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Frankfurter Anthologie : Anonym (um 1290): „Fatrasie 23“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Gedichtform „Fatrasie“ zielt auf größtmögliche Bedeutungsanarchie und auf semantisches Chaos. Damit ist sie zugleich ein Manifest der Freiheit. Wie modern das Mittelalter sein konnte! Welcome!

          Es sieht wirklich aus wie ein Dada-Gedicht oder ein surrealistisches Versgespinst. Das Merkwürdige ist nur, dass das Gedicht über sieben Jahrhunderte alt ist. Es entstand um das Jahr 1290 in der nordfranzösischen Stadt Arras und ist in einem einzigen Manuskript überliefert, das in der Pariser Bibliothèque de l’Arsenal unter der Nummer 3114 aufbewahrt wird. So viel scheinheilige Präzision zieht leider oft den Verdacht dreister Täuschung auf sich.

          Als ich das Gedicht 2010 mit ein paar Dutzend anderen Spielzeugen aus dem Mittelalter veröffentlichte, hieß es in einer Besprechung: „Es wäre nicht die erste Mittelalterfälschung.“ Es ist aber keine, und ich würde auch im ehrbaren Gefäß der „Frankfurter Anthologie“ noch einmal beschwören, dass das Gedicht authentisches Mittelalter ist.

          Alles muss unmöglich sein

          Die „Fatrasie“ hat eine feste Form, elf Verse, zwei Reime, streng abgezählte Silben. Aber in diesem engsten Korsett gibt es nur eine inhaltliche Regel: Alles muss unmöglich sein. Die Fatrasie besteht darauf, größtmögliche Bedeutungsanarchie anzurichten, semantisches Chaos, verkehrte Welten zu schaffen. Sie ist aber auch ein Manifest der Freiheit und des Eigenwillens der Poesie. Ihre Lust am Widersinn offenbart den Spieltrieb der Sprache. Ein „Genussgift ersten Ranges“ in unserer digitalen Welt habe ich damals - etwas übermütig - diese Gedichte genannt.

          Die Fatrasie 23 ist einer meiner Lieblingstexte im absurden Gehege kleiner mittelalterlicher Fundstücke. Von Anfang an wird jedes vernünftige Verhältnis von Groß und Klein umgestülpt, eine winzige Käsemade steht der Weltstadt Rom gegenüber. Und nicht mal das Tierchen selbst: nur ein Darmwind desselben. Aber der soll auch noch ein Kleidungsstück besitzen, ein Käppchen nämlich, das zugleich Transportgerät ist, in dem er die Riesenstadt wegzutragen sich anschickt. Auch die Gewichtsverhältnisse sind der totalen Verkehrung unterworfen. Stärker als bärenstark ist besagte Ausdünstung.

          Bei Lesungen wurde ich oft gefragt, warum so viele Käsemaden in diesen Gedichten vorkommen, und die Antwort war schlicht: Weil die Menschen keine Kühlschränke hatten. Käse war also etwas sehr, sehr Lebendiges.

          So wie hier Größe und Gewicht ins abgrundtief Absurde katapultiert erscheinen, so werden in anderen Fatrasien alle Zeitbegriffe verulkt. Es gibt in diesen kleinen Welten nämlich - etwa in der Fatrasie 15 - Tage außerhalb der Woche und Monate außerhalb des Jahres. Als ob Albert Einsteins Zeitschlaufen im dreizehnten Jahrhundert schon ihre zukünftige Karriere geahnt hätten.

          Das Stoffliche wird unvermutete Metamorphosen durchlaufen. Ein Ei kann aus Baumwolle bestehen und sich zu anmutigen Gesten hinreißen lassen. In anderen Fatrasien gibt es glaubhaft vorgebrachte Lieder aus Lauchsuppe und Würste aus Glas. Natürlich sind die Männer schwanger, Esel fliegen durch die Luft, und alle Schönheiten sind kopflos. Latente Gewalttätigkeit aber ist ein Merkmal diverser auftretender Subjekte und Gegenstände. Körperteile führen ein irritierendes Eigenleben. Da selbst der Gedanke eines Spitzbuben zu Handgreiflichkeiten neigen kann, wird der laute Zwischenruf eines sprachbegabten Apfelkerns sehr erwünscht sein.

          Dann die Fragen am Schluss, die alte Menschheitsfragen zu parodieren scheinen: „Woher kommst du? Wohin geht’s?“ Natürlich führt der Weg wie auch anderswo von der Geburt zum Tod. Aber da erklingt noch dieser umwerfend einladende, gastfreundliche Zuruf in einer Fremdsprache. Arras war eine florierende Handelsstadt, kostbare Textilien und Wandbehänge waren ihre Spezialität. Auf den Märkten wimmelte es von fremdsprachigen Äußerungen. Ob niederländisch (welkom!) oder deutsch, lustig-fremd ist das phonetisch wiedergegebene „huillecomme!“ am Ende des Originals allemal. Ich habe für die deutsche Übersetzung nicht das französische Gegenstück „bienvenue!“ gewählt, sondern das wortwurzelverwandte englische und geradezu pop-sprachliche „Welcome!“ Es ist eine Einladung in das Land purer, mithin auch hirnrissiger Poesie. Willkommen in Wonderland, in Absurdistan, im Wolkenkuckucksheim.

          Anonym (um 1290): „Fatrasie 23“

          Der Furz einer Käsemade

          wollte in seinem Käppchen

          Rom davontragen.

          Ein Ei aus Baumwolle

          nahm den Schrei

          eines Ehrenmannes beim Kinn.

          Der Gedanke eines Spitzbuben

          hätte ihn schließlich fast verprügelt,

          als ein Apfelkern

          ganz laut ausrief:

          „Woher kommst du? Wohin geht’s? Welcome!

           

          Aus dem Altfranzösischen von Ralph Dutli.

           

          ***

          Li pez d’un suiron

          En son chapperon

          Voloit porter Romme.

          Uns oés de coton

          Prist par le menton

          Le cri d’un preudomme.

          Ja le ferist en la somme

          La pensee d’un larron,

          Qant li pepins d’une pomme

          C’est escriez a haut ton:

          „Dont viens ? Ou vas ? Huillecomme !“ 

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