels Film „Belle de Jour“ bezieht, der 1967, also zehn Jahre vor Erscheinen dieses Gedichts, in die Kinos kam und großes Aufsehen erregte. Die von Catherine Deneuve gespielte, verheiratete Heldin führt ein Doppelleben und setzt ihre erotischen Tagträume in einem Freudenhaus um. Sie wird gezüchtigt. In einer Szene wird sie in einen Sarg gelegt. „Die Peitschen“ in der Anfangszeile, die schwarzen „Messen“ in der dritten Zeile verweisen auf Szenen in diesem Film. Bunuels pathologische Befunde von bürgerlicher Gesellschaft, Liebe und Ehe müssen Herburger angezogen haben. Auch der Anfang seines Gedichts geht in mokanten, wenn auch groben Strichen auf die bürgerliche Gesellschaft ein und entbietet dem großen spanischen Regisseur einen bewundernden Gruß.

          Günter Herburger: „Belle de Jour“

          Die Peitschen der bürgerlichen Zucht,
          die Leistungen der bürgerlichen Macht,
          die Messen der bürgerlichen Sehnsucht,
          also der Wille dieser Gewalt,
          all das wird untergehen
          wie eine furchtsam schwere
          Kutsche ganz aus Gold in einem Fluss
          voll grasgrünem Aas.
          Dann ist der Herbst vorbei
          und klare Verhältnisse geben wieder
          den Blick frei über Äcker
          auf die Städte am Horizont,
          wo das Frühjahr beginnt.

          Aber das Einführen des Gliedes
          in seiner hässlichsten Gestalt,
          und das Spreizen und Zerren
          an der Scham samt deren Knötchen
          auf unförmige Weise wie gewohnt,
          und immer wieder die Aus-
          dehnung der Fruchtblase
          mit ihrer köstlichen Fracht,
          all das wird weiterbestehen
          einzigartig unterschiedslos
          von Tür zu Tür ohne Hast,
          denn die Leiber wollen glücklich sein
          und abwechslungsreich wie Jahreszeiten,
          sonst käme die Bedenkenlosigkeit,
          der wir vertrauen müssen,
          schon wieder zu kurz.

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