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Frankfurter Anthologie : Paul Fleming: „An Chrysillen“

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Bild: Picture-Alliance

Einer der besten deutschen Liebesdichter war ein von der Liebe Verwundeter. Seine Verse an Chrysille bestechen durch eine rätselhafte Lücke.

          3 Min.

          Er war Arzt und ein großer Reisender, der mit der Gesandtschaft des Adam Olearius zwischen 1634 und 1639 Russland und Persien erkundete: der 1609 im sächsischen Hartenstein geborene, mit nur dreißig Jahren 1640 in Hamburg an einer Lungenentzündung verstorbene Paul Fleming. In Reval verliebte er sich in Elsabe Niehusen, und als diese einen andern heiratete, verlobte er sich mit deren jüngerer Schwester Anna. Doch der frühe Tod durchkreuzte jeden Lebensplan. Einer der besten Liebesdichter deutscher Zunge war ein von der Liebe Verwundeter.

          Ein seltsames, hintergründiges Gedicht widmete er einer Frau namens Chrysille. In ihrem Namen versteckt sich das griechische Wort „chrysos“ für „Gold“, man könnte ihn also mit „Goldmädchen“ übersetzen. Geradezu delirierend „vergoldet“ der Dichter die Reize dieser Frau, verschluckt sich fast am Gold. Das Wort kommt, das Eigenschaftswort „gülden“ und den griechischen Gold-Vornamen eingerechnet, zwanzig Mal vor in den vierzehn Versen seines Sonetts, dessen fünfter jedoch unvollständig ist, das also eine Lücke oder einen merkwürdigen Webfehler aufweist.

          Ist es wirklich ein Liebesgedicht oder Lob einer angehimmelten Frau? Die deutschen Barockdichter waren durchtriebene Erotiker. Die Propheten der „Wollust“ beriefen sich auf ihren kompetenten Kollegen Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau: „Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit / Was kann uns mehr denn sie den Lebenslauf versüßen? / Sie lässet trinckbar Gold in unsre Kehle fließen / Und öffnet uns den Schatz beperlter Liebligkeit...“

          Goldmädchen mit Webfehlern

          Es war die Zeit der Alchemisten, die nach dem „trinkbaren Gold“ (Aurum potabile) als einem Allheilmittel fahndeten. Dass Jupiter/Zeus in Flemings Sonett auftaucht, ist ein Wink auf die erotische Biographie des Göttervaters. Der verliebte und zeugungslustige Zeus verwandelt sich in einen goldenen Regen, um in Danaës Schoß zu gelangen. Gold als göttlicher Samen – als Sujet für die Malerei der Renaissance (etwa bei Tizian) ein prächtiges goldenes Fundstück.

          Die erotische Gold-Obsession der Barockdichter wird im Goldrausch von Flemings Gedicht „An Chrysillen“ auf die Spitze getrieben. Das Sonett zeigt jedoch auffällige Unregelmäßigkeiten – gerade dort, wo es zu erotisch zu werden droht. Ein Akt der Selbstzensur? Oder ein Spiel mit dem Leser, der aufgefordert ist, die Fehler zu erraten und im Geist zu reparieren?

          Verschweigt die fehlende zweite Hälfte des fünften Verses einen weiteren goldenen Körperteil? Vielleicht Chrysillens weibliches Geschlecht? Der Reim geht auf „-icht“. Spekulieren erlaubt? Aber ja. Ein Vorschlag: „Gold ist dein Gärtchen schlicht“ – um in der ehrwürdigen „Frankfurter Anthologie“ nur eine harmlosere Metapher als Platzhalter für den betreffenden weiblichsten Körperteil ins Spiel zu bringen. Was der dritte Vers noch wolkig mit „und was uns macht Verlangen“ umschreibt, würde im fünften – aber nur diskret, also halbwegs – deutlich.

          Flemings ironisch bis ätzend übersteigertes Lob der erotischen Ausstrahlung, eines weiblichen Goldes, „des Goldes Gold“, hat eine entlarvende Pointe. Spricht es nur von der Unnahbarkeit, Unerreichbarkeit der angeblichen Schönheit? Oder ist es eher die Verspottung einer käuflichen Liebe? Denn ganz am Schluss geht es plötzlich um Bezahlung, besser: um Unbezahlbarkeit. Die goldene Chrysille ist vielleicht schlicht eine Priesterin der Venus der oberen Preiskategorie. Kaum ist das weibliche Gegenüber mit sprachlichem Gold überhäuft, klebt Fleming hinterlistig ein Preisschild an den Schluss des Sonetts und lässt dessen Sinn kippen – von der Vergoldung in die Verspottung.

          Ein weiterer Webfehler: Das letzte Wort „bezalen“ im zweiten Terzett reimt sich auffällig nicht auf das Wort „Schätzen“ im ersten Terzett, was es doch eigentlich tun sollte. Könnte man sich hier spekulierend ein anderes Reimwort als Ersatz denken, vielleicht „ergetzen“ (ergötzen)? Der reparierte Vers könnte dann lauten: „So kann dich Niemand nicht, als du dich selbst ergötzen.“ Das hypothetische „richtige“ Reimwort entlarvt die einzig um sich selbst kreisende Autoerotik der mit so viel Gold assoziierten Gestalt.

          Doch Fleming braucht keine Reparatur: Dass er das Sonett mit dem falschen, plumpen Nichtreimwort „bezalen“ enden lässt, ist die von ihm beabsichtigte hintergründige Pointe. In der Poesie ergibt ein seltsamer Defekt manchmal mehr Sinn als die erwartete Perfektion. Flemings Sonett ist ein besonderes Gedicht gerade durch die Webfehler, die anzeigen, dass hier „etwas nicht stimmt“. Es sticht hervor, es hat einen Widerhaken.

          Es kommt also nicht zur Paarbildung durch den Reim. Ungereimt meint hier: unverpaart bleibend. Das Golddelirium des Paul Fleming beschwört Allmacht und Abgrund des Sexus. Es verhüllt und enthüllt eine vom Makel befleckte Schönheit. Sie spiegelt sich im absichtsvoll „fehlerhaften“ Sonett. Nicht nur die angesprochene zweifelhafte Schöne, auch Flemings Sonett ist ein Goldmädchen mit Webfehlern.

          „An Chrysillen“ von Paul Fleming

          Gold ist dein treflichs Haar, Gold deiner Augen Licht,
          Gold dein gemalter Mund, Gold deine schöne Wangen,
          der Hals, die Brust, der Leib und was uns macht Verlangen,
          Gold ist die Rede selbst, die deine Zunge spricht,

          die auch ganz gülden ist . . . . . . .
          Ach! daß sich doch mein Herz an dieses Gold gehangen!
          Gold suchet Iedermann, Gold läßt sich noch erlangen.
          Dich, du des Goldes Gold, kan ich erlangen nicht.

          Chrysille, güldnes Bild und güldner noch als Gold,
          dein mehr als güldner Preis ist mehr als Gold verzollt.
          Dis hat nicht so viel Gold in allen seinen Schätzen,

          so viel nicht Jupiter, der alles Gold aufhäuft.
          Wenn du dich hältst so hoch, als sich dein Wert beläuft,
          so kan dich Niemand nicht, als du dich selbst bezalen.

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