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Frankfurter Anthologie : Erika Burkart: „Vita“

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Bild: Picture-Alliance/KEYSTONE

Nein, Hähne krähen keine mehr: ein lyrisches Exerzitium auf den Spuren Eduard Mörikes, nüchtern, zärtlich und dem Leben verbunden.

          3 Min.

          Erika Burkarts „Vita“, das zuerst in dem Gedichtband „Das späte Erkennen der Zeichen“ erschien, tritt in einen Dialog mit Eduard Mörikes „Das verlassene Mägdlein“ aus dem Jahr 1829. Mörikes Gedicht über eine enttäuschte Liebe beschreibt eine morgendliche Szene. Eine Magd entzündet, „früh, wann die Hähne krähn“, das Feuer im Herd und erinnert sich beim Anblick der sprühenden Funken an den nächtlichen Traum von einem „treulosen Knaben“, der sie verlassen hat, worüber sie bitterlich weint: „Träne auf Träne dann / Stürzet hernieder; / So kommt der Tag heran – / O ging er wieder!“.

          Auch in „Vita“ beginnt mit dem „Frühmorgenzwielicht“ ein neuer Tag. Doch das Affix „zwie“, welches das Licht exakt auf dem Scheitel zwischen Nacht und Tag beschreibt, ruft eine Ambivalenz hervor, die von den ersten Versen vorbereitet worden ist: Das sprechende Ich nimmt seinen Körper als fremd wahr. Die Inversion: „Fremdkörper geworden mir selbst, / erinnere ich“ bildet dies syntaktisch nach, wie auch die Wortstellung der Verse: „da war ich doch einmal / eins mit meinem Sehen und Hören, Sprechen und Gehen“ einen vergangenen, kontrastiven Zustand der Übereinstimmung zwischen Körper und Geist syntaktisch harmonisch realisiert.

          Die Verbindung des „Frühmorgenzwielichts“ mit der Selbstbeschreibung „Gemüt und Haare verstaubt“, mit den verglühenden Funken, der Asche, die „durch den Rost gerüttelt und ausgescharrt“ ist, spiegelt das innere Empfinden des Sprecher-Ichs im Außen. Die nur noch in der Erinnerung vorhandene Robinie im Fenster, „Fürst bis ins Alter, verknöchert und kahl, Hochsitz der Krähen“, legt nahe, dass die Stimme, die hier spricht, zu einer wesentlich älteren Frau gehört als die von Mörikes Mägdlein. Es ist die Stimme einer Frau, deren Leben sich dem Ende zuneigt, ein Eindruck, der durch Bilder von Asche, vom Landen der Krähen auf „Winterwiesen“ und „nebeldampfenden Schollen“ verstärkt wird.

          Bis dem Liebespfeil der Todespfeil folgt

          Man könnte sich die hier Sprechende entsprechend bildlicher Darstellungen des dritten Lebensalters einer Frau vorstellen, wie sie einem etwa in Hans Baldung Grien um 1509/10 entstandenem „Die drei Lebensalter und der Tod“ oder Gustav Klimts „Die drei Lebensalter einer Frau“ von 1905 begegnet: als eine Frau, verknöchert und kahl, die der gefällten Robinie im Gedicht ähnelt, doch als „Heimstatt der Krähen“ noch immer Hort des Lebendigen.

          Der erste Vers der letzten Strophe „Hähne, Mörike! krähn keine mehr“ bezieht sich schließlich explizit auf „Das verlassene Mägdlein“ als Prätext von „Vita“. Mit diesem Bezug wird die Differenz zwischen der jungen Liebenden und der hier sprechenden Gealterten noch drängender. Doch trotz der gegenwärtigen Fremdheit des gealterten Ichs und obwohl das Gedicht leise ironisch mit der umgangssprachlichen Wendung „kein Hahn kräht mehr nach ihr“ spielt, spürt die Sprechende ihre Vitalität als eine, die das eigene Wollen übersteigt. Mag „die gelbe, die weiße Asche“ an unwiederbringlich Vergangenes, an die liturgische Begräbnisformel „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“ erinnern, gilt der Sprecherin doch – oder umso mehr – das Gebot, „das Feuer zu zünden“, Licht und Wärme zu erhalten, bis dem Liebespfeil der Todespfeil des „Oberförsters“ folgt, das Leben endet.

          „Vita“ ist ein Memento mori, geprägt von nicht mehr romantischer, sondern nüchterner Zärtlichkeit in Ton und Blick und stiller Zähigkeit im Festhalten am alltäglichen Tun. Burkarts lyrisches Exerzitium wählt das Leben im Sinne von Lebenslauf, auch dem Lauf eines heiligen Lebens, als Überschrift. Es wird zum Bekenntnis der gealterten Dichterin zum schreibenden Dasein im Dialog mit der Natur und literarischen Vorläufern.

          Das Gedicht begehrt so sachte wie einsichtig auf gegen die Sterblichkeit, die der Autorin schon in jungen Jahren deutlich ins Bewusstsein getreten war: Nachdem Burkart 1953 einen Herzinfarkt erlitten hatte, der sie zwang, ihren Brotberuf als Lehrerin aufzugeben, lebte sie fortan in dem frei in der Aargauer Landschaft stehenden Haus Kapf, das ihr Vater in den Zwanzigerjahren nach einer unsteten Zeit als Großwildjäger in Lateinamerika erworben hatte. Erika Burkart starb am 14. April 2010, nach Jahrzehnten immenser literarischer Produktivität. Ihr Ehemann Ernst Halter kümmert sich seither um den Nachlass. Der 2022 erschienene Band „Spiegelschrift“ versammelt eine Auswahl aus Burkarts lyrischem Werk, in die auch „Vita“ aufgenommen wurde.

          „Vita“ von Erika Burkart

          Fremdkörper geworden mir selbst,
          erinnere ich, da war ich doch einmal
          eins mit meinem Sehen und Hören,
          Sprechen und Gehen.

          Frühmorgenzwielicht. Ich friere, ich heize.
          Die Hände rußig,
          Gemüt und Haare verstaubt.
          Sie stiebt, die gelbe, die weiße Asche,
          wie rasch, durch den Rost gerüttelt
          und ausgescharrt, die Funken verglühn.

          Im Fenster, als gäbe es sie noch,
          die alte Robinie,
          ein Fürst bis ins Alter,
          verknöchert und kahl,
          Hochsitz der Krähen, bevor sie
          stafettenweise in Schwärmen
          Winterwiesen
          und nebeldampfende Schollen beflogen.

          Hähne, Mörike! krähn keine mehr,
          ich aber muss Feuer zünden,
          bis der Oberförster den Jäger schickt,
          mich abzuholen
          ins Größere Heer.

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