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Frankfurter Anthologie : Uwe Greßmann: „An den Vogel Frühling“

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Seit jeher gehört es zu den Aufgaben der Dichter, den Frühling zu besingen. Das gestaltet sich seit Rilke aber immer schwieriger. Dieses Gedicht versucht eine Remythologisierung.

          Wer hat die Flügel, mit dem „Vogel Frühling“ in einen strahlend blauen Himmel zu steigen, die Welt zu verwandeln und mit ihr verwandelt zu werden? Seit jeher gehört es zu den vornehmeren Aufgaben der Dichter, den Frühling zu besingen, das ihm innewohnende Moment von Wiedergeburt, Aufbruch und Chance zu feiern. Nach Goethes „Osterspaziergang“, Mörikes „Er ist’s“ („Frühling läßt sein blaues Band ...“), auch Rilkes „Vorfrühling“ noch, ist diese Feier allerdings nicht mehr so leicht zu haben. Aus nachvollziehbaren Gründen wurde (und wird) sie seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eher nüchtern begangen: „Das Grün siegt in den Träumen der Spaziergänger“ schreibt etwa Karl Krolow. Im angelsächsischen Sprachraum preist T.S. Eliot in seinem berühmtem Langgedicht „The Waste Land“ den Frühling ex negativo: „April is the cruellest month, breeding / Lilacs out of the dead land, mixing / Memory and desire, stirring / Dull roots with spring rain.“, während E.E. Cummings ihn mit „Spring is like a perhaps hand“ in seiner Ungreifbarkeit und Zartheit aufsucht. Uwe Greßmann ruft den Frühling noch einmal unmittelbar an, indem er ihn remythologisiert, ihn als eine „sagenhafte“ Gestalt auftreten lässt, die als geflügelter Bruder des Morgens und Gesandter der Sonne die Erde besucht.

          Dabei geht die Art, in der Greßmann Frühling und Vogel verbindet, über einfache Analogien hinaus. Sein Frühling ist „jung“ von morgendlichem Tau, aber auch „uralt“, da immer wiederkehrend; er ist ein irdisches und zugleich kosmisches Ereignis; alles Lebendige aktiviert er und ist doch flüchtig, nur zu Besuch; seine Kräfte verdanken sich der Sonne, sind aber auch magisch, jeden Begriff übersteigend: Hebt dieser Vogel den Kopf, ist der Himmel blau. Das Gedicht schließt mit einer für Greßmann typischen poetischen Verschiebung: Nicht die Sonne an sich lässt die Menschen leben, sondern der Umstand, dass sie sie im Frühling „ansieht“, zu ihnen Kontakt aufnimmt.

          Die kosmische Tagung von Berlin-Mitte

          Was ist naiv? Friedrich Schillers Ausführungen in „Über naive und sentimentalische Dichtung“ nach ist der „kindlich naive“ Charakter „im Einklang mit der Natur“, „einig mit sich selbst und glücklich im Gefühl seiner Menschheit“, und er befindet sich in diesem Zustand, ohne darum zu wissen. All das trifft auf die Lyrik Uwe Greßmanns in gewissem Maße zu, allerdings kommt Schillers Naivitätsbegriff hier auch an seine Grenzen. Im Einklang mit der Natur ist dieser Dichter nämlich nur insofern, als man darunter etwas wie die „Humanitas der Dinge“ oder, besser, die „Universalität des Humanen“ versteht.

          Greßmann ruft Natur weder als solche an, noch versucht er, wie etwa um diese Zeit der französische Dichter Francis Ponge, seine Poesie von ihren Phänomenen her zu denken. Alle ihre Elemente sind bei ihm vielmehr als Kräfte im Dienst einer gesellschaftlichen Entwicklung angesprochen, die zudem nicht auf die Erde beschränkt, immer auch eine kosmische ist.

          Greßmann schrieb seine Gedichte in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Ost-Berlin. Die sozialistische Idee und die Gesellschaft, die sich an ihrer Umsetzung versuchte und sich dabei zusehends in Widersprüche verstrickte, waren seine Impulsgeber neben historischen Stoffen vom Gilgamesch-Mythos bis zu Dr. Faustus, Volksdichtung und Hegels Phänomenologie.

          Dass dieser 1933 geborene Dichter auch nach seinem frühen Tod 1969 in der offiziellen Literatur keine Rolle spielte, dürfte mit der Mischung aus utopischem Kommunismus, bedingungsloser Humanität und oft kalauerndem Eigensinn zu tun haben, die den unverwechselbaren Ton seiner Gedichte ausmacht. Sonne und Erde reisen da zur kosmischen Tagung „wohin die Partei sie rief ... nach Mitte der Hauptstadt“ (und steigen vorher aus), Behördengänge werden zu Raumfahrten, die Nacht zündet sich Zigarren mit Kometen an, die Firma heißt Irma (und eine Streichholzfirma „Komet“), die Erde wird wie eine Freundin besucht und auf einem Schaufensterbummel begleitet. Ein Konvolut von Gedichten, in denen Greßmann den Staat im sagenhaften Schilda spiegelt, wurde erst in den neunziger Jahren veröffentlicht.

          Die Dichter hingegen bemerkten ihn früh; vor allem Adolf Endler setzte sich für Greßmann ein, der zeit seines Lebens nahezu mittellos, nach einer Kindheit in Heimen und einer Jugend in Hospitälern von einer Lungenkrankheit gezeichnet und weitgehend auf sich gestellt, fast nur für sein poetisches und episch-dramatisches Werk lebte. Zu seinen Lebzeiten ist nur ein Gedichtband erschienen, „Der Vogel Frühling“, dem unser Gedicht entnommen ist. Es ist eines der schönsten Frühlingsgedichte deutscher Sprache.

          Uwe Greßmann: „An den Vogel Frühling“

          Daunen dringen aus dir.
          Davon kommen die Blumen und Gräser.

          Federn grünen an dir.
          Davon kommt der Wald.

          Grüne Lampen leuchten in deinem Gefieder.
          Davon bist du so jung.

          Mit Perlen hat dich dein Bruder behaucht, der Morgen.
          Davon bist du so reich.

          Uralter, du kommst aus dem Reich der mächtigen Sonne.
          Darum kommen Menschen und Tiere, und: Erde,
          Dich zu empfangen.

          Da du sie eine Weile besuchst,
          Sind sie erlöst und dürfen das weiße Gefängnis verlassen,
          In das sie der Winter gesperrt hat.
          Und davon kommen die Sänger,
          Die dich besingen.

          Frühling, du lieblicher.
          Du richtest den Kopf hoch.
          Davon ist der Himmel so blau.

          Und es wärmt uns alle dein gelbes Auge.
          Und du siehst uns an.
          Und darum leben wir.

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