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Frankfurter Anthologie : Czesław Miłosz: „Aus dem Fenster“

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Bild: Picture-Alliance

Der aus Litauen stammende Dichter Czesław Miłosz arbeitete im Warschauer Untergrund gegen die deutsche Besatzung. Inmitten der Grauen entwarf er scheinbar naive Verse, die an die eigene Kindheit erinnern.

          3 Min.

          Warschau 1943/1944. Es ist Krieg in Europa. Der junge avantgardistische, aus Litauen stammende Dichter Czesław Miłosz arbeitet im Untergrund gegen die deutsche Besatzung, gibt illegal eine Anthologie der „geheimen Dichtung“ heraus, lernt gegen die Anmutung alles Deutschen Englisch, übersetzt Eliot und Shakespeare, wird Zeuge des Warschauer Aufstands und des Brands des Gettos, dem eines seiner berühmtesten Gedichte gilt: „Campo di Fiori“. Zur selben Zeit, inmitten all dieses Grauens, entwirft er einen Zyklus von zwanzig Gedichten mit dem Titel „Die Welt. Eine naive Dichtung“.

          In schlichten gereimten Versen, mit Titeln, die sie wie Vignetten illustrieren, taucht eine scheinbar heile Welt der Kindheit auf – die eigene Kindheit, diskret von der Dichterstimme bezeugt. Da sind der Weg, das Gartentor, die Veranda, das Haus, das Lesezimmer. Da sind die Schatten der Kindheit: die Angst, doch ebenso die Blumen, die Vögel, der Wald. Sowie die große Trias von Hoffnung, Glaube, Liebe und als Krönung des Zyklus: die Sonne. Und unüberhörbar ist da die Stimme des Vaters, der den Kindern vorliest, erzählt – ein Magier, der ihnen die Welt erklärt. Eine Stimme, deren vertrauensvolle Autorität dem Kind die Dinge, ihre Ordnung, ihr Sosein garantiert. Eine Stimme, die das erwachsene Dichter-Ich im Blick zurück sich anverwandelt hat, weshalb sie zuweilen mit der des Vaters verschmilzt.

          Der Vater sagt, dass dort Europa liegt

          Zwischen zwei weiteren expliziten Vater-Gedichten („Vaters Beschwörung“ und „Vater erzählt“), fast in der Mitte des Zyklus, steht das vorliegende Gedicht, das mit dem Blick aus dem Fenster an entscheidender Stelle sich wiederum auf die väterliche Autorität bezieht: „Der Vater sagt, dass dort Europa liegt“. Das war noch in Litauen, das damals zum Zarenreich gehörte, wo Miłosz 1911 geboren wurde und seine Kindheit verbrachte, der er später mit seinem Buch „Das Tal der Issa“ ein berührendes Denkmal setzte. Mit dem Vater, einem Straßen- und Brückenbauingenieur, zog die aus polnisch-litauischem Landadel stammende und Polnisch sprechende Familie während des Ersten Weltkriegs im Auftrag des Zaren durch Russland, 1918 kehrte sie zurück und ließ sich in Wilna nieder. Die zweite Strophe bezieht sich also auf jene Zeit und die Kriege jener Zeit, die zugleich schon etwas in die Ferne gerückt scheinen wie das nach einem Märchen klingende Europa selbst.

          In dessen östlicher Mitte, dreißig Jahre später, nunmehr real umgeben von rauchenden Trümmern, setzt der Dichter förmlich im Blick aus verdunkeltem Fenster auf Zeit und Raum das Fernglas an, wendet es, so dass in der Erinnerung das Ferne nah ist und das Nahe in die Ferne rückt. In einer für Miłosz’ Werke typischen Geste verschränkt er Zeiten und Geschehnisse, so dass dank solcher Überlagerung auch die tröstende Hoffnung wieder aufscheint, die in der weiteren väterlichen Beschreibung liegt: Europa, ein sagenhaftes Land, zwar „noch“ von Kriegen versehrt, aber doch (wieder) bewohnt und bewohnbar von Mensch und Tier, in Städten „bunt und reich“. Im nächsten Gedicht wird der Vater den kleinen Zuhörern dann die großen Städte wie Warschau, Prag, Paris und Rom vor Augen führen.

          Die scheinbar „naive“ Dichtung, deren wie aus alten Bilderbüchern nachklingenden Ton die Übersetzerin mit feinem Ohr trifft, zeigt sich so mehrfach gebrochen, und der Blick aus dem Fenster wird zur mehrsinnigen poetologischen Metapher. Wie William Blake seinen „Songs of innocence“ noch die „Songs of experience“ folgen lässt – ein Werk, auf das sich Miłosz implizit beruft –, so findet sich in dem Zyklus „Stimmen armer Menschen“, der gleichzeitig mit der „Welt“-Dichtung entsteht, zwar eine Entsprechung zu jener zweiten Song-Folge von Blake. Zugleich aber durchwebt auch die beschworene Welt der Kindheit unüberhörbar ein melancholischer Klang, der erinnernde Aufruf ist gefärbt von den mörderischen Erfahrungen jener Zeit.

          Und dennoch ist sie Zuflucht für den damals 32 Jahre alten Dichter, wird sie ihm zur Glaubensinsel, um mitten im Chaos sich der möglichen, einstmals vom Vater bezeugten Ordnung der Welt zu vergewissern – um inmitten des barbarischen Tötens das Kostbarste zu schützen: das Leben. Es ist das humane Credo, das den späteren Emigranten und Nobelpreisträger, dessen Schicksalslauf quer durch die Katastrophenbezirke seines Jahrhunderts führen sollte, gegen jegliche Ideologie immun machte. Achtung, ja Ehrfurcht vor jeglichem Leben und seinem Geheimnis, das der liberale, mit dem Buddhismus sympathisierende Katholik, der in späten Jahren noch das Buch Hiob übersetzte, nie benannt, nur immer wieder schreibend eingekreist hat. Diesem unerschütterlichen Credo verdankt sich ein Werk, dessen reiches, osteuropäisch gegründetes, von Erfahrung gesättigtes Gedächtnis schon in dieser frühen Dichtung, im poetisch erneuerten Kinderblick, ein Fenster für Europa ist.

          Czesław Miłosz: „Aus dem Fenster“

          Jenseits von Wald und Feld und wieder Feld
          Liegt Wasser wie ein Spiegel da und zeigt,
          Zum Meer sich neigend, eine goldne Welt,
          Wie eine Tulpe sich zur Schale neigt.

          Der Vater sagt, daß dort Europa liegt,
          An hellen Tagen ist’s zum Greifen nah,
          Noch rauchend von so manchem Sturm und Krieg.
          Viel Menschen, Hunde, Pferde wohnen da.

          Dort türmen sich die Städte bunt und reich,
          Die Flüsse sind aus Silberdraht gewirkt,
          Und weiße Berge, Gänsedaunen gleich,
          Sind eine Decke, die die Erde birgt.

          Aus dem Polnischen von Jeannine Luczak-Wild

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