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Frankfurter Anthologie : Tomas Tranströmer: „April und Schweigen“

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Bild: Picture alliance

Das trübe Naturgedicht des schwedischen Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer bleibt so rätselhaft – man muss es immer wieder lesen.

          Es ist ein Frühlingsgedicht der anderen Art, das uns der schwedische Nobelpreisträger Tomas Tranströmer hier präsentiert. Gleich mit dem ersten Wort verbreitet das Gedicht eine negative Grundstimmung, die dem positiv besetzten Begriff „Frühling“ am Ende der ersten Zeile seine Wirkung nimmt. Die zweite Zeile verdunkelt – auch lautmalerisch – die Szenerie zusätzlich. Nur die gelb blühenden Blumen in der folgenden Strophe zeugen von der Jahreszeit und bieten zugleich den einzigen Lichtblick in diesem „samtdunkle(n)“ Text. Der poetischen Beschreibung eines öden Apriltages folgt in der dritten Strophe jedoch ein Perspektivwechsel: „In meinem Schatten werde ich getragen wie eine Geige in ihrem schwarzen Kasten.“

          An diesem Satz bleibe ich immer wieder hängen. Er ist der Kern des Gedichts, der diesen Text in besonderer Weise lyrisch auflädt. Der Schatten und der schwarze Kasten greifen bildlich und phonetisch mit ihren dunklen Vokallauten die traurige Stimmung auf und verstärken sie. Die Zeilenumbrüche verlangsamen das Lesen dieses Satzes und unterstützen seine Wirkung. Doch mitten in dieser düsteren Szenerie, in der Mitte der dritten Strophe, taucht das Wort Geige mit seinem hellen Klang auf. Diese feine Musikalität ist ein Kennzeichen der Gedichte von Tomas Tranströmer, der auch ein begabter Pianist war.

          Das große Rätsel

          Trotz des vermeintlich schlechten Wetters, auf das die fehlenden Spiegelbilder hinweisen, wirft das lyrische Ich einen Schatten. Oder es ist nur ein gedachter Schatten, der den Menschen wie der Tod stets begleitet? Der lyrische Sprecher sieht vor sich, wie er in einem „schwarzen Kasten“, seinem Sarg, getragen wird. Doch er gewinnt diesem Bild seiner Beerdigung etwas Tröstliches ab, da er „wie eine Geige“ vorsichtig und wertschätzend getragen wird. Dieses Sinnbild lässt zugleich den Tod als Geigenspieler in Erscheinung treten, wie er in Totentanzdarstellungen als Motiv auftaucht.

          Trotz dieser klaren Deutungsmöglichkeiten bleibt an dieser Textstelle etwas Undeutbares, etwas Rätselhaftes zurück. Dies ist charakteristisch für Tranströmers Lyrik, die sich zielgerichtet dem Unbegreiflichen und dem Unsagbaren nähert. Das ist auch ein Grund, warum mich Tranströmers Gedichte seit meiner Studentenzeit begleiten. Immer wieder kehre ich zu ihnen zurück und lese einzelne Gedichte nach Jahren anders.

          Das erste Gedicht in Tranströmers Debütband aus dem Jahr 1954 heißt „Präludium“und stellt tatsächlich das Vorspiel zu diesem schmalen Werk Weltliteratur dar. Es beginnt mit dem Satz: „Das Erwachen ist ein Fallschirmsprung aus dem Traum.“ Damit ist das thematische Spektrum eröffnet, in dem sich Tranströmers lyrische Texte bewegen. Ihr Leitmotiv bleibt der Grenzbereich zwischen Realem und Surrealem, in dem die Dinge in einem besonderen Licht erscheinen. Kühl, lakonisch und gleichzeitig in sprachmächtigen Bildern lassen uns seine Gedichte immer wieder Transzendenz erahnen: „Die Zeit ist keine gerade Strecke, eher ein Labyrinth, und drückt man sich an der richtigen Stelle gegen die Wand, kann man die eiligen Schritte und die Stimmen hören, kann man sich selbst auf der andern Seite vorbeigehen hören“, schreibt er in einem Prosagedicht mit dem Titel „Briefe beantworten“. In ähnlicher Weise blickt das lyrische Ich im vorliegenden Text in die nahe Zukunft.

          Die letzten Jahre seines Lebens war Tomas Tranströmer nach einem Schlaganfall weitgehend zum Schweigen verdammt. Diesbezüglich birgt die letzte Strophe auch ein wenig Trost, wenn man das Sprichwort, nach dem Reden nur Silber und Schweigen Gold ist, hineinliest. Trotz seiner starken gesundheitlichen Beeinträchtigung schuf Tranströmer ein bedeutendes Spätwerk, zu dem auch das Gedicht „April und Schweigen“ zählt. Im März 2015 kam dann der Tod, der ihn in seinen Gedichten zuletzt so intensiv beschäftigt hatte, ohne dass der Dichter eine Lösung für „Das große Rätsel“ – so der Titel seines letzten Lyrikbandes – gefunden hätte. Aber er ist ihr nahe gekommen.

          Tomas Tranströmer: „April und Schweigen“

          Öde liegt der Frühling.
          Der samtdunkle Wassergraben
          kriecht neben mir
          ohne Spiegelbilder.

          Das Einzige, was leuchtet,
          sind gelbe Blumen.

          In meinem Schatten werde ich getragen
          wie eine Geige
          in ihrem schwarzen Kasten.

          Das Einzige, was ich sagen will,
          glänzt außer Reichweite
          wie das Silber
          beim Pfandleiher.

          Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel.

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