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Frankfurter Anthologie : Anne Sexton: „Die Abtreibung“

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

Die Autorin wurde in den fünfziger Jahren als Vertreterin der „Confessionalism“-Schule bekannt, der es um die unmittelbare Darstellung eigener Erfahrungen ging. Einzigartig ist ihre Gestaltung eines sonst verschwiegenen Themas.

          2 Min.

          Zu einer Zeit, als Schwangerschaftsunterbrechungen noch verboten waren, schnürt eine Frau ihre Reiseschuhe, setzt sich in ihr Auto und beginnt eine lange Fahrt durch den Staat Pennsylvania. Dort wird sie von einem kleinen Mann erwartet, den sie, wenn auch nur in der Verneinung, Rumpelstilzchen nennt. Anders als der Zwerg in Grimm’s Märchen, der um ein noch nicht geborenes Königskind Verhandlungen führte und das Kind, nach der Entbindung, der unwilligen Mutter entreißen will, entfernt dieses moderne Rumpelstilzchen ein Ungeborenes aus dem Körper der willigen Sprecherin. Trotzdem stilisiert sie ihn zu einem Miniaturmonster und bezeichnet das, was sie aufgibt, als „die Fülle, die mit der Liebe begann“. Dieser Zwiespalt durchtränkt das Gedicht mit einer fassungslosen Trauer.

          Die Vorfrühlingslandschaft, durch die sie fährt, ist widerspenstig, sogar düster und spiegelt somit die Empfindungen der Frau im Auto. Der Frühling wird nicht eintreffen, trotz der Blüten in der ersten Strophe und dem Grün der Berge, die wie Kinderzeichnungen anmuten („ich frag mich, ob irgendwas Zartes hier reift“). Statt Leben zu fördern, kracht die Erde „bösartig“, „eine dunkle Augenhöhle, aus der Kohle quoll“. Das Gedicht ist präzise, denn tatsächlich ist Pennsylvania eine Kernregion der amerikanischen Kohleindustrie. Die Erde als Mutter, lebensspendend, fruchtbar und ihre Kinder behütend, das ist eine uralte Metapher in der Lyrik. So heißt es im siebzehnten Jahrhundert in Friedrich von Logaus Epigramm über den Monat Mai: „Dieser Monat ist ein Kuss, den der Himmel gibt der Erde,/daß sie jetzund seine Braut, künftig eine Mutter werde.“ Manchmal kann diese Braut, in Umkehrung ihrer gottgewollten mütterlichen Funktion, auch hexenhaft stiefmütterlich und bedrohlich werden, ein Schlund. Ganz originell ist es jedoch, die Natur mit gewollter, geplanter Unfruchtbarkeit, also mit Abtreibung, in Beziehung zu setzen.

          Landschaft mit schwangerer Frau

          Auf dem Rückweg, nach dem vollzogenen Eingriff, vermittelt diese Landschaft, die so genau, wenn auch unfreundlich, beschrieben wurde, nur noch Aussichtslosigkeit, Straßen wie Blech, Fenster ohne Blick. Und schließlich geht in der letzten Strophe ein Riss durch diese – doch nur metaphorischen – Überlegungen. Sie werden als Alibi entlarvt. Die Abgrenzung vom eigenen Entschluss hält nicht stand, und eine herablassende, verächtliche innere Stimme rüttelt die Fahrerin im Auto auf: Das war der Tod, nicht einfach ein „Verlust“. Gesteh’s dir ein, sei nicht feig. Nenn es beim Namen. Du blutest, und dein Blut ist ein Baby.

          Anne Sexton wurde in den fünfziger und sechziger Jahren berühmt als eines der hervorragenden Talente der sogenannten „Confessionalism“-Schule: das waren Dichter, die ihre eigenen Erfahrungen unmittelbar und ohne die Scheidewand eines „lyrischen Ichs“ in Verse umsetzten und sich dabei von keinem Tabu abschrecken ließen. Persönliche Geständnisse und Erlebnisse, die sonst als unanständig oder schockierend, sogar als abstoßend galten, wurden, oft mit psychoanalytischen Deutungsversuchen, zu Poesie. Zweifelsohne hat diese Gruppe, zu der auch Sylvia Plath gehörte (mit der Sexton befreundet war), unser lyrisches Wahrnehmungsvermögen erweitert. Es war ein Durchbruch, besonders für die Darstellung vom weiblichen Intimleben.

          Abtreibung ist bekanntlich seit Jahrhunderten praktiziert worden und war immer weit verbreitet und zwar in allen Klassen und Gesellschaftskreisen. Umso erstaunlicher, dass die Literatur sich weitgehend darüber ausgeschwiegen und die Lyrik praktisch nichts dazu zu sagen hat. Als Bereicherung von poetisch erfassten gespaltenen Entschlüssen und erlebten Zweideutigkeiten ist das vorliegende Gedicht von Anne Sexton einzigartig.

          Anne Sexton: „Die Abtreibung“ / „The Abortion“

          Jemand, der leben sollte, ist weg.

           

          Just als die Erde den Mund spitzte für die Blüten

          wie sie sich einzeln aus ihren Knollen plustern,

          hab ich die Schuhe gewechselt und fuhr nach Süden,

           

          wo Pennsylvanias Blauer Berg mit grünem Haar

          einen endlosen Katzenbuckel macht,

          der wie mit Buntstift ausgemalt war.

           

          Die Straßen gesunken, wie ein graues Waschbrett hohl,

          wo wahrhaftig die Erde bösartig kracht,

          eine dunkle Augenhöhle, aus der Kohle quoll.

           

          Jemand, der leben sollte, ist weg.

           

          Das Gras wie Lauch borstig und steif,

          und ich frag mich, wann die Erde aufbrechen wird,

          und ich frag mich, ob irgendwas Zartes hier reift.

           

          In Pennsylvania traf ich einen kleinen Mann,

          er war nicht Rumpelstilzchen, bei weitem nicht...

          er nahm die Fülle, die mit der Liebe begann.

           

          Auf dem Rückweg war sogar der Himmel flach,

          wie ein hohes Fenster, das keine Aussicht hat

          und die Strasse ausgewalzt wie Blech.

           

          Jemand, der leben sollte, ist weg.

           

          Ja, diese Logik, meine Gute,

          führt zu Verlust ohne Tod. Oder sag doch, was du meinst,

          du Feigling: Dieses Baby, das ich ausblute...

           

          Aus dem Amerikanischen von Ruth Klüger.

           

          ***

          Somebody who should have been born is gone.

           

          Just as the earth puckered its mouth,

          each bud puffing out from its knot,

          I changed my shoes, and then drove south.
           

          Up past the Blue Mountains, where

          Pennsylvania humps on endlessly,

          wearing, like a crayoned cat, its green hair,

           

          its roads sunken in like a gray washboard,

          where, in truth, the ground cracks evilly,

          a dark socket from which the coal has poured,

           

          Somebody who should have been born is gone.

           

          the grass as bristly and stout as chives,

          and me wondering when the ground would break,

          and me wondering how anything fragile survives;

           

          up in Pennsylvania, I met a little man,

          not Rumpelstiltskin, at all, at all...

          he took the fullness that love began.

           

          Returning north, even the sky grew thin

          like a high window looking nowhere.

          The road was as flat as a sheet of tin.

           

          Somebody who should have been born is gone.

           

          Yes, woman, such logic will lead

          to loss without death.  Or say what you mean,

          you coward... this baby that I bleed.

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