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Frankfurter Anthologie : Du Fu: „An den Dichter Pi Su Yao“

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Bild: CPA Media

Der Dichter Du Fu lebte während einer einzigartigen Kulturblüte im alten China. Seine Verse über Anspruch und Wirklichkeit der Dichter aber sind zeitlos.

          Diese elegischen Verse schickte ich im Herbst 1971 nach Rom, wo Hermann Peter Piwitt seinen Roman „Rothschilds“ fertigstellte, der 1972 erschien. Piwitt war 36, ich 27, doch trotz des Altersunterschieds gehörten wir derselben Generationskohorte an und hatten im Literarischen Colloquium Prosaschreiben studiert, zusammen mit Peter Bichsel, Nicolas Born, Hubert Fichte und anderen. Unsere Lehrer waren Günter Grass, Uwe Johnson und Peter Weiss, und die schon vor 1968 einsetzende Studentenrevolte hatte unser Leben und unsere Arbeit aufgemischt. China war in aller Munde durch Maos Kulturrevolution; als Stipendiat eines Writer’s Workshop in den Vereinigten Staaten hatte ich begonnen, Chinesisch zu lernen und, gestützt auf Interlinearversionen, Gedichte von Li Bo und anderen Klassikern übersetzt. Die aus Singapur stammende Lyrikerin Wong May half mir dabei, bis ich, genervt von den vier Tönen: Ma, má, mà, mă (wörtlich übersetzt: Mutter hat das Pferd gelähmt), das Handtuch warf.

          Die Bekanntschaft mit Du Fu aber verdanke ich Kenneth Rexroth, dem Entdecker der Beat Poets, der auf Einladung Walter Höllerers 1967 nach Berlin kam. Trotz oder wegen seiner deutschen Vorfahren hasste er Deutschland und bildete sich ein, im Zuge der Entspannungspolitik hätten Kennedy und Chruschtschow vereinbart, ihn nach Berlin zu entsenden. Rexroth war Mitbegründer der San Francisco Renaissance, schrieb Erzählungen und Essays und trat mit Nachdichtungen fernöstlicher Lyrik hervor. In San Francisco, wo er mir Kuttelsuppe vorsetzte, schenkte er mir sein Buch mit hundert Übersetzungen aus dem Chinesischen – ein Augenöffner, der mir ein goldenes Zeitalter der Poesie erschloss. In dieser Textsammlung steht das vorliegende Gedicht.

          Weit weg und lange her

          Du Fu (712 bis 770) war ein Zeitgenosse der Merowinger, als Europa noch im Dornröschenschlaf lag, während das China der Tang-Dynastie eine einzigartige Kulturblüte erlebte. Wie viele chinesische Dichter schlug er die Beamtenlaufbahn ein, aber die Revolte des Generals An Lushan, der die Nordgrenze vor den Barbaren schützen sollte, beendete seine Karriere. Er floh mit dem Hofstaat, geriet in Gefangenschaft, fiel beim Kaiser in Ungnade und wurde in die Provinz verbannt, wo er in einer Grashütte hauste, bevor er 770 im heutigen Xian starb. Häufige Ortswechsel, Verfolgung und Unterdrückung haben sein Leben geprägt, aber das Exil kam Du Fus Dichtkunst zugute. Hier artikuliert sich, tausend Jahre vor Goethes „Tasso“, ein modernes Individuum, das, nicht ohne Ironie, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit benennt.

          Doch warum schickte ich das Gedicht meinem in der Villa Massimo lebenden Freund? Es war die augenzwinkernde Hommage eines damals noch jungen Autors an seinen Kollegen, der klassisches Kulturerbe an der Quelle studierte. Damals war es schwer vorstellbar, dass die von Du Fu beklagte Isolation auch Piwitt oder mich heimsuchen könnte: nicht qua Verbannung ins Exil, sondern durch Rückzug in die Resignation. „Alt und allein/singe ich nur noch für mich selbst“, schreibt Du Fu: „Ich denke nach über die Nutzlosigkeit von Briefen.“ Das Zitat spricht für sich, denn im alten China zirkulierten Gedichte, wie bei den Römern, in Briefform.

          Du Fu: „An den Dichter Pi Su Yao“

          Wir haben Talent. Man nennt uns die
          führenden Dichter der Gegenwart. Schade,
          unsere Häuser sind dürftig, unser Erfolg
          trivial. Hungrig und schlecht gekleidet
          strafen uns unsere Frauen mit Verachtung.
          In der Mitte des Lebens sind unsere
          Gesichter runzlig. Wer kümmert sich
          um uns und unsere Sorgen? Wir sind
          unser eigenes Publikum, jeder lobt die
          literarischen Qualitäten des anderen.
          Unsere Namen werden genannt
          zusammen mit denen großer Toter.
          Wir trösten uns gegenseitig. Bestimmt
          werden wir Nachfolger finden.

          Übertragen von Hans Christoph Buch

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