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Frankfurter Anthologie : Zbigniew Herbert: „An Yehuda Amichaj“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Sollte Dichtung einen festen Ort haben? Yehuda Amichai galt in Israel als einer der bedeutendsten Dichter. Zbigniew Herbert war sich nicht sicher, wohin er gehörte.

          2 Min.

          Als ich kürzlich die verdienstvolle neue Sammlung von Gedichten des israelischen Dichters Jehuda Amichai aus dem Jüdischen Verlag in die Hand nahm, fiel mir das Gedicht „An Yehuda Amichaj“ von Zbigniew Herbert wieder ein, abgedruckt in seinem Band „Rovigo“ von 1995. Es ist ein Band voller Widmungsgedichte und trauriger Erinnerungen, manchmal liest er sich wie eine Sammlung von Abschiedsbriefen an Freunde. „Jetzt lieg’ ich im Spital und sterbe am Alter“, heißt es im „Lebenslauf“ des Siebzigjährigen, der damals tatsächlich schwer erkrankt war und fünf Jahre nach Erscheinen des Buches qualvoll starb.

          Es beginnt mit „An Henryk Elzenberg zum hundertsten Geburtstag“, dem geliebten, bei uns leider wenig bekannten philosophischen Lehrer Herberts: „Was wär aus mir geworden, hätt‘ ich Dich nicht getroffen – mein Meister Henryk“; es folgen Verse für die Untergrundkämpfer, ein Gedicht zum Andenken an Hauptmann Edward Herbert, eines für die Kunsthistorikerin Maria Rzepinska, ein Gedicht als Antwort für eine Ansichtskarte von Adam Zagajewski, ein Gedicht an Czeslaw Milosz, der damals noch in Kalifornien lebte und mit dem Zbigniew Herbert eine prekäre Freundschaft verband, Zeilen zu dem „vorgegebenen Thema ,Die Freunde gehen fort‘“. Und mittendrin das Gedicht „An Yehuda Amichaj“.

          Zwiegespräche zweier vertriebener Dichter

          Es gibt Dichter, die verschwenderisch mit Widmungen umgehen – von der Geliebten über andere Dichter bis zu Väterchen Stalin (in Deutschland außer Mode gekommen, es gibt meines Wissens kein Gedicht an Helmut Kohl und keine Ode auf Angela Merkel) –, und andere, die damit geizen oder nur implizit widmen: „An . . .“ (in der Hoffnung, dass die Angesprochene Gedichte liest und mag). Und schließlich gibt es raffinierte Widmungen, die bestimmte Wendungen anderer Dichter aufnehmen, ohne die Quelle zu nennen.

          Seltsamerweise gibt es keine sorgfältige Geschichte und Systematik der Widmungen, die das unterirdische Myzel der persönlichen und literarischen Beziehungen freilegt und eine Widmungspolitik erkennen lässt. Dazu würde dann auch die zurückgenommene Widmung gehören, zum Beispiel Heideggers Streichung der Widmung für seinen Lehrer Edmund Husserl in der zweiten Auflage von „Sein und Zeit“.

          Zbigniew Herbert wird Jehuda Amichai 1991 kennengelernt haben, als ihm in Israel der Jerusalem-Preis zugesprochen wurde. Zwei Herren des Jahrgangs 1924, die wahrscheinlich deutsch miteinander gesprochen haben. Dem kleinen Yehuda, der damals noch Ludwig hieß, war 1935 mit seinen Eltern die Flucht aus Würzburg nach Palästina gelungen; der junge Zbigniew kämpfte als Partisan gegen deutsche Besatzer und musste nach dem Krieg seine Heimatstadt Lemberg verlassen, die der Ukraine zugeschlagen wurde. Man sprach also Deutsch miteinander. Amichai galt in Israel als einer der bedeutendsten Dichter (neben Natan Zach aus Berlin und Dan Pagis aus der Bukowina), auf jeden Fall war er der bekannteste; Zbigniew Herbert war sich nicht sicher, wohin er gehörte, er pendelte zwischen Warschau, Amerika, Berlin und Paris, seine Liebe galt der griechischen Mythologie und der holländischen Malerei des Goldenen Zeitalters, ein Leben aus dem Koffer, von Depressionen bedroht und trotz der großen Anerkennung ohne finanzielle Absicherung.

          Und genau darüber werden die beiden Dichter gesprochen haben, die beiden Vertriebenen, von denen einer es zu einer „bürgerlichen“ Existenz, zu Anerkennung und einem gewissen Wohlstand gebracht hat, während der andere noch immer durch die Welt irrte. Der eine ist König geworden, der andere ist der Herzog Sans-Terre geblieben. Zum Abschied wird Amichai gesagt haben, ich hoffe, dass Sie bald den Ort finden, an dem Sie sich heimisch fühlen. Und Herbert wird mit diesem Gedicht geantwortet haben: Nein, diesen Ort gibt es für mich nicht.

          Seit dem Jahr 2000, dem Sterbejahr von Amichai, können nun beide Dichter im Himmel weiter die Frage erörtern, ob es „besser“ für die Dichtung ist, einen festen Ort zu haben oder nicht. Ich weiß leider nicht, ob im Himmel Deutsch gesprochen wird.

          Zbigniew Herbert: „An Yeuhda Amichaj“ / „Do Yehudy Amichaja“

          Denn Du bist der König und ich nur der Herzog
          ohne Land mit einem Volk das mir vertraut irre ich bei Nacht
          schlaflos umher

          Du aber bist der König und betrachtest mich
          mit freundlicher Sorge – wie lange ich so umherirren kann
          in der Welt

          – Lange Yehuda. Bis zum Ende

          Sogar unsere Gesten sind verschieden – die Geste
          der Gnade der Verachtung des Verstehens

          – Um nichts bitte ich Dich nur um Verstehen

          Am Feuer schlafe ich ein die Faust unterm Kopf
          wenn die Nacht endet heulen die Hunde auf den Bergen
          schreiten die Wachen

          Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler

          ***

          Bo ty jesteś król a ja tylko książę
          bez ziemi z ludem który mi ufa błądzę po nocy
          bezsenny

          A ty jesteś król i patrzysz na mnie z przyjaźnią
          i obawą – jak długo mogę tułać się
          po świecie

          – Długo Yehudo                   Do końca

          Nawet gesty mamy inne – gest łaski gest pogardy
          gest zrozumienia

          – O nic ciebie nie proszę oprócz zrozumienia

          Zasypiam przy ognisku z pięścią pod głową
          gdy noc się dopala psy wyją i po górach chodzą
          straże

          Zbigniew Herbert: „Rovigo“. Gedichte. Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995. 59 S., geb., 17,80 €.

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