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Frankfurter Anthologie : Peter Härtling: „Altes Spiel“

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Bild: dpa

Dieses Gedicht ist durchzogen von der, für Peter Härtling typischen, Paradoxie des Erinnerns. In Gang gehalten wird es vom Widersinn, der sich in der Poesie besonders wohl fühlt.

          3 Min.

          Spielgeist. Spiegelgeist“ lautet der für Peter Härtlings Gesamtwerk programmatische Titel eines Gedichtzyklus aus dem Jahr 1962; darin enthalten das Gedicht „Altes Spiel“. Das Versmaß des vierhebigen Trochäus war von Herder bis ins neunzehnte Jahrhundert ein beliebtes metrisches Schema der Romanzenstrophe. Zusammen mit der zur Zeit der Entstehung des Gedichts oft verwendeten Kleinschreibung steht seine Form nicht zufällig zwischen Romantik und Moderne; neuere Einflüsse sind erkennbar, von Hans Arp, mit dem Topos des „Bodenlosen“, bis zu Helmut Heißenbüttel, dem Härtling nahestand.

          Ein Wortspiel gibt den Takt vor: Das Adverb „immerhin“, das gewöhnlich eine eingeschränkte Anerkennung bezeichnet, wird hier als Ausdruck für eine Bewegungsrichtung wörtlich genommen und mit seinen Abwandlungen („immerher“, „immerdumm“, „immerleis“, „immerlaut“) in Widersprüche verwickelt. Schließlich wird es, mitsamt seinem Gegensatz, zum Subjekt. Die Entgegensetzung öffnet den Blick auf eine Welt und Gesellschaft, die sich nicht recht fassen lassen will.

          Nicht mehr weiter so

          Was verneint werden soll, wird nicht gesagt. Das abstrakte Nein wirft Fragen auf: Steht es im Dienst der Verleugnung, die das Verdrängte erst recht zur „wiederkehr“ „lockt“? Oder richtet es sich gegen das Verschweigen der im Schweigen wiederkehrenden Vergangenheit – im Deutschland der frühen sechziger Jahre? Das Nein verspottet diejenigen, die die Vergangenheit ruhenlassen wollen. Umgekehrt wollen die Leugner gerade jene der Lächerlichkeit preisgeben, die Aufklärung verlangen.

          Sowohl die einen als auch die anderen stehen in der Gefahr, sich zu verlieren im „immerhin und immerher“, dem „fliegenleim“ zu erliegen, den eine geschichtsvergessene Gesellschaft ausgelegt hat. Im „Turnier des Antithetischen“ setzt „der . . . die maske auf, der setzt sie ab“, so beginnt das Gedicht Zwei Traumfiguren. „Alles ist möglich, nichts ist möglich; das Spiegelbild und der vorm Spiegel“, schreibt Härtling ein Jahr zuvor.

          Die „wände“, die den Horizont rückwärts und vorwärts, zur Vergangenheit und zur Zukunft begrenzen, werden durch das Nein dünner, vielleicht durchlässig. Dem „lachen“ der Spötter begegnet man auf beiden Seiten nicht milde, sondern „härter“, es wird eingeschmolzen, aufgelöst, auf dass den jeweils anderen das Lachen vergehe. Dabei muss das fordernde Nein sich mit bunten Fetzen zum Narren machen, um zu provozieren und die Wahrheit offenkundig werden zu lassen. Die Geschichtsvergessenen (ver)kleiden sich nach der neuesten Mode, um nicht erkannt zu werden. „Immerdumm“ sind wohl beide. Der Leugner versteckt sich hinter der vorgetäuschten Dummheit, nichts gewusst zu haben. Dass auch der Erinnernde, der gegen das Vergessen eintritt, dumm erscheint, muss er in Kauf nehmen.

          So zeigt sich die „welt“ als ein Sowohl von „immerleis und immerlaut“. Damit weitet sich die Perspektive. Die „welt“, die auf der Leere gründet, auf dem Verschwinden der Vergangenheit, hat den „argwohn“ arglistig „umgetauft“, ihm einen gefälligen Namen gegeben und auch noch einen Segen verpasst. Die Vergangenheit scheint bewältigt, und das „feilschen“, das wenigstens einen Rest von Diskussion bewahrt, wird umstandslos „verkauft“, aufgegeben.

          Fragmenten vertrauen

          In der Umkehrung des „immerher und immerhin“ ist nun das zweifache Adverb zum Subjekt geworden. Aus dem „widersinn“ kann es nur verstohlen heraus „blinzeln“, mit zugekniffenen Augen, die nicht aufrichtig blicken. Und der „widersinn“ stolziert auf dünnen Beinchen, trägt nicht, ist schwach – und will doch keine „hilfe“ annehmen. Der Einsatz der Adverbien lässt ein Da capo befürchten, einen fortgesetzten Streit zwischen einem Weiter so und einem Neubeginn.

          Seinem zwei Jahre später erschienenen Roman über Nikolaus Lenau, „Niembsch oder Der Stillstand“, hat Härtling Sätze von Kierkegaard als Motto vorangestellt: „Wiederholung und Erinnerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn was da erinnert wird, ist gewesen, wird nach rückwärts wiederholt, wohingegen die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert wird.“ Die Paradoxie des Erinnerns durchzieht Härtlings Werk, die Neuerzählung der Geschichte als Finden und Erfinden und als Spiegelung des eigenen Lebens im fremden: „Ich schreibe Geschichte, und es ist gleichgültig, ob es die meine oder die anderer ist. Ich rekonstruiere, indem ich zitiere und Fragmenten vertraue.“ In der erinnernden Wiederholung sollen Geschichte und Geschichten der Zukunft Platz machen, damit das „alte Spiel“ zwischen Ja und Nein, Zustimmung und Ablehnung, Bleiben und Gehen ein Ende habe, wie es sich der „Wanderer“ Härtling gewünscht hat.

          Peter Härtling: „Altes Spiel“

          immerhin und immerher
          lockt das nein zur wiederkehr
          setzt den spöttern nasen auf
          nimmt den fliegenleim in kauf –

          heißt die wände dünner sein
          schmilzt das lachen härter ein
          hängt sich bunte fetzen um
          immerhin und immerdumm

          immerleis und immerlaut
          hat die welt ins loch gebaut
          hat den argwohn umgetauft
          und das feilschen rasch verkauft.

          immerher und immerhin
          blinzeln aus dem widersinn
          der auf dünnen beinen geht
          und um keine hilfe fleht.

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