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Frankfurter Anthologie : Friedrich Hölderlin: „An Zimmern“

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Bild: FAZ.NET

Ein Gedicht aus dem „Hölderlinturm“: Dort verbrachte der Dichter seine zweite Lebenshälfte in geistiger Umnachtung. Liest man die vier Zeilen, so ist man berührt von ihrer Schlichtheit.

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          Der Text gehört zu Hölderlins späten, „im Turm“ entstandenen, meist kurzen, gereimten Gedichten. Die Verse sind dem Schreinermeister Ernst Zimmer in Tübingen gewidmet, der Hölderlins Kostwirt in der Zeit der geistigen Umnachtung des Dichters war.

          Von 1808 bis zu seinem Tod 1843 wohnte Hölderlin in einem Zimmer des Turms, der zum Haus des Schreiners gehörte – er heißt bis heute „Hölderlinturm“. Er erlebte hier buchstäblich die zweite „Hälfte des Lebens“, wie er sie in dem gleichnamigen Gedicht 1804 vorausgeahnt hatte – einsam zwar, aber dank der Fürsorge Zimmers, seiner Frau und seiner Tochter glücklicherweise nicht, wie befürchtet, in einer düsteren Umgebung, in Mauern „sprachlos und kalt“.

          Man konnte sich ohne Schwierigkeiten mit ihm unterhalten, auch wenn er manchmal unverständliche Dinge sagte. Ständig sprach er mit sich selbst. Der einst durch „Hyperion“ Berühmte, inzwischen in der Öffentlichkeit fast Vergessene dichtete weiter, wollte seine Gedichte auch veröffentlichen, spielte aber im Turm ein Spiel mit wechselnden Identitäten. So nannte er sich zuweilen „Scardinelli“. Vor den Besuchern verbeugte er sich und begrüßte sie als Durchlaucht, Baron, Majestät; es gefiel ihm, wie er kundgab, mit vornehmen Herren, mit Königen und Päpsten zu konversieren.

          Wie mit dem Lineal gezogen

          Das Gedicht „An Zimmern“ ist ein kleiner Dank an den belesenen Schreiner, einen Bewunderer des Dichters, der ihn gegen bescheidene zweihundert Gulden im Jahr, die Hölderlins Mutter in Nürtingen bezahlte, in seine Haus- und Tischgemeinschaft aufgenommen hatte. Anfangs hatte er mit seinen kräftigen Armen den Tobsüchtigen öfter bändigen müssen. Doch bald hatte der Gast sich beruhigt und war nach Zimmers Eindruck „mild und weich“ geworden „Er ischt n’ gar gut’r lieber G’sell in meinem Haus. Er bedient sich selbst, er kleidt sich an und legt sich nieder, alles von selbsten.“ Und sein Wahnsinn? Zimmers Erklärung ist einfach: Es war kein Mangel an Geist. Es war im Gegenteil gerade das Übermaß an Gelehrsamkeit, das dem Dichter gefährlich wurde. „Wann das Gefäss allzu voll und verschlosse ischt, da muss es berrschte.“ Die von Kennern erwogene Ursache für Hölderlins Wahnsinn – Diotima – lehnte der wackere Meister rundum ab: „Kei’ Schwab’ wird in den Dreissigern aus Liebe verrückt.“

          Öfter kam Hölderlin in Zimmers Werkstatt. Einmal sah er dort die Zeichnung eines Tempels. „Er sagte mir, ich sollte einen von Holz so machen, ich versetzte Ihm darauf, dass ich um Brod arbeiten müsste, ich sey nicht so glüklich so in philosofischer Ruhe zu leben wie Er, gleich versetzte Er, Ach, ich bin doch ein armer Mensch, und in der nehmlichen Minute schrieb Er mir folgenden Vers mit Bleistift auf ein Brett.“ Es war das obige Gedicht. Es ist anzunehmen, dass Hölderlin die Verse nicht aus dem Augenblick geschöpft, sondern sie schon länger mit sich herumgetragen hatte, dass er sie also aus dem Gedächtnis niederschrieb, wie man dies auch von anderen Gedichten seiner Spätzeit weiß.

          Liest man die vier Zeilen des Gedichts „An Zimmern“, so ist man berührt von ihrer Schlichtheit. Die Verse sind wie mit dem Lineal gezogen. Nichts Prometheisches mehr, keine stürzenden Wolken, kein Äther, keine Wogen; stattdessen ein gleichmäßig einherschreitender, bedächtig ins Sprichworthafte übergehender Ton. Nach den gewaltigen poetischen Aufschwüngen der ersten Lebenshälfte ein Niedergleiten, ein Abschluss. Hölderlin scheint die eigene Poesie in seine Kinderarme zu nehmen. Und er spricht hier zum Handwerker Zimmer, als wolle er gerade einmal zu einer kleinen Religionsstunde ansetzen – Friedrich Hölderlin, der frisch aus dem Evangelischen Stift entlassene Theologe von einst.

          Friedrich Hölderlin: „An Zimmern“

          Die Linien des Lebens sind verschieden,
          Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
          Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
          Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

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