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Frankfurter Anthologie : Christoph Meckel: „Augen“

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Bild: dpa

Welche geheimnisvolle Kraft geht von den Augen aus? Christoph Meckel erkundet mit seinen Versen die vielfältigen Möglichkeiten des Sehens.

          3 Min.

          Die Augen gelten als das wichtigste Sinnesorgan. Sie ermöglichen es, Welt wahrzunehmen und zu erfassen. Doch zugleich scheint von den Augen selbst eine Kraft auszugehen, eine Kraft, die verführen kann oder beschwören, bisweilen kann sie sogar andere Menschen in Trance versetzen. Und etwas Drittes kommt den Augen zu: die Fähigkeit, die Wahrnehmung zu übersteigen, in übersinnliche Welten oder in das eigene Innere einzutauchen. Nicht von ungefähr hat der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf einmal geschrieben: „Gib mir die Augen der Sepien/die sanften nach innen blickenden.“

          Christoph Meckel, der mit seinen wundersam irrlichternden Versen bisweilen an einen fernen Verwandten Ekelöfs erinnert, fächert all diese Vermögen des Auges auf. In einer Art dialektischem Dreischritt, so will es beim ersten Lesen erscheinen, versucht er die Möglichkeiten von Erkenntnis zu erkunden. Den Augen der „Gesunden“ stellt er die Augen der „Kranken“ gegenüber, um die Einseitigkeit beider Perspektiven in einem umfassenden Dritten, den Augen der „Toten“, aufzuheben. Dazu passt die Struktur der ersten sechs Verse, die fast gleich gebaut sind, von der Anzahl der Wörter bis zu ihrer Verteilung, erst in der Mitte der sechsten Zeile ändert sich das Verhältnis.

          Der Glanz der Nordlichtblitze

          Doch beim genaueren Hinsehen verschieben sich die scheinbar klaren Oppositionen. Die Verben „erkennen“ und „durchschauen“ bilden kein Gegensatzpaar, auch der „Rand des Atlantik“ und die „Stelle an der der Glanz / der Nordlichtblitze zu Ende geht“ sind nicht in Form eines Dualismus aufeinander bezogen. Eher handelt es sich um ein Moment der Steigerung, das die gewohnten Bedeutungen umkehrt. Die „Gesunden“ sind in ihrem Vertrauen auf den bloßen Verstand hier die eigentlich Eingeschränkten, ihre Erkenntnis reicht gerade bis an den Rand der sinnlich erfahrbaren Welt. Die „Kranken“ indes treten als die wirklich Sehenden auf, sie „durchschauen“ die Welt, was mindestens zweierlei heißen kann: Sie schauen durch die empirische Welt hindurch und realisieren zugleich, dass der reine Verstand und die Sphäre des Wahrnehmbaren nicht alles sind. Zwar durchschauen sie die Welt nicht ganz, aber doch bis zu jenem Punkt, an dem sehr besondere Phänomene zu sehen sind.

          Diese „Nordlichtblitze“ sind eine von Christoph Meckels ganz eigenen sprachlichen Fügungen. Von Anfang an hat er in seinem Schreiben eine Liebe zu imaginativen Welten, zu Träumen, Märchen und einer kindlichen Wahrnehmungsweise kultiviert. Hier begegnet man als Leser „Irrlichtjägern“ und „Goldstaubmühlen“, Chimären und Zwischenwesen wandern durch die Verse. Gleichwohl ging es Meckel nie darum, einfach eine Gegenwelt des Phantastischen zu etablieren. Vielmehr zielen seine Gedichte auf eine Art ganzheitlicher Atmosphäre, in der alles Gegensatzdenken aufgehoben oder wenigstens aufgelockert scheint, in der es nicht mehr darum geht, Tag für Tag zu kaufen, zu rechnen und zu verwalten – und in der doch die Irritationen und Brüche spürbar bleiben, die unsere Gegenwart durchziehen.

          Auch im Gedicht „Augen“ wird eine solch rissige Synthese entfaltet. Eine komplette Strophe behält Christoph Meckel ihr vor. Die Verschiebungen und Umdeutungen häufen sich nun. Zunächst einmal haben die Toten ihren Auftritt. Jene Toten, die in anderen Gedichten Meckels aus dieser Zeit in Form eines Requiems ihre Spuren hinterlassen, als „schwarze Kastanien“ oder als Opfer des „kalten Tods“. Nur jenseits des Lebens, so ließe sich deuten, ist der umfassende Blick möglich. Die Toten könnten aber auch Stimmen der dichterischen Tradition sein, die bei Meckel stets mitsprechen.

          Die „Augen“ verwandeln sich nun in die abstrakteren „Blicke“. Aus dem Verb „durchschauen“ wird ein noch weiter ausgreifendes „übersehen“, das in ein anderes, fast weises „erkennen“ überführt wird. In den Schlusszeilen verengt sich die Perspektive gleich zweimal. Die paradoxen „alternden Engel“ sind als betrachtete Betrachter genauso mehrdeutig angelegt wie die ominösen „Schlüssellöcher“ (Plural!). Vor allem aber rückt jenes Moment in den Blick, das stets anwesend war und doch kaum merklich im Hintergrund blieb, der Sprecher des Gedichts. Und man weiß beim Lesen nicht genau: Kommt hier, am Ende, ein neuer Impuls in die Verse? Oder kehrt man mit den Augen des Sprechers an den Anfang zurück, verschoben und doch offen, in einem emphatischen Sinne „ratlos“, wie es die Augen sind?

          „Augen“ ist nicht nur das Auftaktgedicht seines ersten Gedichtbandes „Tarnkappe“ aus dem Jahr 1956, Christoph Meckel hat es auch ausgewählt, seine 2015 erschienenen „Gesammelten Gedichte“ zu eröffnen. Als begnadeter Graphiker gestaltet er seine Bände stets selbst. Auf dem Schutzumschlag des Sammelbandes prangt ein stilisiertes Auge, das von goldenem Licht bestrahlt wird und zugleich wachsam ist für feinste gesellschaftliche Veränderungen. Seine Ränder sind fliederfarben, und die Pupille ist nicht zentriert, sondern leicht verschoben.

          Christoph Meckel: „Augen“

          gewidmet dem Gedenken Klabunds

          Die Augen der Gesunden
          erkennen die Welt
          bis an den Rand des Atlantik,
          die Augen der Kranken
          durchschauen die Welt
          bis zu der Stelle an der der Glanz
          der Nordlichtblitze zu Ende geht.

          Die Blicke der Toten
          übersehen die ganze Erde
          und erkennen selbst die alternden Engel
          die hinter den Schlüssellöchern
          schweigend sich drängen um einen Blick
          in meine ratlosen Augen zu werfen.

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